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Hans-Magnus Enzensberger, der deutsche Geistesblitz, wird 90 | BR24

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"Wir wissen doch alle, dass ein herrlicher Gedanke zugleich ein enormes Gefühl ist, eine Art Höhenrausch" sagt Hans Magnus Enzensberger. Heute wird Deutschlands großer Intellektueller, der sicher oft im Höhenrausch war und stets vorne dran, 90.

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Hans-Magnus Enzensberger, der deutsche Geistesblitz, wird 90

"Wir wissen doch alle, dass ein herrlicher Gedanke zugleich ein enormes Gefühl ist, eine Art Höhenrausch", sagt Hans Magnus Enzensberger. Heute wird Deutschlands großer Intellektueller, der sicher oft im Höhenrausch war, 90 Jahre alt.

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90 zu werden, das sei "doch noch nicht das Ende der Fahnenstange", sagte Hans Magnus Enzensberger, als dieser Tage im Münchner Stadtmuseum ein Bild-Band mit Enzensberger-Fotografien von Stefan Moses vorgestellt wurde. Übrigens die einzige Ehrung, die die bayerische Landeshauptstadt ihrem größten Dichter zuteil werden lässt – eine Studio-Ausstellung. Der Jubilar nimmt das mit einem Schulterzucken zur Kenntnis und lächelt: "Eine alte Sache: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land". Immer koboldhafter sieht er aus im hohen Alter, dieser Hans Magnus Enzensberger, dieser Wiedergänger und Übersetzer des französischen Aufklärers Denis Diderot. "Naja, gut, das ist so ein Hausheiliger, und ich habe, glaube ich, die meisten Erstausgaben von Diderot, die habe ich mal aufgehoben, naja, da kann man immer drauf zurückgreifen", sagt er.

Kreative Medienkritik

So wie man immer wieder auf das Werk Hans Magnus Enzensbergers zurückgreifen kann. Auf seine vielen luziden Essays, die gut gealtert sind: "Das Nullmedium Oder Warum alle Klagen über das Fernsehen gegenstandslos sind" von 1988 etwa, Medienkritik war immer schon ein Steckenpferd dieses Schriftstellers, der 1957 seinen Einstand als Gast-Autor beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ausgerechnet mit einem bis heute zitierten Essay über die Sprache des Hamburger Nachrichtenmagazins gab. Im selben Jahr schrieb er die "Anatomie einer Wochenschau" und plädierte später für eine völlig andere Form der Tagesschau: "Ich frag' mich, warum man nicht ein Telefonbuch nimmt, zwanzig Leute ankreuzt, die im Telefonbuch stehen, sie ins Funkhaus bittet, ihnen das Nachrichtenmaterial der Agenturen und die Film-Berichte der Korrespondenten zeigt, und einen von ihnen bittet, die Tagesschau zusammenzustellen, einen anderen bittet, die Tagesschau zu schneiden und einen Dritten bittet, die Tagesschau zu sprechen, denn offen gestanden, diese Sparkassenbeamten, die uns da die Nachrichten vorsetzen, finde ich auch eine grobe Zumutung."

"Lebenslang vornedran"

Wer so ideen- und gedankenreich ist, geht manchen auf den Wecker. Rainald Goetz nannte Enzensberger in seinem Roman "Irre" in ehrfürchtiger Verachtung den "brillantesten BrillantSepp Deutschlands" und zeichnete ihn als einen, der "lebenslang ... vornedran" sei. Das war Hans Magnus Enzensberger in der Tat stets. 1992 schon befasste sich Enzensberger weit vor allen anderen mit den Folgen der Migration auf die westliche Gesellschaft in "Die Große Wanderung". Die Witterung für Themen ist bei diesem Dichter und Essayisten immer schon einmalig gewesen. "Wenn ich schon weiß, was am Schluss herauskommt, dann schreibe ich doch keinen Essay. Ich will ja erst herausfinden, was ich sage. Wenn ich das à priori schon weiß und nur dann die Beweise nachliefere, erst die These aufstelle und die Beweise nachliefere ... so was ist kein Essay", sagt Enzensberger.

Lyrik ist für ihn ein Omnivor, ein Allesfresser. Gedichte können handeln, wovon sie wollen, von Wolken, Wut oder Wissenschaft – und sie dürfen sogar intelligent sein, was ihm seine Kritiker – es sind weitaus weniger als Leser - mitunter vorwerfen, nämlich, wie Enzensberger sagt, "als wäre es so, dass Intelligenz in einem Gedicht nichts zu suchen hätte, sondern es ist eine Spezialisierung auf die Gefühle. Die Scheidung von Denken und Gefühl ist auch eine sehr schlechte Gewohnheit, denn wir wissen doch alle, dass ein herrlicher Gedanke zugleich ein enormes Gefühl ist, eine Art Höhenrausch, ein Flash!".

Der deutsche Geistesblitz schlechthin

Der deutsche Geistesblitz schlechthin, das ist Enzensberger. Seine intellektuelle Beweglichkeit, sein "Zickzack", wie eines seiner Bücher heißt, hat die einen auf-, die anderen angeregt. Soeben hat er ein Sammelalbum veröffentlicht - "Fallobst" - mit Anekdoten, Lesefrüchten und Erinnerungen. Darin findet sich auch seine Bewerbung als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes 1951, in der der junge Hans Magnus Enzensberger zwei Autoren nennt, die für ihn "von größtem Einfluss gewesen sind": Blaise Pascal, der Mathematiker und Philosoph, und – Ernst Jünger. "Ja, kurios, nicht? Weil das ist eigentlich ein ziemlich kaltes Verhältnis zu Ernst Jünger. Wärme war ihm ja fremd, also der war ein kalter Schriftsteller, und der wurde ja weit über hundert, glaube ich. Heute würde ich das nicht mehr sagen." sagt Enzensberger.

"Geboren 1929 – das heißt, ein Relikt aus dem zwanzigsten Jahrhundert", resümiert Enzensberger und schreibt: "Diese Prägung ist unwiderruflich. Sonderbar daran ist, dass sie nicht als Nachteil oder Defekt empfunden wird, eher so, als hätte man den Jüngeren etwas voraus." Ja, dieses alte Kind Enzensberger hat uns viel voraus - bis heute.

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