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Straßenbild in Seoul. In ihrem Roman "Deine kalten Hände" erzählt Han Kang vom Leben eines Bildhauers in der südkoreanischen Hauptstadt.
© picture alliance/prisma
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Straßenbild in Seoul. In ihrem Roman "Deine kalten Hände" erzählt Han Kang vom Leben eines Bildhauers in der südkoreanischen Hauptstadt.

Eine Schriftstellerin geht in eine Theateraufführung und ist fasziniert von einer Requisite: einer Skulptur am linken Bühnenrand, dem lebensgroßen Abguss eines Menschen. Die Körperlinien sind durch Schnitte auf der Vorder- und Rückseite hervorgehoben, das Innere ist hohl, der Kopf fehlt. Nach der Aufführung lernt die Schriftstellerin den Bildhauer kennen und fragt ihn, warum er Abdrücke von Menschen nehme. Der Bildhauer, Jang Unhyong, antwortet nicht, aber dieses einfache "Warum?" hat weitreichende Folgen:

"Ich wusste nicht, wie es kam, dass sich diese naheliegende, ungeschickte Frage so hartnäckig in meinem Kopf einnistete", heißt es in Han Kangs Roman "Deine kalten Hände". "Von nun an konnte ich nur noch zusehen, wie alle meine Lebensgrundsätze verwässerten, ihre Konturen verloren, sich schließlich auflösten. Alles, was ich bisher erkannt zu haben glaubte, zeigte mir von da an gleichmütig seine Kehrseite."

Der Bildhauer Jang Unhyong schreibt diese Worte zwei Jahre nach der Begegnung in einer Art Autobiographie. Da ist er schon spurlos verschwunden. Seine Schwester hat das Manuskript gefunden und an die Schriftstellerin geschickt. Dieses Manuskript macht den Hauptteil von Han Kangs Roman "Deine kalten Hände" aus. Der Bildhauer Jang Unhyong erzählt von seiner Kindheit in einer Provinzstadt, erzählt davon, dass er schon früh damit anfing, Menschen zu beobachten und dabei entdeckte, dass sie alle etwas zu verbergen haben, dass sie Masken tragen und dass hinter der Fassade alles ganz anders ist. Er fühlt sich von Anfang an fremd im Leben und beschließt, immer die Erwartungen seiner Umwelt zu erfüllen und niemals seine wahren Gefühle zu zeigen.

"Ich fühlte in einem Winkel meines Herzens eine sonderbare Kälte. Noch nie hatte ich mich diesem Haus zugehörig gefühlt. Wenn es für mich kein wirkliches Heim gab, dann gehörte ich auf dieser Welt nirgendwohin. Ich würde nirgendwo mein Glück finden. Für mich gab es keinen Ort, an dem ich ohne mein ständiges Beobachten auskam und unbeschwert sein konnte."

Fluch eines Schönheitsideals

Jang Unhyong geht nach Seoul. Er bleibt Außenseiter, und er trifft L., eine junge übergewichtige Frau, die von anderen Männern nicht beachtet wird, aber sehr schöne Hände hat. Ein seltsam distanziert-intimes Verhältnis entwickelt sich, dann verschwindet L. Als sie zurückkehrt, wiegt sie nur noch 45 Kilo. Sie leidet an Bulimie, zerstört sich selbst, um einem Schönheitsideal zu entsprechen. Wenig später lernt Jang Unhyong E. kennen. E. ist das exakte Gegenbild zu L.: eine Modelschönheit, gewandt im Umgang, gewinnend, sympathisch, erfolgreich. In einem unbeobachteten Moment sieht Jang eine Veränderung in ihrem Gesicht:

"Kurz bevor das Lächeln daraus verschwunden war, erlosch das Leuchten in ihren Augen, sodass der Blick zu dem einer Puppe mit Glasaugen wurde. Ihr Kopf kippte etwas nach vorn, sie erstarrte. Selbst ihr Atem schien stillzustehen. Schultern und Bauch wirkten leblos wie bei einer Schaufensterpuppe."

Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang. Im Westen gehört sie zu den bekanntesten Autorinnen aus ihrem Land.

Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang. Im Westen gehört sie zu den bekanntesten Autorinnen aus ihrem Land.

Roman über die Entfremdung

Erfahrungen eines existentiellen Fremdwerdens, Fremdseins durchziehen das ganze Buch. "Deine kalten Hände" ist ein Roman über Entfremdung und Einsamkeit des Individuums in der Moderne. Han Kang beschreibt, wie diese Entfremdung, wie soziale Erwartungen Menschen, vor allem Frauen auch körperlich formt, und sie zeigt, was sie dabei verlieren: E. zum Beispiel hat sich ein neues, sozial erwünschtes Ich geschaffen, sie spielt allen etwas vor, auf Kosten ihrer Persönlichkeit, ihrer Seele.

Und dann läuft dieser Roman auf einen grandiosen Höhepunkt zu, der alle Motive zusammenführt, in einer Art Neugeburt gipfelt und die Frage beantwortet, warum Jang Gipsabdrücke von Menschen nimmt. Seine Werke sind Hüllen: etwas Hartes, Äußerliches, das andere Hüllen – wie etwa die Haut – umschließt. Und weil sie aus Gips sind, sind diese Hüllen immer zerbrechlich, vergänglich. Sind Ausdruck einer Weltsicht, die diesen Roman trägt: "Das Leben ist eine Hülle, die sich über einem Abgrund wölbt, und wir leben darauf wie maskierte Akrobaten. Mal hassen wir, mal lieben wir, und manchmal brüllen wir vor Wut. Über unseren Kunststücken vergessen wir, dass wir vergänglich sind und sterben müssen."

"Deine kalten Hände" ist im Original bereits 2002 erschienen und hat noch nicht die Radikalität von "Die Vegetarierin", das Buch, mit dem Han Kang ihren internationalen Durchbruch schaffte. Aber schon dieser Roman besticht durch die Intensität der Figurenzeichnung, vor allem durch die täuschend einfache, eindringliche Sprache.

"Deine kalten Hände" von Han Kang

"Deine kalten Hände" von Han Kang

Han Kangs Roman "Deine Kalten Hände" ist – in der Übersetzung von Kyong-Hae Flügel – im Aufbau Verlag erschienen.

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