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Gute Mischung: Die Favoriten für den Deutschen Buchpreis | BR24

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Gute Mischung: Die Favoriten für den Deutschen Buchpreis

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    Gute Mischung: Die Favoriten für den Deutschen Buchpreis

    Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020 stehen diesmal die Namen von vier Autorinnen und zwei Autoren. Eine Mischung aus Bekanntem und Neuem, Debüts und Bestsellern, aktuellen historischen Themen und dem bewährten Mikrokosmos Familie.

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    Die Luft wird dünner, die Diskussion in der Jury streitbarer

    Familien, Dörfer, Mikrokosmen prägten die Longlist, die paritätisch besetzt war mit Schriftsteller*innen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, mit Bestsellerautoren wie Robert Seethaler und Entdeckungen wie Helena Adler. Nun wird die Luft dünner, die Diskussion in der Jury streitbarer. Die Shortlist präsentiert sechs Titel aus dem letzten Bücherjahr, und alles ist ausgewogen, moderat, eine wohl dosierte Mischung bekannter Schriftsteller*innen und Entdeckungen, von Männern und Frauen. Leser- und buchhändlerfreundliche erzählende Literatur hat den Vorrang vor ungewöhnlichen stilistischen Experimenten.

    Christine Wunnicke: "Die Dame mit der bemalten Hand" (Berenberg)

    Höchst erfreulich, dass es Christine Wunnicke auf die Shortlist schaffte, dreimal schon stand sie auf der Longlist. Die Münchnerin lebt und schreibt seit langem, eher im Schatten des Literaturbetriebs, herrlich schräge, wunderschöne, wundersame Kurzromane. "Ich hab mich reinverliebt in diese 150-Seiten-Länge", sagt die 54-Jährige. Eine Meisterin skurriler Begegnungen, Irrtümer des Wissens und der Wissenschaften inbegriffen. Conaisseure lieben ihre kuriosen Stoffe und scheinbar historischen Romane, die tatsächlich aber heutige Wertmaßstäbe anlegen und auf den Prüfstand stellen. Mit reichlich Ironie und viel Empathie für die Figuren! Das gilt auch für "Die Dame mit der bemalten Hand": Der junge deutsche Forschungsreisende Carsten Niebuhr, eine historische Figur, Mathematiker und Kartograf, und der Astrolabienbauer Meister Musa, ein Perser aus dem indischen Jaipur, unterwegs nach Mekka, stranden auf Elephanta, der berühmten Höhleninsel vor Bombay. Beide sprechen halbwegs Arabisch, aber von Verständigung keine Spur, eher von durchaus komischen Missverständnissen! Zwei Männer aus zwei Kulturen, "lost in translation" bei der Betrachtung von Höhlenskulpturen und Sternbildern. Herrlich der westöstliche Clash of Civilizations!

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    Christine Wunnicke: "Die Dame mit der bemalten Hand" (Berenberg)

    Anne Weber: "Annette. Ein Heldinnenepos" (Matthes & Seitz Berlin)

    Anne Weber, die Offenbacherin in Paris, fand eine französische Heldin: die heute 95-jährige Annette / Anne Beaumanoir aus der Bretagne, die als junge Frau in einfachen Verhältnissen, als junges Mitglied der kommunistischen Résistance, jüdische Jugendliche rettete und dafür in Yad Vashem "Gerechte unter den Völkern" genannt wird. Aber Anne Weber ist zu klug, um daraus ein pathetisches Heldenepos zu machen. Sie wagt einen Roman in Versen – feine Ironie statt Pathos – und erzählt episodisch in ihrem Prosagedicht. Sie flicht Klassiker-Zitate in ihren Text und stellt sehr aktuelle Fragen: Was treibt jemanden in den Widerstand? Wie weit darf er gehen?

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    Anne Weber: "Annette. Ein Heldinnenepos" (Matthes & Seitz Berlin)

    Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik" (Carl Hanser)

    Dorothee Elmigers "Aus derZuckerfabrik" ist kein auf die übliche Weise erzählter Roman, eher ein Archiv aus Fragmenten mit Zucker als Medium zwischen Körper und Geld, als Chiffre des Begehrens und der Begierde. Ein Notizbuch der Erkundungen zwischen Thuner See und Haiti, von Adam Smith bis Karl Marx. Seit Dorothee Elmiger 2010 beim Bachmann-Wettbewerb aus ihrem Debütroman "Einladung an die Waghalsigen", einer Dystopie, las, seitdem verbindet die 35-jährige Appenzellerin immer wieder ästhetische Ambition und Experimentierfreude mit politischen Themen.

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    Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik" (Carl Hanser)

    Deniz Ohde: "Streulicht" (Suhrkamp)

    Deniz Ohde, eine der drei Debütanten auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, hat es auf die Shortlist geschafft, vor allem wohl wegen des Themas, das kaum aktueller sein könnte: Die Diskrepanz zwischen Bildungsversprechen und Ungleichheit. Die Ich-Erzählerin hat akademische Karriere gemacht, trotz prekärster familiärer Verhältnisse: Die türkische Mutter ging fort, überließ das Kind dem Vater, der häuslichen Gewalt, der Benachteiligung wegen ihrer Herkunft, der Ausgrenzung, der Sprachlosigkeit zwischen Rassismus und Anpassung. Nun wird sie konfrontiert mit ihrer Frankfurter Herkunft, dem Industriepark Höchst, dem Säuregeruch, dem Industrieschnee. Ein schnörkelloses, berührendes, wichtiges Buch. Deniz Ohde, 32, lebt inzwischen in Leipzig.

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    Deniz Ohde: "Streulicht" (Suhrkamp)

    Bov Bjerg: "Serpentinen" (Claassen)

    Einer der Champions im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2020. Mit "Auerhaus", inzwischen verfilmt, landete Bov Bjerg 2015 einen Bestseller. Nun, Mitte fünfzig, reüssiert er mit seinem bislang persönlichsten Roman, der zurückführt in Bjergs Kindheitslandschaft am Fuß der Schwäbischen Alb. Der Vater, Professor und Alkoholiker, ist unterwegs mit dem Sohn. Die Reisebegleiter in dieser Roadnovel: Erinnerung und Tod, denn immer wieder nahmen sich Männer dieser Familie das Leben, im Alter des Vaters, "ertränkt, erhängt, erschossen". Auf den "Serpentinen" der Vergangenheit wird das schwere familiäre Gepäck deutlich: Flucht, Kontinuität der NS-Zeit, provinzieller Hass, Grausamkeit in der Erziehung. Die Reise nun ist eine Suche nach Erlösung, der Roman eine Abraham-Geschichte, der Sohn bringt Licht ins Dunkel, Hoffnung und Heiterkeit.

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    Bov Bjerg, "Serpentinen" (Claassen)

    Thomas Hettche: "Herzfaden" (Kiepenheuer & Witsch)

    Dieser Roman ist preisverdächtig und sein Verfasser, ein literarisches Schwergewicht auf dieser Shortlist, dreimal schon im Finale früherer Jahre. Thomas Hettche, Mitte 50, aus Hessen, seit langem in Berlin und in der Schweiz lebend, hat 18 Bücher und rund zwei Dutzend Preise vorzuweisen. Er ist ein reger Schriftsteller, Herausgeber, Juror und freudiger Erkunder experimenteller Räume, sehr früh im Internet, inzwischen wieder analog, trotzdem zu immer neuen Themen und literarischen Abenteuern bereit. Diesmal verbindet er – zweifarbig im Layout – eine reale Geschichte mit einer Märchenerzählung. Und das zu einer Ikone unser aller Kindheit: der Augsburger Puppenkiste im Licht deutscher Geschichte. Im Mittelpunkt: die Tochter des Gründers Walter Oehmichen, die nach einer Vorstellung – wie Alice im Wunderland – durch eine Holztür verschwindet. Selbst schon geschrumpft auf Puppengröße begegnet sie auf dem Dachboden Jim Knopf und all den anderen bekannten Figuren, während draußen, in der Wirklichkeit, Juden verschwinden und der Krieg tobt. Hettche hat recherchiert, den Sohn von Hannelore Oehmichen befragt, aber er belässt es nicht bei historischen Fakten. Literarische Referenzen leuchten auf, Märchenhaftes, Zauberhaftes. "Herzfaden" ist der Faden der Marionette zum Publikum. Thomas Hettche versteht es, daran zu ziehen.

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    Thomas Hettche: "Herzfaden" (Kiepenheuer & Witsch)

    Die Österreicher*innen gingen leer aus, drei sollte man auf jeden Fall im Auge behalten: Helena Adler und "Die Infantin trägt den Scheitel links" (Jung & Jung), ein Dorf-Roman in schönster Anti-Heimat-Tradition; Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher "Ich an meiner Seite" (Zsolnay) und Ex-Häftling Artur, der versucht, wieder aufs richtige Gleis zu kommen; Valerie Fritsch und "Herzklappen von Johnson & Johnson" (Suhrkamp), ein Roman über die verstörende Gefühllosigkeit eines Kindes.

    Die Preisverleihung diesmal digital

    Seit 15 Jahren rückt der Deutsche Buchpreis in der Fülle neuer Titel einige wenige ins Licht und sorgt für maximale mediale Öffentlichkeit. Um die Sache spannender zu machen, gibt es – wie bei den großen Vorbildern, dem Man Booker Prize und dem Prix Goncourt – die Longlist im August und die Shortlist im September. Das also vor der Verleihung im Oktober, die den/die Gewinner/In mit 25.000 Euro bedenkt, nachrichtentauglich und den Titel zum Bestseller macht; diesmal digital, am 12. Oktober.

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