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So erotisch aufgeladen ist das Werk von Hans Baldung Grien | BR24

© Bayern 2

Keusch und erotisch zugleich: Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt in der Ausstellung "heilig/ unheilig" die expressiven Werke von Hans Baldung Grien, darunter religiöse und mythische Motive – mit kaum verhohlener Erotik.

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So erotisch aufgeladen ist das Werk von Hans Baldung Grien

Keusch und erotisch zugleich: Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt in der Ausstellung "heilig/ unheilig" die expressiven Werke von Hans Baldung Grien, darunter religiöse und mythische Motive – mit kaum verhohlener Erotik.

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Was für ein Leben! Der 1484 im Schwäbischen geborene Hans Baldung arbeitete in Albrecht Dürers Werkstatt in Nürnberg, war Meister in Freiburg, wo er den Hochaltar für das Münster gestaltete (übrigens zeitgleich mit Grünewalds Isenheimer Altar), schließlich betuchter Bürger in Straßburg, wo er seine wichtigsten Werke schuf.

Und die sind eben nicht nur dem Zeitgeist verpflichtet: Baldung, der wegen seiner grünen Kleidung "Grien" genannt wurde, malte religiöse Themen in zum Teil expressiv verzerrter Form, zum Beispiel seine Kreuzigungen mit gewundenen Leibern vor nachtschwarzem Himmel. Als die Reformation Straßburg erreichte, hatte er aber auch weltliche Themen in petto, fertigte Portraits wichtiger Patrizier, die "Sieben Lebensalter der Frau" und mythologische Themen.

Vor allem aber konnte man sich selbst bei seiner sakralen Malerei nie sicher sein, dass darin nicht auch die Aufforderung zum Ungehorsam versteckt war. Seine Hexendarstellungen sind einerseits und offiziell als Warnung vor dem Bösen, Verworfenen, sexuell Schrankenlosen gemeint. Gleichzeitig sind sie natürlich erotisch erregend und fordern fast explizit dazu auf, einmal über die Stränge zu schlagen.

Der "Helmut Newton des 16. Jahrhunderts"

Wer jedenfalls heute seine "Zwei Hexen" aus dem Jahr 1523 anschaut, der sieht zwei attraktive, sich verführerisch räkelnde Frauenkörper, wie sie als Pin-Ups im Fahrerhaus eines jeden Lastwagenfahrers hängen könnten. Anders gesagt: Hans Baldung Grien ist, mit bestimmten Bildern, der Helmut Newton des 16. Jahrhunderts. Andererseits bewegt er sich absolut im Rahmen des mythologisch oder religiös Vorgegebenen, und zwar künstlerisch mit höchster Meisterschaft, meint Kunsthallen-Direktorin Pia Müller-Tamm: "Bei Baldung ist es nie so einfach. Wir haben es nicht mit einem Entweder-Oder zu tun. Sondern mit in gewisser Weise mehrfach codierten Bildern: Bilder, die heilig und unheilig in einem sein können. Man schaue sich nur die Madonna mit den Papageien an, das ist eine heilige Darstellung, die gleichzeitig doch eine sehr sehr sinnlich-erotische Gegenwart hat."

Die kalkbleiche, also reine Madonna von 1533, an deren rechter Brust das Christuskind sehr explizit lutscht, ist als Maria Lactans durchaus erotisch aufgeladen – zumal ein Papagei, Symbol des Unkeuschen, ihr in den Hals zu beißen scheint.

© Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Die Familie des Markgrafen Christoph I. von Baden in Anbetung der Heiligen Anna Selbdritt: "Markgrafentafel" von Hans Baldung (1510, Ausschnitt)

Vorreiter des Expressionismus

Die großartige Karlsruher Schau erzählt fast alles, was man sich an Themen und Techniken zu diesem oberrheinischen Meister wünschen kann, vom ersten Selbstbildnis des von sich selbst sehr überzeugten 18-jährigen Hans Baldung bis zu den späten, voluminösen Frauenkörpern der Gemälde und dem Clair-Obscur der zupackenden Holzschnitte. Von einer mystischen Andacht, wenn Papst Gregor dem Großen der leidende Christus ganz körperlich auf dem Altar erscheint, bis zum geheimnisvoll aufgeladenen Holzschnitt "Der behexte Stallknecht" von 1534. Dabei spielt Baldungs Zeit in Dürers Nürnberger Werkstatt und der Vergleich mit dem Großmeister der Renaissance eine Hauptrolle, sagt Kurator Holger Jacob-Friesen: "Man hat Hans Baldung Grien früher einen Dürer-Schüler genannt. Diesen Begriff vermeiden wir. Und nennen ihn lieber einen Dürer-Mitarbeiter. Denn er kam 1503 im Grunde genommen schon als kompletter Künstler nach Nürnberg."

Während Dürer sich am Harmonie-Ideal der Antike orientiert, treibt Baldung seine Bilder dann kompositorisch ins Extrem, mit länglich verformten, leidenden oder obszönen Figuren, die auch seine grandiosen Holzschnitte bevölkern. Diese sehr eigenwillige Weiterentwicklung der Bildsprache der Renaissance wurde später auch von modernen Malern geschätzt. Allein der Gemälde-Saal zum sehr körperlichen "Hexensabbat" lohnt einen Besuch in Karlsruhe.

Die Ausstellung "Hans Baldung Grien. heilig / unheilig" ist noch bis 8. März in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehen.

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