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Bildrechte: Karl Forster/Bregenzer Festspiele

Der römische Kaiser als Irrer in einer chaotischen Welt: Das Publikum hatte es nicht leicht, den Überblick zu bewahren in Arrigo Boitos unvollendetem Monumentalwerk. Es wurde reichlich gemordet, gefoltert und gezündelt - zu bombastischer Musik.

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Hammerharte Blutwäsche: Bregenzer Festspiele eröffnen mit "Nero"

Der römische Kaiser als Irrer in einer chaotischen Welt: Das Publikum hatte es nicht leicht, den Überblick zu bewahren in Arrigo Boitos unvollendetem Monumentalwerk. Es wurde reichlich gemordet, gefoltert und gezündelt - zu bombastischer Musik.

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Von
  • Peter Jungblut

Geschlagene 56 Jahre plagte sich der italienische Komponist Arrigo Boito mit dieser Oper ab, von 1862 bis zu seinem Tod 1918, und es hätten ihm auch wohl weitere100 Jahre nicht wirklich geholfen. Jedenfalls kam er musikalisch nur bis zum vierten Akt. Der Grund dafür: Boito wollte tatsächlich das perfekte Meisterwerk schreiben und alle Kollegen hinter sich lassen. Ein offenkundig nicht nur zeitraubendes, sondern zweifellos auch anstrengendes Vorhaben. Wie sich zum Auftakt der Bregenzer Festspiele herausstellte, leider auch für das Publikum.

Psycho-Drama ging gründlich schief

Der Komponist wollte nämlich nicht nur eine Episode aus dem Leben von Nero erzählen, und da gibt es ja viele, die dazu taugen, sondern gleich auch noch ein Passionsspiel unterbringen, einen Glaubenskrieg, den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, eine Brise Zirkus, etwas Psychoanalyse und eine Katakomben-Besichtigung. Kein Wunder, dass es trotz des Programmhefts schwer fiel, der Handlung zu folgen, was auch daran lag, dass der österreichische Regisseur Olivier Tambosi und Kostümbildnerin Gesine Völlm keine Lust hatten, Licht ins Dunkel zu bringen, sondern ganz im Gegenteil, eher Dunkel ins Licht. Womöglich ist dieser "Nero" heutzutage überhaupt nur in einer Trash-Version als Sandalen-Film-Satire denkbar oder als Psycho-Drama. Letzteres war wohl beabsichtigt, ging aber gründlich schief.

© Karl Forster/Bregenzer Festspiele

Bedrohliche Lage

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Passionsspiel

© Karl Forster/Bregenzer Festspiele

Düstere Perspektiven

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Massenszene: Dutzendfache Erscheinungen der ermordeten Agrippina

So bringt Nero gleich am Anfang seine Mutter Agrippina um, was ja den historischen Tatsachen entspricht. Fortan wird er wundersamer Weise von Gewissensbissen verfolgt und sieht die Mutter dutzendfach auftreten, ja findet sich selbst in deren grünem Kleid wieder. Doch lange hält dieser Alptraum nicht an: Schon bald tröstet sich der Kaiser mit einem weißen Pelzmantel und genießt die Schlächtereien, die er zu verantworten hat. Eine merkwürdige Persönlichkeitsveränderung, die nicht weiter erläutert wird.

Kaum jemand trat unbesudelt auf

Und immer wieder doppeln Regisseur und Kostümbildnerin die Figuren, wohl um deutlich zu machen, dass es zwischen Gut und Böse eben keine scharfe Trennung gibt, wie sie Arrigo Boito vorführen wollte, sondern dass jeder Mensch beide Anlagen in sich trägt. Das steigerte jedoch leider die Verwirrung in einem ohnehin völlig überfrachteten Stück. Dazu hatte Ausstatter Frank-Philipp Schlössmann eine sich ständig drehende Kulisse aus Leuchtsäulen entworfen, was wohl als Sinnbild dafür gemeint war, dass die Welt völlig aus den Fugen geraten ist, die Verhältnisse also ins Tanzen geraten. Dynamik brachte das tatsächlich in die Inszenierung, trug jedoch nicht zur Übersichtlichkeit bei.

So mussten die Zuschauer schon sehr genau informiert sein über Neros Familiengeschichte und die Bedeutung von schwarzen Flügeln im Zusammenhang mit der gnostischen Philosophie, die ja besessen war vom Gegensatz zwischen Hell und Dunkel, ja aus dem Kampf zwischen beiden Mächten eine Religion machte. Und natürlich musste sich das Publikum den Brand von Rom und die blutrünstigen Spiele im Circus schon selbst vorstellen - zur entsprechend grellen und pompösen Begleitung des Orchesters. Obwohl: Blutig war die Inszenierung von Anfang an. Kaum jemand trat unbesudelt auf, und es wurden auch fleißig Hämmer geschwungen - also alle Klischees über die angeblich so brutale Nero-Zeit bedient, die Historiker längst in Frage stellen. "Splatter"-Fans mögen bei dieser "Blutwäsche" immerhin ihre helle Freude gehabt haben.

© Karl Forster/Bregenzer Festspiele

Todesengel: Schwarze Flügel in der Nacht

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Konflikt der Religionen

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Es werden Opfer gebracht

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Blutige Tatortbesichtigung

Dirigent Dirk Kaftan empfahl den Festspielgästen im Programmheft, mangels einheitlichem Handlungsstrang in diesem Werk könnten sie sich nur "psychologisch hineinfallen lassen" und "sich dabei selbst erkennen". Der Beifall war höflich, aber nicht überschwänglich, was zeigte, dass das keine leichte Übung war. Gleichwohl: Kaftan gelang über drei Stunden hinweg ein ganz groß angelegtes Tongemälde, eine orchestrale Kolossal-Produktion, die für sich genommen absolut überzeugte, ja überwältigte, zumal der Prager Philharmonische Chor mit viel Elan und bestens geprobt bei der Sache war.

Diese Ära huldigt dem totalen Chaos

Auch die Solisten gaben ihr Bestes und schonten sich nicht: Rafael Rojas in der Titelrolle des Nero, Lucio Galla als diabolischer Verschwörer Simon Mago und Brett Polegato als dornenbekrönter christlicher Prediger Fanuèl. Dasselbe gilt für Svetlana Aksenova als impulsive, von Neros Charme hingerissene Asteria und für Alessandra Volpe als Rubria, eine Nonne, die gleichzeitig Vestalin, also heidnische Priesterin ist und beide Religionen miteinander versöhnen will, was ihr schlecht bekommt.

"Nero" handelt von einer Ära, der alle Gewissheiten abhanden gekommen sind und die dem totalen Chaos huldigt, gerade auch in weltanschaulichen Angelegenheiten. Mag sein, dass Arrigo Boito heutzutage dazu noch eine ganze Menge mehr eingefallen wäre. Der fünfte Akt steht ja noch aus.