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Warum ein Disney-Film Hallstatt zum Verhängnis werden könnte | BR24

© dpa picture-alliance / Martin Siepmann

Frozen Hallstatt: Das malerische 780-Einwohner-Dorf als Vorbild für Elsas Schloss in Arendelle?

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    Warum ein Disney-Film Hallstatt zum Verhängnis werden könnte

    Bis zu 10.000 Touristen am Tag: Die Lage im malerischen Hallstatt ist schon länger anstrengend. Seit dem Filmstart von "Die Eiskönigin 2" könnte das österreichische Dorf von noch mehr Selfie-Jägern heimgesucht werden – und muss Maßnahmen ergreifen.

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    Hallstatt im Salzkammergut: märchenhafte Postkartenidylle am See, sommers wie winters, umgeben von schroffen Bergen. Wären da nicht... genau, die Touristen! Denn die Realität in der kleinen Gemeinde am Hallstätter See ist fern von beschaulicher Ruhe: An Spitzentagen quetschen sich 10.000 Besucher durch die Gässchen der UNESCO-Welterbestätte, Reiseunternehmer karren bis zu 80 Busladungen von Selfie-Jägern pro Tag in den Ort, der schon länger als "Most Instagrammable Town in the World" gilt. Wobei "Town" die Lage völlig falsch beschreibt: mit nicht einmal 800 Einwohnern ist das Dörfchen mit dem Massentourismus heillos überfordert.

    Venedig, Salzburg, Dubrovnik: Hallstatt steht längst in einer Reihe mit anderen Overtourism-Hotspots. Nur ist die Situation in Hallstatt verschärft: Denn dort treffen sechsmal mehr Besucher auf einen Einwohner als in der Lagunenstadt Venedig, die dafür von monströsen Kreuzfahrtschiffen belagert wird –, der Hallstätter See ist für solche Oceanliner zum Glück zu klein. Aber hier wie dort müssen sich die Stadtverwaltungen etwas einfallen lassen. In Oberösterreich erst recht. Denn nach dem weltweiten Filmstart des Disney-Films "Frozen 2", bei uns seit November als "Die Eiskönigin 2" in den Kinos, könnte sich die Lage nochmal zuspitzen.

    Ist ein Disney-Film Schuld am Hallstatt-Hype?

    Irgendwie kam das Gerücht auf, dass Hallstatts zuweilen mystische Kulisse als Vorbild diente für den populärsten Animations-Film aller Zeiten: Die "Perle im Salzkammergut" als Vorlage für das Königreich "Arendelle", in der die Erfolgsgeschichte der beiden ungleichen Prinzessinnen-Schwestern Anna und Elsa spielt? Wer eine Tochter im entsprechenden Alter hat oder die Folgen des Merchandisings vor Augen und den fast schon hysterischen Kult um Schneemann Olaf und Co., kann erahnen, welchen Schub auch das noch für Hallstatt bedeuten könnte.

    © Disney

    ...und so sieht – angeblich – Hallstatt im Animationsfilm "Frozen 2 – Die Eiskönigin" aus!

    Dabei sind die Einwohner ohnehin schon genervt von den Touristenmassen. Sie klagen darüber, ausgestellt wie in einem Museum leben zu müssen, auch wenn Hallstatt allein durch die Benutzung der öffentlichen Toiletten 150.000 Euro pro Jahr verdient – und dafür zum Beispiel neue Kindergartenplätze schaffen kann. Nur was bringt das, wenn sich die Menschen dort nicht mehr wohlfühlen und am Ende sogar wegziehen?

    "Wir halten die vielen Touristen nicht mehr aus!"

    Noch ist es nicht soweit und der ehrenamtliche Bürgermeister Alexander Scheutz bestätigt in Interviews, dass Hallstatt ganz gut von den Touristen lebe: "Vor allem die asiatischen Gäste sind sehr angenehm. Aber es kommen einfach zu viele!" So viele, dass er gar nicht sicher sagen könne, ob "Frozen 2" und das Gerücht mit "Arendelle" die Lage tatsächlich verschärft habe. Denn gefühlt sind es einfach immer viele, zu viele. Die Berichte in den sozialen Medien, dass Hallstatt die Vorlage gewesen sei für Elsas Königreich, seien zwar eine zusätzliche Werbung. Aber die Bevölkerung halte die vielen Touristen nicht mehr aus, erklärte Scheutz jetzt im "Spiegel".

    Dass besonders gerne Asiaten kommen, hatte bisher vor allem zwei Gründe: Einmal die südkoreanische Serie "Spring Waltz" ("Frühlingswalzer"), die in Hallstatt spielt, dort auch gedreht wurde und in Südkorea so beliebt ist, dass es dort einen Fotowettbewerb zu Hallstatt geben soll. Angefangen hat es aber damit, dass ein superreicher chinesischer Unternehmer in der südchinesischen Kreisstadt Boluo den historischen Ortskern von Hallstatt Eins zu Eins nachbauen ließ, leider aber seitenverkehrt. Bürgermeister Scheutz war sogar dabei, als Fake-Hallstatt 2011 in China eröffnet wurde. Freilich kann das chinesische Disney-Dorf dem Original nicht das Wasser reichen: Denn, einmal von Frozen abgesehen, ist das Weltkulturerbe vor allem berühmt für seine frühzeitliche Hallstatt-Kultur, den ältesten Salzstollen der Welt und seine mit gruseligen Totenschädeln geschmücktes Beinhaus.

    Den Massentourismus ausbremsen

    Muss dieser einmalige Ort jetzt auch noch einen Frozen-Boom bewältigen? Er könne sich nicht vorstellen, dass Hallstatt die Vorlage für Arendelle war, meint Bürgermeister Scheutz im "Spiegel". "Auf Bildern, die ich im Internet gefunden habe, sieht man eine Burg... bei uns gibt es an der Stelle eine Standseilbahn. Und die Häuser am Wasser, so etwas sieht man doch auch anderswo, zum Beispiel in Deutschland am Rhein."

    Eiskönigin hin oder her: Der Gemeinderat jedenfalls hat schon im vergangenen Jahr Maßnahmen beschlossen, um die Massen auszubremsen: Ab Mai soll es zwischen 8 und 17 Uhr ein Slot-System für Besucher-Busse geben, Reiseveranstalter müssen vorher ein Zeitfenster buchen und mindestens 150 Minuten bleiben. Das soll ein Drittel weniger Touristen bringen. Wer nicht angemeldet ist, muss im Bus sitzen bleiben oder kommt gar nicht erst rein. Und wer es trotzdem versucht, riskiert 200 Euro Bußgeld – eine Kinokarte für "Frozen" kommt da deutlich billiger. Die kleine Gemeinde hätte dann auch mehr Platz für Besucher, die dort nicht nur kurz aus dem Bus springen und ein schnelles Selfie schießen wollen vor dem vermeintlichen Arendelle-Vorbild. Sondern sich echt begeistern können für das tatsächlich atemberaubende Weltkulturerbe Hallstatts.

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