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Günther Anders-Preis für Philosophin Corine Pelluchon | BR24

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Corine Pelluchon bekommt den Günther Anders-Preis

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Günther Anders-Preis für Philosophin Corine Pelluchon

Die Sorge um das Lebendige treibt die französische Philosophin Corine Pelluchon an - und sie wird gehört: Sie konnte bereits Gucci davon überzeugen, dass Pelz out ist. Jetzt bekommt die engagierte Denkerin in München den Günther Anders-Preis.

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Corine Pelluchons Wohnung liegt im obersten Stockwerk eines bescheidenen Altbaus am südlichen Stadtrand. Das Wohnzimmer ist klein, Paris-typisch verwinkelt, voller Bücherregale. Pelluchon serviert einen Espresso in der Couchecke. Auf dem Tischchen vor ihr, griffbereit, liegen mehrere Taschenbücher von Günther Anders. "Ich teile mit diesem Philosophen die Idee, dass die Struktur unserer Verantwortung sich geändert hat. Und es gibt eine Kluft zwischen unserem Vorstellungsvermögen und unserer Verantwortung. Für Günther Anders und für mich ist es auch nötig, dass wir den Leuten helfen, diese Kluft zu verringern. Und dass wir die Affekte hervorbringen, die Andere zu einem verantwortlichen Handeln motivieren können.“

Demut als Methode, unsere Grenzen zu erkennen

"Die Welt reparieren" will Corine Pelluchon. Unter "Reparieren" versteht sie: Retten, was zu retten ist und eine andere Zukunft ermöglichen. Künftige Generationen sollen die Freiheit haben, zu experimentieren, ein nachhaltiges Wirtschaften mit den Ressourcen unseres Planeten zu entwickeln. Das Ziel ist ehrgeizig. Aus freier Selbsterkenntnis heraus könnten die Menschen ihr Konsumverhalten überdenken, massiv einschränken und neue Tugenden entwickeln. "Und die erste Bedingung ist Demut. Die wir niemals haben, die aber eine Methode ist, die uns hilft, uns unserer Grenzen bewusst zu sein. Und das ist eine schwere Arbeit."

Schon in zwei früheren Werken hat Corine Pelluchon ein Thema behandelt, dass sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeit zieht: die moderne Tierhaltung. Reine Tierquälerei, so die 52-Jährige. Sie habe auch eine strategische Funktion, denn sie stelle unseren Humanismus auf die Probe und unsere Ethik auch. Die Tierquälerei spiegele wider, was unser enthumanisiertes Entwicklungsmodell aus uns gemacht habe. "Ich glaube, es ist ein Schlüssel zu einem Bewusstsein, dass uns helfen kann, ein anderes Entwicklungsmodell zu fördern."

Wertschätzen statt herrschen

Wir müssen aufhören, uns wie Könige der Schöpfung zu betrachten, fordert die Philosophin. Wer sich seiner Körperlichkeit und somit seiner Sterblichkeit bewusst sei, entwickele adäquate Beziehungen zu anderen Lebewesen, egal ob Mensch oder Tier. "Ich glaube, die Wertschätzung ist das Gegenteil von dem Bedürfnis der Herrschaft. Und es ist sehr schwer, das Bedürfnis der Herrschaft zu überwinden. Aber ich glaube, unsere Beziehungen zu den Anderen erklären sich dadurch, dass wir manchmal unseren eigenen Platz nicht anerkennen. Und deshalb können wir nicht den Anderen einen Platz machen." Corine Pelluchon hat ihren Platz ganz offensichtlich gefunden: Jedes ihrer Werke erhielt in Frankreich die eine oder andere Auszeichnung. Und sie wird gehört. So lud die Modefirma Gucci die überzeugte Veganerin zu einem Workshop über die Zukunft der Modewelt. Dass zumindest Pelz out ist, hätten die Gucci-Verantwortlichen geschluckt, freut sich Pelluchon: "Ich glaube, die Pflicht eines Philosophen ist auch, auf die Zukunft vorzubereiten."

Die Sprache von Pelluchon erscheint universell – von ihren Werken gibt es Übersetzungen ins Japanische, Koreanische, Griechische. Dass sie, Walter Benjamin zitierend, von der 'Keimkraft der Wörter' spricht, kommt wohl nicht von ungefähr. Die Philosophin entstammt einer Familie von Landwirten, sie wuchs auf in einem Dorf im Südwesten Frankreichs. Ein erstaunlicher Lebensweg. Sie selbst wiegelt ab: "Jedes Leben ist ein Epos", sagt sie. "Ich hoffe, dass ich noch einen weiten Weg habe."

Der Günther Anders-Preis wird am Montag 17.02.2020 um 19:00 Uhr im Literaturhaus an Corine Pelluchon verliehen.

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