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Hans Magnus Enzensberger ehrt Alexander von Humboldt zum 250. | BR24

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Heute wird der 250. Geburtstag Alexander von Humboldts gefeiert. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat mehrere Bände des Naturforschers neu herausgegeben – und nun eine Szenenfolge aufgenommen, in der er selbst Humboldt spricht: „Heureka!“

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Hans Magnus Enzensberger ehrt Alexander von Humboldt zum 250.

Heute wird der 250. Geburtstag Alexander von Humboldts gefeiert. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat mehrere Bände des Naturforschers neu herausgegeben – und nun eine Szenenfolge aufgenommen, in der er selbst Humboldt spricht: „Heureka!“

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Es gibt viele Sätze in der mit dem BR produzierten Szenenfolge „Heureka!“, die Hans Magnus Enzensberger zwar dem Jubilar Alexander von Humboldt in den Mund legt, die aber ohne weiteres seine eigenen sein könnten. „Man hält mich für einen Hans Dampf in allen Gassen“ ist so einer. Der bald neunzigjährige Lyriker, Essayist, Übersetzer und Herausgeber Enzensberger spiegelt sich in Humboldt – auch in diesem Satz: „Du musst, um deine Ziele zu erreichen, auf lange Sicht denken, wie ein Stratege. Und im Notfall halte dich an die Bibel. Sei sanft wie die Taube und klug wie die Schlange.“

Enzensberger ist, was schon der große Forschungsreisende war: ein Networker mit dem Drang zur Kollaboration. „Er hat immer gesagt: Allein bist du verloren“, so Enzensberger in seiner Schwabinger Wohnung: „Denn es gibt immer Leute, die etwas wissen, was du nicht weißt. Mit denen musst du dich verbünden, damit etwas Brauchbares dabei herauskommt.“ Enzensberger ehrt Humboldt in Form eines imaginären Dialogs, der auf Briefen beruht, die Humboldt mit seinem weitaus jüngeren Freund, dem Pariser Astronomen François Arago, wechselte.

Humboldts Homosexualität

Eine sehr „innige Beziehung“ sei das gewesen, schrieb Humboldt, sie habe „zum Glücke meines Lebens beigetragen“ und „in mehr als vierzig Jahren, fast ein halbes Jahrhundert hindurch“ habe „keine Wolke sie getrübt“. Für Enzensberger sind das kaum verhohlene Hinweise auf Humboldts „erotisches Dasein“.

Im Gespräch mit dem BR erzählt er: „Der Humboldt war ein Junggeselle. Zwar von Damen umschwärmt, auch ein guter Tänzer, wie man weiß, aber er wollte nicht heiraten. Der Grund ist ganz einfach: Humboldt war eigentlich homosexuell. Und er hatte Liebschaften mit Kollegen, mit Guides, also Führern in der Unwegsamkeit, und manche Verhältnisse sind bis heute gar nicht völlig aufgeklärt. Naja, und über diese Sache habe ich mir einige Gedanken gemacht, weil das bei diesen ganzen Jubiläumsfeiern irgendwie ein Dunkelfeld ist – und mir ist gar nicht klar, warum. Ich meine, Homosexualität ist schließlich kein Verbrechen mehr. Was haben die denn alle mit ihrer Diskretion?“

In seinen jüngsten, noch unveröffentlichten Aufzeichnungen unter dem an Georg Christoph Lichtenbergs „Sudelbücher“ erinnernden Arbeitstitel „Sudelkram“ fragt sich Enzensberger mit Blick auf Humboldt gar: „Sollte er ganz ohne sexuelle Erfahrungen in die Grube gefahren sein? Das ist unwahrscheinlich, aber unmöglich ist es nicht.“

Enzensberger als Wiederentdecker Humboldts

Enzensberger ist mit Humboldts Leben und Werk seit langem vertraut, war er es doch, der 2004 Humboldts „Kosmos“ wiederveröffentlichte – neben dessen Büchern „Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“ und „Ansichten der Natur“. Für ihn ist Humboldt „ein Visionär“: „Der hat den Panama-Kanal hundert Jahre, bevor er gebaut wurde, dem amerikanischen Präsidenten vorgeschlagen. Der Mann war einfach unfassbar vielseitig. Und er war kein Spezialist. Er war zwar ein Experte für manches, hat sich aber nie einbeziehen lassen in die Regeln einer Zunft.“

In seinem Eigensinn gleicht Humboldt schon Enzensberger sehr. Ebenso in seiner Weltgewandtheit und Internationalität, die Humboldt alias Enzensberger sagen lässt: „Sogar mein Bruder Wilhelm meint, es fehle mir an ‚Deutschheit‘, was immer das heißen mag.“ Wenn Alexander von Humboldt sagt „Ich bin eben gern mein eigener Herr“, dann ist das reiner HME.

© BR

Hans Magnus Enzensberger und Knut Cordsen bei den Aufnahmen zu "Heureka!"

Einer der ersten Klimaforscher überhaupt

In seinem Dialog „Heureka!“ würdigt er auch einen frühen Klimaforscher, der das Schrumpfen der Gletscher schon damals registrierte. „Das hatte mit seiner Mess-Manie zu tun. Aber er hat keine Prognosen abgeliefert für die sogenannte Klimawende, er war kein Prophet.“ Seine Prosa konnte von „goethischer Klarheit“ sein. So nennt das Daniel Kehlmann, der Hans Magnus Enzensberger vor der Veröffentlichung seines Bestsellers „Die Vermessung der Welt“ diesen Roman zur Begutachtung vorlegte. Weil er wusste, dass keiner besser beurteilen konnte, ob Humboldt darin stimmig dargestellt ist.

1999, vor zwanzig Jahren, ist Enzensberger in jenen Berliner Orden Pour le Mérite aufgenommen worden, den Humboldt einst mitbegründete. „Heureka!“ erlebte dort in einer Privatvorstellung seine Uraufführung, so Enzensberger: „Da habe ich es mit Durs Grünbein zusammen gemacht, der ist auch Mitglied des Pour le Mérite. Wir haben uns diesen Dialog geteilt. Ich habe als der Ältere den Humboldt gespielt, und er hat als der Jüngere den Franzosen Arago gemimt.“ Mit 89 ist Enzensberger nun erneut in die Rolle Humboldts geschlüpft.

Am Sonntagabend, 15.09. um 18:05 Uhr ist Hans Magnus Enzensbergers „Heureka!“ im Kulturjournal auf Bayern 2 zu hören. Mit Hans Magnus Enzensberger als Alexander von Humboldt und Knut Cordsen als dessen Freund François Arago.

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