BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: Patrick Seeger/Picture Alliance

Der Hochadel will Kunstschätze zurück: Nach 1945 wurde das einstige preußische Herrscherhaus von den Sowjets enteignet und pocht nun auf Rückgabe. Aber dazu müssten die Hohenzollern politisch unbelastet sein. Die Grünen befragten dazu jetzt Experten.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Halfen sie Hitler? Streit um Entschädigung für Hohenzollern

Der Hochadel will Kunstschätze zurück: Nach 1945 wurde das einstige preußische Herrscherhaus von den Sowjets enteignet und pocht nun auf Rückgabe. Aber dazu müssten die Hohenzollern politisch unbelastet sein. Die Grünen befragten dazu jetzt Experten.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Bei diesem Thema dürften viele Mühe haben, ihre Fassung zu bewahren: Seit Jahren verhandelt die Bundesregierung mit dem einstigen deutschen Herrschergeschlecht der Hohenzollern über die Rückgabe von wertvollen Gemälden, Landsitzen und allerlei kostbarem Inventar. Georg Friedrich Prinz von Preußen will entschädigt werden für Enteignungen in der sowjetischen Besatzungszone unmittelbar nach 1945. Das sorgt für viel Aufregung auf beiden Seiten, bei den Preußen-Fans und Bewunderern der Hohenzollern, aber auch bei den Gegnern des Adelsgeschlechts, die den Hohenzollern vorwerfen, Deutschland in den Ersten Weltkrieg geführt und später gemeinsame Sache mit den Nationalsozialisten gemacht zu haben.

Das allerdings ist umstritten, allerdings in diesem Fall juristisch allein ausschlaggebend, denn laut Ausgleichsleistungsgesetz von 1994 müssen die Hohenzollern wie alle anderen Betroffenen auch entschädigt werden - außer, sie sind politisch belastet, also "unwürdig" im Sinne des Gesetzes. Dazu die grüne Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt vor Beginn einer Sachverständigen-Anhörung: "Solange die Unwürdigkeitsfrage nicht geklärt ist, darf es keine Verhandlungen geben. Punkt! Es geht hier nicht nur um Gemälde und Landsitze von erheblichem Wert, es geht um deutsche Geschichte und die Frage der historischen Verantwortung der ehemaligen Herrscherfamilie der Hohenzollern beim Untergang der Weimarer Republik und am Machtantritt der Nationalsozialisten."

Adel bot Hitler geheime Kontakte ins Ausland an

Natürlich gibt es einige wenige Historiker, die die Hohenzollern verteidigen. Doch die Mehrheit der Geschichtsforscher hält vor allem den damaligen Kronprinzen Wilhelm für schwer belastet: Er war SA-Mitglied, Hitler- und Mussolini-Fan, so Karina Urbach von der Universität Princeton bei einer Online-Anhörung der Grünen im Deutschen Bundestag: "Er wollte zurück auf den Thron, und er sah in Italien und Spanien Vorbilder, wie man das mit Hilfe faschistischer und autoritärer Regime bewerkstelligen konnte. Also, im Ausland funktionierte diese Symbiose Faschismus und Monarchie - warum nicht auch in Deutschland? Das war sein Motiv. Zweitens hatte der Kronprinz die Mittel, Hitler zu helfen. Als Hitler an die Macht kam, hatte er wenig Auslandskontakte. Anfangs vertraute er seinen eigenen Diplomaten im Auswärtigen Amt nicht, obwohl die bald auf Linie waren. Der Hochadel bot ihm etwas anderes: Er bot ihm geheime Kanäle, back channels, die perfekten Auslandskontakte, und er nutzte sie."

© AKG/Picture Alliance
Bildrechte: AKG/Picture Alliance

Hermann Göring (links) und Kronprinz Wilhelm

Die Leserbriefspalten der Zeitungen sind immer wieder voll mit Stellungnahmen pro und contra Hohenzollern. Die Juristin Sophie Schönberger von der Universität Köln machte klar, worum es nach bisheriger Rechtssprechung bei der Entschädigungsdebatte im Kern geht. "Derjenige, der enteignet worden ist, muss im objektiven Sinne mit einer gewissen Stetigkeit Unterstützunghandlungen für das nationalsozialistische Regime vorgenommen haben und die dürfen in ihren Wirkungen nicht völlig unbedeutend gewesen sein. Dafür ist es nicht erforderlich, dass es ihm gerade darum geht, dem Nationalsozialismus an die Macht zu verhelfen oder daran zu halten, es reicht, wenn er das als Nebenzweck verfolgt, um möglicherweise eine andere politische Idee zu verfolgen."

Auch Marietta Auer, die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie in Frankfurt am Main kann sich eine Entschädigung der Hohenzollern nicht vorstellen: "Das ist die DNA unserer Rechtsordnung, dass wir die Täter nicht irgendwie belohnen dürfen. Der Gedanke ist: Wer einen Schaden angerichtet hat, soll nicht von dem ihm selbst angerichteten Schaden profitieren. Das ist der ganz einfache Gedanke dahinter. Das ist keine Magie. Selbst wenn man das vielleicht als Zumutung empfinden mag, weil man moralisch eine kleine Gewichthebe-Übung machen muss, ist das absolut tolerabel und notwendig und genau das, was unser Recht an ganz vielen Stellen macht."

Historiker: Hohenzollern "selbstbewusst, offensiv, auch aggressiv"

Der Marburger Historiker Eckart Conze verwies darauf, dass auch Berufskollegen, die früher einmal die Hohenzollern in Schutz nahmen, inzwischen ihre Ansicht korrigiert hätten. Und politisch hält er die Forderungen des Hochadels ohnehin für gefährlich: "Es geht mir dabei weniger um die fahnenschwenkenden Reichsbürger, die sich in Potsdam vor der Generalverwaltung des Hauses Hohenzollern versammeln und den Gefangenen-Chor aus Nabucco intonieren. Es geht mir vielmehr um das geschichtspolitische Klima, in dem die Entschädigungsforderungen der Hohenzollern diskutiert werden, auch öffentlich diskutiert werden. Hat das selbstbewusste, auch offensive, zum Teil auch aggressive Vorgehen der Hohenzollern und ihrer Anwälte nicht auch etwas zu tun mit einem neuerdings wieder weichgezeichneten Bild des Kaiserreichs und der preußisch-deutschen Geschichte insgesamt?"

Ein Gerichtsverfahren zwischen dem Land Brandenburg und den Hohenzollern liegt noch bis September auf Eis, um Zeit zu gewinnen für Vergleichsverhandlungen. Offenbar geht also zumindest Brandenburg auf das Adelsgeschlecht zu und sucht hinter den Kulissen nach einem Kompromiss.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang