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Das sagt Hans Magnus Enzensberger über seine "Experten-Revue" | BR24

© picture alliance / dpa

Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger

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    Das sagt Hans Magnus Enzensberger über seine "Experten-Revue"

    Dieses Jahr wird der Schriftsteller und Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger 90 Jahre alt. Müde ist er noch lange nicht, kürzlich ist sein neues Buch "Experten-Revue in 89 Nummern" erschienen. Knut Cordsen hat ihn zum Exklusiv-Interview getroffen.

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    "Es ist verrückt", sagt der 89-jährige Hans Magnus Enzensberger daheim in seiner Schwabinger Wohnung: "Je weniger man schreibt, desto mehr Bücher erscheinen von einem." Tatsächlich ist die Produktivität des Münchner Dichters und Essayisten ungebrochen. Heuer ist schon eine kleine, sehr freie Mark-Twain-Übersetzung von ihm erschienen ("Aus den Erinnerungen von Adam und Eva"), für Herbst ist bereits sein schmales Büchlein "Louisiana Story" angekündigt – und seit dieser Woche nun liegt ein weiterer neuer Enzensberger in den Buchhandlungen aus: "Eine Experten-Revue in 89 Nummern". Ein vergnügliches Sammelsurium von Kuriosa, es geht darin nicht um die mediennotorischen Nahost- oder Klima-Experten, sondern um "Experten des Alltags", um es mit einem Begriff der Theatergruppe Rimini-Protokoll zu sagen: um seltene Berufe und Tätigkeiten, um sehr absonderliche Spezialisten und Spleens.

    Vom Pfragner bis zum Influencer

    Vorangestellt hat Enzensberger seiner Experten-Revue einen Dialog zwischen Mutter Natur und einem Unzufriedenen – "im Ton der 'Operette morali' von Giacomo Leopardi". In diesem Gespräch, erzählt Enzensberger, beklagt sich ein undankbarer Mensch bei der Natur darüber, dass sie ihn gegenüber anderen Lebewesen, die über mehr Stärke oder einen besseren Sehsinn verfügten, nur unzureichend ausgestattet habe. Daraufhin entgegnet die Natur, dass sie den Menschen gegenüber den Tieren mit einem einzigartigen "Wettbewerbsvorteil" versehen habe: dem der Arbeitsteilung.

    Über 14.000 verschiedene berufliche Tätigkeiten listet ein im Buch zitiertes historisches Dokument aus dem Jahr 1990 auf: das "Schlüsselverzeichnis für die Angaben zur Tätigkeit" von der seinerzeit noch so genannten Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Enzensberger, selbst aufgewachsen in Nürnberg, entdeckt darin heute in Vergessenheit geratene Berufe wie den "Pfragner" (Händler mit Hülsenfrüchten). Er selbst erinnert sich, als Kind noch ein Ladenschild gesehen zu haben, auf dem "Pfragnerei" stand: "Es gibt ja jede Menge ausgestorbene oder altmodische Berufe, aber es werden auch jeden Tag neue erfunden. Manche sind unfreiwillig komisch oder mysteriös. Man weiß teilweise gar nicht, was das bedeutet: zum Beispiel der Influencer. Was soll das sein?", so fragt Enzensberger im Interview.

    Der große Influencer des geistigen Lebens

    In seinem Buch indes beschäftigt sich der große Influencer des geistigen Lebens der Bundesrepublik lieber mit völlig abseitigen Leidenschaften und Experten: etwa mit den Experten für Bierdeckel, zu denen der Sage nach auch der renommierte britische Historiker Ian Kershaw zählen soll: "Man glaubt es kaum", sagt Enzensberger, "aber es gibt Sammler von diesen Filzen, die Zigtausende von diesen Bierdeckeln horten und sich auf Märkten und Auktionen treffen. Da gibt es ganz bestimmte Vorgaben: Man muss zum Beispiel jedes Exemplar in zweifacher Ausfertigung haben, um bei der Präsentation seiner Bierdeckel immer beide Seiten herzeigen zu können. Außerdem schadet Nässe, die macht sie mürbe. Man hört sogar von antiken Bierdeckeln, deren Versteigerung so viel Geld einbringt, dass es zu Fälschungen kommt."

    Zwischen die zwei Deckel seines neuen amüsanten Buches passt auch die amüsante Geschichte über den in der Schweiz ansässigen Verein der "Dolologen", welche sich so nennen, weil sie Experten für kunstvoll verzierte Dolen- beziehungsweise Kanaldeckel sind: Auf Spaziergängen durch München treffe man kaum je auf Kanaldeckel mit dem Münchner Kindl darauf, und alle seien grau, lacht Enzensberger: "Aber in Madrid ist das Stadtwappen quasi auf jedem zweiten Kanaldeckel zu finden! Den Gipfel der Kunst erreichen allerdings die Japaner. Die haben emaillierte, farbige Gullydeckel – die sehen wie Malerei aus!"

    Von Fachmännern und -frauen für Fächer, Fahnen und Flaggen

    Es sind solche Phänomene, die Enzensberger in seinem neuen Werk beschäftigen. Reizvoll an all dieser Experten-Befragung (Enzensberger hat die meisten der hier vorgestellten Experten selbst getroffen) ist für den Lyriker überdies sicherlich das je eigene Vokabular der Spezialisten. Die Experten-Sprache, ihr Soziolekt, den nur die Eingeweihten verstehen und der mitunter eine eigene poetische Qualität besitzt: So sprechen britische "birder", Experten der Vogelschau, vom "parliament of owls", wenn sie einen Schwarm Eulen meinen, vom "Konvent von Pinguinen" und von einem "Zauber Goldfinken". Ebenfalls aus dem angelsächsischen Raum kommen die Fachmänner und -frauen für Fächer – und auch die für Fahnen und Flaggen, die die Hilfswissenschaft der "Vexillologie" begründet haben.

    Es ist ein Spaß, diese kunterbunte "Experten-Revue" zu studieren. Mit der Moral muss man Hans Magnus Enzensberger nicht kommen: Bei ihm steht die Betrachtung über den Experten im Taschendiebstahl neben der über den "Experten der Kasteiung". Selbst Heiratsschwindler und Hochstapler hält Enzensberger für Experten in ihrem Metier. Auch jene Münchner Hemdenmacherin, die für den Dichter Maßhemden fertigt, wird von ihm verewigt – "diese Frau war so begeistert von meinen Recherchen, dass sie mir ein Hemd geschenkt hat. Als Dank dafür, dass jemand sie ernstnimmt."

    Ein lustvoll-wirres Durcheinander und Kuddelmuddel

    So ist Enzensbergers Buch nicht nur eine Feier höchst eigensinniger Leidenschaften, sondern zuvörderst ein Lob des Handwerks und des Sachverstands. An einer Stelle heißt es: "Die Experten haben sich viel Mühe gegeben, und was war ihr Lohn? Nie wusste die Welt ihnen Dank." Aber je mehr abseitige Experten man mit Hilfe dieses Buches kennenlernt, desto mehr verstärkt sich der Eindruck, dass es sich bei ihnen um äußerst genügsame Charaktere handelt, die Erfüllung in ihrem Tun finden.

    Nebenher erfährt man hier, woher sich der Begriff "Faulpelz" ableitet und dass der "Fiaker" auf den "heiligen Fiacrius" zurückgeht – "einen irischen Eremiten, der im 7. Jahrhundert in Frankreich wirkte und nach wie vor für die Mietkutscher zuständig ist". Das Wort "Wirrwarr" verwendet Enzensberger oft in seinem Buch. Ein lustvoll-wirres Durcheinander und "Kuddelmuddel" ist dieses Spätwerk und, unumwunden gibt er das zu, eine völlig willkürliche Zusammenstellung. "Apropos 'Kuddelmuddel'", sagt Enzensberger: "Die Franzosen sagen dazu 'pêle-mêle'. Ist doch lustig, oder?"

    Hans Magnus Enzensberger: "Eine Experten-Revue in 89 Nummern". Suhrkamp 2019 (336 Seiten).

    © Suhrkamp

    Cover von "Eine Experten-Revue in 89 Nummern" von Hans Magnus Enzensberger

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