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Erkunder der Tieflandsbucht: Zum Tod von Guntram Vesper | BR24

© Audio: BR/ Bild: dpa

Nachruf von Niels Beintker auf den Schriftsteller und Lyriker Guntram Vesper

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Erkunder der Tieflandsbucht: Zum Tod von Guntram Vesper

Die wechselvolle deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert ist das zentrale Thema im Werk des Schriftstellers und Lyrikers Guntram Vesper. Der Roman "Frohburg" – der Roman seines Lebens – gilt als sein wichtigstes Buch und erhielt viel Aufmerksamkeit.

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Von
  • Niels Beintker

Guntram Vespers Opus Magnum, erschienen im Jahr 2016, ist in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall. Zum einen kehrte der Schriftsteller mit diesem Buch zurück in eine breite Öffentlichkeit, nach Jahren einer unfreiwilligen Abstinenz im bundesdeutschen Literaturbetrieb. Und er wurde für diese Chronik einer Familie aus dem 20. Jahrhundert sogleich – und völlig zu Recht – mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zum anderen aber ist auch die Geschichte, die Guntram Vesper auf 1000 Seiten entfaltet hat, ein Ereignis.

Realität und Imagination

Geboren 1941 in Frohburg, einer Kleinstadt in Westsachsen, verknüpfte Vesper wunderbar spielerisch die eigene Biografie mit der wechselvollen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Literarische Momentaufnahmen – Episoden und Begebenheiten – aus Nationalsozialismus und Krieg durchziehen den Roman, ebenso aus der DDR, unter anderem über den geheimen Uran-Abbau der Sowjets im Erzgebirge. Reale und erfundene Ereignisse schließen aneinander an. Unter anderem wird in dieser eigensinnigen histoire totale eine frühe Lesung des Schriftstellers Erich Loest in Frohburg geschildert und dieser dann ein ganzer nächtlicher und durchaus abenteuerlicher Stadtspaziergang hinzugedichtet. Nur eines von vielen Beispielen.

Für Guntram Vesper war die Auseinandersetzung mit der erlebten und widerspruchsvollen Geschichte – stets gespiegelt an seiner Geburtsstadt – ein Lebensthema. Und zugleich die Auseinandersetzung mit einem schwerwiegenden biografischen Verlust. 1957 – Vesper war 16 Jahre alt – flohen die Eltern mit ihm und seinem Bruder – aus politischen Gründen – aus der DDR in die Bundesrepublik. Frohburg, der Ort der Kindheit und Jugend blieb zurück, schließlich auch hinter der Mauer. In seinem literarischen Werk hat der Schriftsteller und Lyriker diesen Kosmos mit so vielen Geschichten wieder und wieder imaginiert. Nicht nur der große Roman wurde nach der Kleinstadt benannt. Es gibt auch einen gleichnamigen Gedichtband. Und es gibt eine Reihe von Bildern zu Stadtansichten aus Frohburg.

© dpa

Guntram Vesper bei der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2016

Peter Huchel als poetischer Bezugspunkt

Nach der Flucht der Familie in die Bundesrepublik besuchte Guntram Vesper ein Gymnasium im hessischen Friedberg. Dort lernte er seine spätere Frau kennen. Und spätestens dort begann im Grunde auch sein Leben für die Literatur, unter anderem mit der Herausgabe einer kleinen literarischen Zeitschrift. Ein zentraler poetischer Bezugspunkt wurde Peter Huchel, ein für eine ganze Generation in beiden Teilen Deutschlands prägender Dichter. Im großen Bücherregal im bescheidenen Göttinger Haus von Guntram Vesper steht ein Porträtfoto Peter Huchels mit einer Widmung. Man kann sagen: Dieser Lyriker war im Schreiben, vielleicht auch im Leben seines Lesers beständig präsent.

Nach dem Abitur studierte Guntram Vesper Germanistik und Geschichte, erst in Gießen, dann in Göttingen und wurde schließlich freischaffender Schriftsteller. Er schrieb Erzählungen, ebenso Gedichte und Hörspiele. Über die kleine und doch so große Form sagte er gerne, man könne in ihr tief einstiegen und sich vielleicht sogar ins Unendliche verlieren. Nach der Veröffentlichung des Romans "Frohburg" sind – auch das ein Glücksfall – die Gesammelten Gedichte ("Tieflandsbucht") und Prosatexte ("Nördlich der Liebe und südlich des Hasses") in neuen Editionen erschienen. Der Frankfurter Schöffling Verlag hat viel getan für die Wiederentdeckung eines eigenwilligen und zugleich einzigartigen Erzählers.

Geschichte als Spielfeld

Die Geschichte, nicht nur, aber eben auch die des 20. Jahrhunderts, wurde zum poetischen Spiel- und Erkundungsfeld für Guntram Vesper. Der Schriftsteller erforschte dabei nicht nur beständig die Zeitgeschichte, er hegte ebenso eine große Begeisterung für Kriminalgeschichten. Auch sie – zum Beispiel wilde Schmuggler-Berichte aus dem Erzgebirge – sind Teil des poetischen Materials seiner Bücher, darunter des Romans "Frohburg". Zu den Vorhaben, die Vesper zuletzt beschäftigt haben, gehört die Recherche über einen heimtückischen Mordfall im Osten Deutschlands.

Gleichzeitig eröffnen viele der Texte Guntram Vespers, ein kleines Gedicht genauso wie eine längere Erzählung, erhellende Wege in die Literatur- und Geistesgeschichte. Zu Dichtern wie Friedrich Hölderlin ebenso wie zu eher kuriosen Figuren wie Gottfried August Bürger, auch er – wie Vesper – ein Göttinger. Selbst im fernen New York – so in einem der vielen Gedichte – kommt Bürger plötzlich ins Spiel, wird dessen in vielfacher Hinsicht zerrissenes Leben thematisiert. Wäre dieser Autor ein Betbruder gewesen, so Guntram Vesper, wäre er nicht auf die Idee gekommen, dessen Leben so vielfach zu spiegeln.

Große Liebe zu den Büchern

Zu den Wesenszügen Guntram Vespers gehört auch eine große Liebe zu den Büchern. Er verschwand zu gerne in Antiquariaten und war glücklich, wenn er, als Käufer und Leser, ein paar Bücher vor dem möglichen Vergessen in der Ramschkiste bewahren konnte. Auch das, das Stöbern im Antiquariat, ist ein häufig aufgegriffenes Thema im großen Roman "Frohburg" – und in diesem Sinne eine beständige Anstiftung für Vespers Leser, es ihm nachzutun.

In der Gedichtsammlung "Tieflandsbucht" findet sich der frühe Text "Taubengeruch". In ihm ist von einem Aktenvermerk aus der DDR-Schule die Rede – "Achtung, kann fliegen". Das ist einerseits eine poetische Selbstbehauptung: Hier ist einer, in diesem Fall ein Schüler, der in einem durchherrschten System seinen eigenen Kopf bewahrt. Und damit die Unabhängigkeit. Andererseits ist das auch eine Aussage über die Literatur. Sie, in diesem konkreten Fall Guntram Vespers Poesie, ermöglicht einen anderen Blick auf die Welt, wieder und wieder. Man kann das gerne auf den gesamten Kosmos seiner Literatur übertragen.

Heute ist Guntram Vesper im Alter von 79 Jahren in Göttingen gestorben. Das Werk dieses Erzählers und Dichters, dieses besonderen Chronisten unserer Welt, gehört zu den wichtigen literarischen Vermessungen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

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