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HA Schult, der "Müllkünstler der ersten Stunde", wird 80 | BR24

© Bayern 2

Weit vor Beuys hat er Müll und Kunst zusammengebracht: der Aktionskünstler HA Schult. Im Interview zu seinem 80. Geburtstag feiert er seine Trash People, erzählt von Willy Brandt im Alten Simpl und macht sich über die Kritiker der SZ lustig.

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HA Schult, der "Müllkünstler der ersten Stunde", wird 80

Weit vor Beuys hat er Müll und Kunst zusammengebracht: der Aktionskünstler HA Schult. Im Interview zu seinem 80. Geburtstag feiert er seine Trash People, erzählt von Willy Brandt im Alten Simpl und macht sich über die Kritiker der SZ lustig.

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In den 1960er-Jahren, mitten in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders und der amerikanischen Pop-Art, die den Konsum ironisch verherrlichte, hat er kontrovers gedacht: Dass all dieser Wohlstand ja auch irgendwie Müll hervorbringt. Damit war der Künstler HA Schult einer der ersten, lange vor Beuys, der Kunst und Ökologie gedanklich zusammenbrachte – und auch in ein Gleichgewicht bringen wollte. Seine Aktionen waren spektakulär: Er hat den Markusplatz in Venedig vermüllt, Opernsänger auf Müllkippen singen lassen und vor allem die Trash People geschaffen – Figuren aus zusammengesammelten Müll, die seit 1996 um die Welt ziehen und von der Chinesischen Mauer bis in die Arktis als spektakuläre Mahnmale gegen die Ausbeutung von Mensch und Planet aufgestellt werden. Zu seinem 80. Geburtstag hat Barbara Knopf mit Deutschlands wichtigstem Aktionskünstler gesprochen.

Barbara Knopf: Schauen wir am 80. Geburtstag in die Zukunft. Mitte August sind zwei Drehtage für den neuesten James Bond-Film in Matera, der italienischen Kulturhauptstadt, angesetzt. In diesem Film, und eben auch vor dem Panorama der 9.000 Jahre alten Stadt, werden dann ihre Müllmenschen zu sehen sein. Was haben denn Ihre Trash People zu erzählen?

HA Schult: Also erst einmal: Mit James Bond habe ich nun wahrlich nichts zu tun. Das findet zufällig gleichzeitig statt, die Dreharbeiten für den Vorspann von James Bond. Und meine Agenten sind zurzeit in Verhandlung mit den Agenten von James Bond, wie weit meine Skulpturen, die sowieso in Matera stehen werden, ins Bild kommen. Da gibt es natürlich ganz verschiedene Anschauungen. Die stellen sich wahrscheinlich vor, dass eine Verfolgungsjagd zwischen meinen Skulpturen stattfindet. Und das stelle ich mir nun wahrlich nicht vor. Also warten wir erst mal ab, wie der Film wird.

© dpa/picture-alliance

Auch in der Arktis standen sie schon: Die Trash People von HA Schult

Also Ergebnis noch offen. Aber seit 23 Jahren ziehen die Trash People um die Welt, ob nun vor dem Kreml in Moskau oder an den Pyramiden von Gizeh, so wie die Migranten und die Kriege ja auch um die Welt ziehen. Und sie sind ja auch selbst Krieger, diese Müllmenschen, oder?

Erstmal muss ich sagen, dass ich ein Bayer bin, ich habe in München 17 Jahre gelebt, zweimal geheiratet in der Mandlstraße , den Müll in die Schackstraße gekippt und dann bin ich im Lenbachhaus gelandet. Ich lebe jetzt in Rhein-Ruhr-City und mache meine Aktionen weltweit. Was ich gerade treibe, das beschäftigt deswegen die Welt, weil das, was wir Künstler in den 60er-Jahren, ja in den 50er-Jahren vorausgesagt haben, das hat jetzt der Dümmste begriffen. Das ist unser tägliches Geschwätz im Fernsehen und in den Talkshows.

Sie haben ja schon im Wahlkampf von Willy Brandt mal zu ihm gesagt: "Eines Tages wird der Müll Wahlen entscheiden." Hat aber ziemlich lange gedauert!

Richtig, und deswegen freut mich das natürlich. Ich habe damals im Alten Simpl bei Toni Netzle gesessen, Willy saß mir gegenüber, Egon Bahr war dabei, natürlich Vogel, der damals ein guter Kommunalpolitiker war, später ein furchtbarer Erbsenzähler in der SPD, und vor allem mein verstorbener Freund Hotte Ehmke. Und ich habe damals zu Willy und Hotte gesagt: "Eines Tages wird der Müll die Politik entscheiden und die Luft, die wir atmen!" "Ja", haben die Jungs gesagt. "Wir wollen aber endlich mal gewählt werden. Wir wollen endlich mal Kanzler sein! Geh doch bitte zur CSU und sag denen das, weil damit verlieren wir die Wahl!" Und so ist es über die Jahrzehnte geblieben. Die Wahrheit wird unter den Teppich der Verdrängungen gekehrt und die einzigen, die in einer freien Gesellschaft den Mund aufmachen können, das sind wir Künstler. Ich wurde der Müllkünstler der ersten Stunde und damals viel belächelt. Heute sieht man, was wir gemeinsam angerichtet haben. Und ich war einer der Ersten, die darauf hingewiesen haben. Das freut mich nun gar nicht – besser, es wäre anders gekommen.

© dpa/picture-alliance

Mal ließ er ein Flugzeug in Manhattan abstürzen, mal platzierte er ein Auto auf dem Kölner Stadtmuseum: Das Flügelauto parkt dort seit 1991.

1977 haben Sie ein Flugzeug über Manhattan kreisen und es abstürzen lassen auf eine Mülldeponie. Das wurde dann live per Satellit auf die Documenta übertragen. Das wäre heute unvorstellbar. Was war damals Ihr Gedanke?

Na ja, das ist unvorstellbar vor allen Dingen, weil ich bei keiner Einreise in die USA die Bilder davon zeigen darf, weil irgendwelche Schwachköpfe der Emigration denken, ich hätte diesem Osama bin Laden das Protokoll, das Skript geliefert. Nein, mein Impuls damals war ein anderer in einem Land, das den Konsum nicht etwa nur glorifizierte und eben nicht satirisch meinte! Die Pop-Art hat ja dem Konsum einen Sockel gebaut und ihn verherrlicht. Der Volkswagen wurde zur Ikone seiner Zeit. Coca Cola, der Dollar, das waren die Götzen, die man anbetete. Und dann kam so ein Künstler aus Bayern und ließ ein Flugzeug auf die damals größte Müllkippe der Erde stürzen und hatte ein Schild hinterher angebracht: "Crash, Monument for USA", im Juli 1977. Das wurde live als erste Satellitenübertragung in der Kunstgeschichte überhaupt auf die documenta 6 übertragen. Das ist heute Kunstgeschichte. Gott sei Dank, das, was daraus dann später entstand, nicht.

Sie haben den USA ein bisschen enttäuscht den Rücken gekehrt. Wären Sie gern so erfolgreich wie Andy Warhol gewesen?

Ich war pleite. Andy Warhol war nicht pleite, er hat eine Dollarnote gemalt und diese Dollarnote wurde später dann von einer SPD-Dame versteigert zugunsten der Spielbank von Aachen. Was ich völlig absurd finde, sie hätte das Geld, das sie dafür bekam, besser für einen Kindergarten verwendet. Sie wurde ja auch schnell abgewählt. Aber die Idee ist doch genial! Aus einer Dollarnote drei Millionen Pfund zu machen, das konnte nur Andy! Er war einer der Soldaten des Konsums. Meine Skulpturen sind keine Armee, sie sind keine Soldaten, sie sind das Volk der Geknechteten der Konsumepoche. Und meine Müllmänner werden uns leider alle überleben. Sehen Sie, eine der Skulpturen steht bei der derzeit amtierenden Bundesumweltministerin. Diese Skulptur hat jetzt schon den siebten Minister. Es fing an mit Trittin. Dann kam Gabriel. Dann kam Röttgen. Dann kam Altmaier. Dann kam Frau Hendricks, jetzt ist eine Frau Meier oder Müller da, und jetzt kommt schon bald wieder, das wissen wir im Herbst, die nächste Ministerin oder der nächste Minister. Politiker kommen und gehen, die Kunst bleibt. Und sie zeigt das Problem. Lösen müssen wir es gemeinsam.

© dpa/pictur-alliance

Ungewöhnlich ruhiges Porträt: HA Schult vor einer Wand seines _Save The World_-Hotels am Rheinufer in Köln

Der Künstler und Medientheoretiker Peter Weibel hat Sie mal einen "Chronisten der Zukunft" genannt. Empfinden Sie sich als Visionär oder als Apokalyptiker?

Nein, ich bin ein Künstlerwurm, der sich in seiner Zeit krümmt, aber der das darf und damit einen Beleg dafür gibt, dass wir noch niemals zuvor in diesem Land inklusive übrigens Bayern in einer so freien Gesellschaft leben, wie dieses Land sie bis jetzt nicht kannte. Während wir täglich darüber in irgendwelchen schwachsinnigen Talkshows diskutieren, wo der eine oder andere Rechte in diesem Nest sitzt, da müssen wir daran denken, wie frei wir geworden sind! In totalitären Ländern bekomme zuerst ich eins auf den Deckel, und dann Sie! Aber hier in diesem Land, da dürfen wir sagen, was unsere Zukunft umtreibt. Und das können wir lautstark jeden Tag wiederholen. Und dafür muss ich mich bedanken.

Aber immerhin standen ihre Müllmenschen, ihre Trash People, auf der Chinesischen Mauer!

Ja, da bin ich clever! Ich stand auch auf dem Roten Platz, und wir wissen, wie es darum bestellt ist. Und jeder, der da hingeht, hat schon Schwierigkeiten selber drauf zu stehen, geschweige denn mit tausend Skulpturen! Und diese Kritiker von der Süddeutschen Zeitung, die das vielleicht ab und zu verreißen, die kriegen ja nicht mal einen Parkplatz auf ihrem Hof. Als Künstler muss man einfach darüber nachdenken, wie man es realisiert. Ich habe damals den Begriff "Macher" geprägt. Ich bin der Macher HA Schult und kein Nachmacher, sondern ein Vormacher. Und ich war in China zu einem Zeitpunkt wo Ai Weiwei noch ein Werbefuzzi war. Er hat daraus gelernt. Heute lässt er sich benutzen, instrumentalisieren von der westlichen Welt. Kunst darf sich nicht instrumentalisieren lassen! Kunst soll auch nicht instrumentalisieren! Kunst soll aufzeigen, und das konnte ich damals in China. Wenige Jahre davor hatte man mir noch mein Visum genommen und Deng Xiaoping hat über den damaligen Kultusminister über dpa und AP verlauten lassen, "die Aktionskunst ist ein Feind des Volkes". Eine größere Ehrerbietung kann ein Künstler nicht bekommen.

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