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"Habe auch einen Hang zum Anarchismus": Zum Tod von Irm Hermann | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

Mehr als eine Schauspielerin: Irm Hermann bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2014

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"Habe auch einen Hang zum Anarchismus": Zum Tod von Irm Hermann

Sie war weit mehr als Fassbinders Muse, obwohl sie in zahlreichen Filmen von ihm brillierte: Schauspielerin Irm Hermann. Widerspenstig war sie und wollte der kleinbürgerlichen Spießigkeit entkommen. Nun ist sie im Alter von 77 Jahren gestorben.

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Sie war gar keine Schauspielerin, das wusste sie selbst am besten, sie war weit mehr: Eine Diva, mit einer Ausstrahlung, der sich kaum ein Zuschauer entziehen konnte. Irm Hermann, geboren 1942 in München, hatte oft Nebenrollen, die sie regelmäßig zu Hauptrollen machte, allein durch die Art ihres Auftretens, durch ihre unverwechselbare Stimme.

Hang zum Anarchismus

Dabei hatte sie mit ihrer zutiefst kleinbürgerlichen Herkunft nicht gerade die idealen Voraussetzungen mitgebracht, um auf der Bühne und im Film zu landen – obwohl, widerspenstig war sie schon immer: "Ich habe immer schon mit Leuten gearbeitet, die nicht konventionell waren, die fast anarchistisch waren, und das gefällt mir einfach. Ich habe auch einen Hang zum Anarchismus."

© Heinz Browers / United Archives Browers

Irm Herrmann, Brigitte Mira und Rainer Werner Fassbinder, Cannes 1974

Nach der Volksschule machte Irm Hermann zunächst eine Lehre als Verlagskauffrau und arbeitete als Sekretärin bei einem Automobilclub. Als sie 1966 zufällig den damals noch nicht sehr bekannten Filmemacher Rainer Werner Fassbinder kennenlernte, änderte sich alles in ihrem Leben.

Begegnung mit Fassbinder ändert ihr Leben

Schlagartig ließ sie ihr beschauliches, altes Leben hinter sich und wagte einen kompletten Neuanfang: "Das hat mich total umgekrempelt, der hat mich total gefordert. Er hat mich beim Drehen nicht überfordert, er hat mir das zugeteilt, von dem er dachte, dass ich dazu in der Lage bin. Und da hat er natürlich diese bürgerliche Komponente, die ich durch meine bürgerliche Herkunft in mir hatte, zugewiesen. In der konnte ich mich relativ sicher bewegen, denn ich kannte ja die Verhaltensweisen der Kleinbürger. Ich hatte meine Mutter genau im Ohr."

© BR

Sie war eine Muse von Rainer Werner Fassbinder. Daneben spielte Irm Hermann in Filmen von Herzog, Kinski, Schlingensief und anderen Regisseuren mit. Auch auf der Theaterbühne war die Autodidaktin zu sehen.

Weit mehr als Fassbinders Muse

Sie war weit mehr als Fassbinders Muse, gehörte zu dessen engerem Freundeskreis, gründete mit ihm und anderen gemeinsam das Münchner Antiteater, das schnell Schlagzeilen machte - nicht nur, weil einzelne Mitwirkende ihre Gagen nicht versteuerten und dadurch Ärger mit dem Finanzamt bekamen. In rund zwanzig Fassbinder-Filmen hatte sie ihren Auftritt, und fast immer war sie die unnahbare, spröde und spießige Zeitgenossin. Eine Frau, die sich mit ihrem Kostüm gegen alle Zumutungen förmlich panzerte.

Herrlich, wie sie diese Rolle immer und immer wieder ausfüllte, die ganze Langeweile und Herablassung der spießbürgerlichen Existenz verkörperte. War das der Grund, warum sie so erfolgreich war? Irm Hermann: "Das müssen eigentlich andere beschreiben. Ich glaube nicht, dass mich die Leute wegen meiner Schauspielkunst engagieren, sondern dass es an meiner Aura oder Ausstrahlung liegt."

© pa/dpa

Irm Herrmann in Rainer Werner Fassbinders "Angst Essen Seele auf" von 1974

Nur ein einziges Mal durfte Irm Hermann eine Hauptrolle spielen: In der bitteren Wirtschaftswunder-Satire "Händler der vier Jahreszeiten" von 1972. Sie spielte die eingebildete und dünkelhafte Irmgard Epp, die einen Obsthändler heiratet, obwohl sie ihn weder liebt, noch für standesgemäß hält. Wirtschaftlich sind beide erfolgreich, doch die Beziehung ist ein Alptraum, geprägt von gegenseitiger Kälte und Gleichgültigkeit.

Tiefer Blick in die bürgerliche Seele

Es ist dieser tiefe Blick in die bürgerliche Seele, für die Irm Hermann bekannt wurde. Ein Blick, den ihr das Leben beigebracht haben muss. Prompt wurde sie für ihre Leistung mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet. "Ich wähle nicht, ich werde gewählt, das ist mein Schicksal, von Produktion zu Produktion, von Regisseur, zu Regisseur. Ich empfinde einfach jede Art als Lernprozess, ich stehe immer wieder da, als hätte ich noch nie etwas gemacht."

© Thomas Aurin

Irm Hermann, als Grande Dame des Deutschen Films

"So nicht!"

Ende der siebziger Jahre wechselte Irm Hermann von München nach Berlin, wurde dort von so prominenten Regisseuren wie Werner Herzog geholt, mit dem sie an der Seite von Klaus Kinski 1979 "Woyzeck" drehte, und von Percy Adlon in dessen Film "Fünf letzte Tage" besetzt, wo sie die Gefangene Else Gebel spielte. Einem größeren Publikum wurde Hermann durch ihre komödiantischen Auftritten bekannt, etwa in Loriots Erfolgs-Satire "Pappa ante Portas" und an der Seite von Hape Kerkeling, für den sie im Film "Willie and die Windzors" keine Geringere spielte als Königin Elisabeth von England.

Selbst in "Fack ju Göhte 3" war sie zu sehen, als Ploppis Oma. Sie brillierte in Schlingensief-Filmen, als Sprecherin von Hörbüchern und an der Freien Volksbühne in Berlin. "Mein Wunsch war immer schon als Kind und Jugendliche: So nicht! Ich wusste zwar nicht genau, wie ich anders leben wollte, aber ich wusste: Es muss noch eine andere Welt geben, ein anderes Leben."

Irm Hermann verstarb am vergangenen Dienstag im Alter von 77 Jahren in Berlin, wie ihre Agentin mitteilte.

© pa/dpa

Irm Herrmann nimmt 2014 den Deutschen Filmpreis entgegen.

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