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"Für mich war der Vilsmaier überhaupt kein Heimatfilmer" | BR24

© Tobias Hase/dpa picture-allliance

Regisseur Hans Steinbichler

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"Für mich war der Vilsmaier überhaupt kein Heimatfilmer"

Joseph Vilsmaier hatte die große Gabe, neue Themen zu setzen und neue Schauspieler zu entdecken. Beides hat Regisseur Hans Steinbichler ("Hierankel") gleichermaßen an dem vorgestern verstorbenen Regisseur beeindruckt. Ein Gespräch.

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Die bayerische Filmwelt trauert um den Kameramann und Regisseur Joseph Vilsmaier, der vorgestern mit 81 Jahren verstorben ist. Hans Steinbichler, Regisseur von "Hierankel" ,"Winterreise" ,"Landauer – Der Präsident" , oder "Das Tagebuch der Anne Frank", gehört einer späteren Generation an, für die galt, dass Vilsmaier "immer schon da war". Christoph Leibold hat mit dem Regisseur über Joseph Vilsmaier und was er an ihm besonders schätzt, gesprochen.

Christoph Leibold: Herr Steinbichler. Guten Morgen! Was war denn aus Ihrer Sicht die herausragende Eigenschaft von Joseph Vilsmaier?

Hans Steinbichler: Wir sind ja wirklich eine Generation über 30 Jahre hinter ihm zurück, und das Erste, was man von ihm sagen konnte, war: Er war einfach immer schon da. Aber was ich so bemerkenswert finde, ist seine Themenfindung, wenn man sich seine Filme ansieht, die wichtig sind, "Herbstmilch", "Rama dama", "Stalingrad", "Schlafes Bruder" und "Comedian Harmonists".

Ich habe ihn immer unglaublich bewundert für die Dinge, die er gesehen und gefunden hat, die waren zu ihrer Zeit immer alle wichtig. 1993 einen Film über Stalingrad zu machen, finde ich so beeindruckend, weil überhaupt nicht die Zeit dafür war. Wir hatten eine Diskussion über die Wehrmacht, was die für eine Rolle gespielt hat. Und er stellt sich hin und macht einen Film über Stalingrad, der nicht revisionistisch ist, der nicht reaktionär ist, und das konnte er wie kein anderer.

Wer wäre darauf gekommen, "Comedian Harmonists" zu machen? Das ist alles Vilsmaier zu verdanken, dass wir solche Dinge in unser Bewusstsein gerückt bekommen haben. Und wenn man ihn so kannte, seine bayrische Art, dieses Lässige, überhaupt nicht intellektuell wirkend, aber eben unglaublich intelligent. Man hat ihn chronisch unterschätzt, und er hat die Themen gesetzt. Das ist sein großes Verdienst.

Es waren oft bayerische Themen, bayerische Stoffe. Aber gab's nicht nur in der Art seines persönlichen Auftretens, sondern auch in seiner Art Filme zu machen, was Bayerisches an ihm?

Interessanterweise überhaupt nicht. Der Sepp war für mich nur in der Begegnung bayerisch, und es sind ihm ja unheimlich viele Leute, nämlich die Zuschauer, gar nicht begegnet. Sie wussten vielleicht gar nicht, wie er ist. Sprich, das Bayerische war einfach sein höchst Privates und hat ihn natürlich getragen als Person, weil ihn alle liebten für seine Art. Man konnte ihm nicht widerstehen, und es war schön, dass er das gleichzeitig im Grunde gar nicht bewusst eingesetzt hat. Aber er wusste schon, wie sehr man ihnen mochte. Also diese Art, wie er damit umgeht, war schön. Er war so ein Mensch, mit dem man gern zusammen war.

Er wurde ja manchmal auch als Heimatfilmer etikettiert, was er nicht so gern gehört hat, aber wegen Filmen wie "Herbstmilch" und "Rama dama". Seine Filme haben jetzt nicht diesen ruppigen Widerstandsgeist des kritischen Heimatfilms der 60er-, 70er-Jahre, auch wenn sie jetzt keine Heile-Welt-Kitsch-Filme sind. Aber es sind schon Filme, die auch nach der großen Unterhaltung, nach dem großen Mainstream-Kino geschielt haben oder?

Für mich war der Vilsmaier überhaupt kein Heimatfilmer, so habe ich ihn gar nicht begriffen. Das ist insofern wichtig für mich, weil in der Zeit, wo ich anfing, Filme zu machen, also mit "Hierankel", da wurde gesagt, das sei so eine Art neuer Heimatfilm. Und insofern war für mich ganz wichtig, dass es vor dieser Zeit, als man sich dann mit Heimat auseinandersetzte – endlich im deutschen Kino – überhaupt keinen Heimatfilm für lange Zeit gab. Und Vilsmaier war insbesondere jemand, der das gar nicht wollte, der in seinen Geschichten in sehr kleinen Dingen eigentlich das Große gesucht hat. Und dass es dann zum Teil Heimat wurde, wie "Herbstmilch" oder "Rama Dama", ist rein zufällig meines Erachtens.

Sein bester Film in Ihren Augen?

Also mein Lieblingsfilm von Vilsmaier ist "Comedian Harmonists". Das hat zwei Gründe. Zum einen ist er da regiemäßig zu einer wahnsinnig großen Form aufgelaufen. Zum anderen hat er da eigentlich eine ganze Schauspieler-Generation in unser Bewusstsein geholt, zum Beispiel einen Uli Nöthen, den man noch nie vorher gesehen, noch nie wahrgenommen hatte. Und diese Kunst, das Thema zu setzen, so wie Vilsmaier es immer tat, und eine riesige Regieleistung abzugeben, das war einfach das tollste Werk für mich.

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