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Bei der Entgegennahme des Nobelpreises 2021

Dmitri Muratow

Bildrechte: Sergei Bobylew/Picture Alliance
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    Haben russische Oligarchen Muratows Nobel-Medaille ersteigert?

    Der Journalist, Putin-Kritiker und letztjährige Nobelpreisträger ließ seine Auszeichnung zugunsten der Ukraine in New York versteigern. Knapp 100 Millionen Euro wurden erlöst: Jetzt wird spekuliert, das Geld komme von russischen Milliardären.

    Von
    Peter JungblutPeter Jungblut
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    Viel Geld für einen guten Zweck: Ein anonymer Bieter hatte die auf zunächst 712.000 US-Dollar geschätzte Nobelpreis-Medaille beim Auktionshaus Heritage Auctions für 103,5 Millionen US-Dollar ersteigert. Eingeliefert hatte sie der Chefredakteur der zur Zeit nicht erscheinenden Moskauer Zeitung "Nowaja Gazeta", Dmitri Muratow. Der bekennende Kriegsgegner und Putin-Kritiker wollte damit nach eigenen Angaben geflüchteten ukrainischen Kindern helfen. Muratow war für seine Verdienste um die Meinungsfreiheit gemeinsam mit der philippinischen Journalistin Maria Ressa im vergangenen Jahr mit den Friedensnobelpreis bedacht worden.

    Unmittelbar vor der Auktion hatte Muratow an die potentiellen Bieter appelliert, ein Junge in Mariupol habe für ein Handy-Guthaben "gebetet", damit er seine Mutter anrufen könne: "Stellen Sie sich jetzt vor, dass das ihr Kind ist." Zwei Drittel der ukrainischen Kinder, insgesamt rund fünf Millionen, seien seit dem 24. Februar auf der Flucht.

    Muratow gewann vierzig Flaschen Whisky

    "Es gibt Auktionsregeln, vor denen ich gewarnt wurde", sagte Muratow im Interview mit dem russischen Sender RTVI: "Sie sagten, dass die meisten ihrer Kunden normalerweise anonym sind. Und nach den Regeln des Auktionshauses bleibt der Käufer immer inkognito. Es ist wie ein soziales Netzwerk, aber nicht unser eigenes. Es gab unterschiedliche Prognosen und sogar Wetten. Ein befreundeter Produzent sagte, dass es 2,5 Millionen sein werden und dass das schon ein riesiges Ergebnis wäre. Ich habe dann letztendlich von ihm vierzig Flaschen Whisky gewonnen." Wer die Medaille also jetzt sein Eigen nennen darf, ist unbekannt.

    Das hält die russischen Medien aber nicht davon ab, munter zu spekulieren, es könne eigentlich nur ein russischer Oligarch sein, der sein Image im Ausland aufhellen wolle. Offenbar wolle irgendjemand als "guter Russe" rüberkommen, was "alarmierend" sei: "Es ist klar, dass selbst ein Stück Nobel-Gold nicht so viel wert ist."

    Der kremlfreundliche Politologe und Direktor des Instituts für Politische Studien, Sergei Markow, wagte eine Prise (wohl voreilige) Desinformation und sagte: "Für eine Medaille ist der Preis zu hoch. Anscheinend hat jemand speziell in diese eine Medaille investiert. Ich wage zu vermuten, dass diese 100 Millionen Dollar von einem russischen Oligarchen kommen, der unter westlichen Sanktionen leidet, in der Hoffnung, die westlichen Regierungen zu erweichen, die Sanktionen gegen ihn zu lockern." An die "moralischen Prinzipien" hinter der Versteigerung glaube er nicht, so Markow, denn die russischen Bewohner des Donbass bekämen von dem Geld ja nichts ab.

    "Geld stammte aus Russland"

    Im russischen "News"-Portal heißt es, hinter den Kulissen habe ein Bieter das letzte vorliegende Gebot von 16 Millionen US-Dollar mit einem Schlag auf 103,5 Millionen erhöht: "Es stellte sich bald heraus, dass das Geld, wie so oft, aus Russland stammte und dass der wahrscheinliche Bieter Roman Abramowitsch war. Fast zeitgleich entschieden die amerikanischen Behörden, Abramowitschs Boeing 787 zu beschlagnahmen, um den Ruin der angeblich kremlnahen Oligarchen fortzusetzen."

    Ohne Beweise für diese These vorzulegen, beschimpft "News" die russischen Milliardäre, die angeblich derart viel Geld für die Nobel-Medaille ausgegeben haben: "Viele unserer Oligarchen haben die Idee des Präsidenten von dauerhaftem Erfolg und Selbstachtung nicht verinnerlicht, die nur diejenigen nachvollziehen können, die ihre Gefühle mit dem Vaterland verbinden."

    "Meiner Meinung nach eine schöne Geste"

    Ähnlich wie Markow schimpft auch Autor Michail Schchikpanow: "Flüchtlinge aus der Ukraine werden nicht nur nach Europa geschickt, sondern auch zu uns nach Russland. Sie haben auch Kinder. Außerdem Kinder, die viele Jahre in Kellern verbracht haben. Kinder, die viele Jahre lang unter ukrainischem Beschuss und Bombenangriffen gelitten haben und weiterhin leiden. Werden sie etwas von den Millionen bekommen, die für die Medaille investiert wurden? Schwer zu glauben."

    Viktor Mizin vom Carnegie-Zentrum für postsowjetische Studien in Moskau sagte dagegen an die Russen gewandt: "Das ist nicht das erste Mal, dass ein Nobelpreisträger seine Medaille verkauft. Daher lohnt es sich nicht, den Chefredakteur der Nowaja Gazeta für eine solche Tat zu verurteilen. Er ist definitiv kein Verräter. Muratow machte eine noble Spende. Er hat das Geld nicht in Moskauer Restaurants vertrunken. Meiner Meinung nach ist das eine schöne Geste."

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