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Hallgrímur Helgasons "60 Kilo Sonnenschein": Das düstere Island | BR24

© Marijan Murat / Audio: BR

Auch sein neuer Roman ist ein echter, aufdrehender Helgason: "60 Kilo Sonnenschein" erzählt von einer Zeitenwende in Island, vom Einbruch der Moderne in eine archaische Welt und wurde in Island als bester Roman des Jahres ausgezeichnet.

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Hallgrímur Helgasons "60 Kilo Sonnenschein": Das düstere Island

Seine Bücher sind schräg und böse: In seinem neuen Roman "60 Kilo Sonnenschein" schlägt Islands Bestseller-Autor Hallgrímur Helgason nun einen magischen Ton an – um eine umso gewaltvollere Geschichte Islands zu erzählen.

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Von
  • Beate Meierfrankenfeld

"Wir hatten nie eine Armee und haben keine Kriege geführt, doch wir waren immer im Krieg mit den Elementen. Die isländische Natur ist eine Bestie, sie ist nicht unschuldig. Wer über ihre Schönheit spricht, spürt auch die Gefahr." Das sagt der isländische Bestseller-Autor Hallgrímur Helgason. Und die schöne Bestie der isländischen Natur, sie hat ihren Auftritt gleich zu Beginn seines neuen Romans "60 Kilo Sonnenschein": Über der Fjordlandschaft liegt eine endlose Weite von Neuschnee – der eine ganze Familie in ihrem Hof verschüttet hat. Der zurückkehrende Bauer kann nur noch eine Kuh und seinen zweijährigen Sohn Gestur lebend bergen.

Ein wuchtiger Auftakt für eine Geschichte über die Macht der Elemente und die Härte der sozialen Verhältnisse. Die meisten Isländer lebten Ende des 19. Jahrhunderts in bitterer Armut, die kleine "Holzhauswelt" der Kaufleute und Pfarrer war von der "Torfwelt" der bäuerlichen Grassodenhäuser klar getrennt: "Wir kamen nur mit Pferden und Booten von A nach B, hatten keine Elektrizität, die Menschen lebten in Torfhütten und haben nicht einmal das Rad benutzt," beschreibt Helgason die Rückständigkeit Islands. "Man saß in einer Art Steinzeit fest – und dann kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Norweger und entdeckten diese Goldmine der Heringsfischerei bei uns. Ein großer Durchbruch, weil daraus eine erste Industrie in Island entstand."

Magischer Realismus als Vorbild und Reibungspunkt

Den jähen Umbruch Richtung Moderne fasst Hallgrímur Helgason in eine ganz eigene Zeit-Ökonomie: Der Roman erzählt nicht einmal eineinhalb Jahrzehnte, doch die Archaik seiner Welt macht einen tiefen Zeithorizont auf. Tausend Jahre Einsamkeit, die ein norwegisches Schiff durchbricht, sagt Helgason. Eine Anspielung auf den berühmten Roman des Kolumbianers Gabriel García Márquez aus dem Jahr 1967: "Hundert Jahre Einsamkeit" gilt als Hauptwerk des "Magischen Realismus", eines literarischen Verfahrens also, das Wirklichkeitssinn mit surrealen und fantastischen Elementen verbindet.

© Marijan Murat

Finsterer Zeitgenosse mit Humor und Hang zum Magischen: Der isländische Autor Hallgrímur Helgason

Für Helgason entpuppte es sich als widerspenstiges Vorbild: "Ich wollte schreiben wie er, aber irgendwie passte es nicht zu meinem Stil, also habe ich in allen möglichen Ideen – zum Beispiel dieser Szene mit der fliegenden Kirche – dann doch wieder das Realistische gesucht. Und in diesem Fall ist das sogar plausibel für Island, wo man schließlich keine Erfahrung damit hatte, feste Gebäude aus Holz zu errichten." Aber manchmal müsse man den Realismus überdehnen, um eine gute Geschichte besser zu machen.

Das Magische erzielt Hallgrímur Helgason, der schon immer ein Übertreibungskünstler war, im Weiterdrehen der Wirklichkeitslogik. Die im Sturm davonfliegende Kirche, in der ein frommer Greis aufs Meer getrieben wird, ist ein solches Motiv, die Lawinenrettungsstricke, mit denen sich Familien nachts aneinanderbinden, sind ein weiteres. Andere exotisch anmutende Einzelheiten dagegen wie die "biologischen Fenster" aus den Fruchtblasen von Schafen sind historisch verbürgt.

Das Leben – eine Mischung aus Humor und Drama

Gestur, der als Kind aus dem Schnee gerettete Junge, wird zur Waise, auch bei zwei Ziehvätern nicht heimisch und hat am Ende, selbst erst 15 Jahre alt, für ein einäugiges Findelkind zu sorgen. Herkunft, Verlassenwerden, Hingabe – es sind existenzielle Themen, um die der Roman ein großes Personaltableau entwirft. Das Grelle, Komische, Derbe aus früheren Büchern Helgasons, sein Sinn für die Physis des Lebens, all das findet sich auch hier. Der Ton aber ist ungeschützter und ernster. Der Autor erklärt das so: "Vielleicht bin ich reifer geworden – ich bin fast 62, da schreibt man anders als mit 32. Ich habe vier Kinder, zwei Scheidungen hinter mir, vor fünf Jahren habe ich öffentlich gemacht, dass ich als junger Mann vergewaltigt worden bin. Das hat viel in mir verändert. Trotzdem gibt es da immer noch diesen Typen, der dauernd Witze machen will. Ich versuche, Humor und Drama zusammenzubringen, denn so ist auch das Leben."

© Verlag

Buchcover zu "60 Kilo Sonnenschein" von Hallgrímur Helgason

Helgason lässt Gestur die eigene Gewalterfahrung ebenfalls erleben, als Schiffsjunge auf einem bretonischen Boot. Schmerz und Groteske, Sentiment und Sarkasmus stehen im Roman hart nebeneinander. Das Buch wagt viel Gefühl, eine pralle Sprache und kann – was man gar nicht so oft hat – eine herzzerreißende Leseerfahrung sein. Gelegentlich allerdings ist sie getrübt durch etwas schematische Figurenverhältnisse, besonders zwischen den Geschlechtern, und wiederholte Beschwörungen des "typisch Isländischen".

Dennoch: "60 Kilo Sonnenschein" ist ein dunkler Schmöker, ein episches, detailgesättigtes Schicksalsgemälde, das vor allem eines feiert: die Kraft des Erzählens. Auch das sei sehr isländisch, sagt Hallgrímur Helgason. Er denke manchmal, dass Isländer an die Literatur glaubten wie andere Menschen an die Bibel: "Die isländischen Sagas sind vor tausend Jahren geschrieben worden und immer noch lebendig. Es gibt Bauern, die sich wie Professoren damit auskennen und sie debattieren wie Romane aus dem letzten Jahr. Wahrscheinlich ist es so – Literatur ist unsere Religion."

"60 Kilo Sonnenschein" von Hallgrímur Helgason, übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig, 576 Seiten, ist bei Tropen erschienen.

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