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Der ehemalige Fernsehspielchef des WDR, Günter Rohrbach, brachte die Serie „HOLOCAUST“ ins deutsche Fernsehen.
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Knut Cordsen
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Der ehemalige Fernsehspielchef des WDR, Günter Rohrbach, brachte die Serie „HOLOCAUST“ ins deutsche Fernsehen.

Im Hunsrück und im Münsterland zerstörten vor 40 Jahren Rechtsradikale mit Sprengsätzen TV-Übertragungsmasten, um die Ausstrahlung eines Fernsehfilms zu verhindern. Dieser Vierteiler hieß „Holocaust“ und es war 1979 das Fernsehereignis schlechthin. Rund 20 Millionen Menschen sahen diesen Film über das Schicksal einer fiktiven jüdischen Familie im Nationalsozialismus. „Eine amerikanische Fernsehserie von trivialer Machart“, so schrieb damals der „Spiegel“, „schaffte, was Hunderten von Büchern, Theaterstücken, Filmen und TV-Sendungen, Tausenden von Dokumenten und allen KZ-Prozessen in drei Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte nicht gelungen war: die Deutschen über die in ihrem Namen begangenen Verbrechen an den Juden so ins Bild zu setzen, dass Millionen erschüttert wurden. Im Haus des Henkers wurde vom Strick gesprochen wie nie zuvor.“ Der Mann, der diese US-Serie seinerzeit nach Deutschland holte, war der Filmproduzent Günter Rohrbach. Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Rohrbach, durch die Sprengung zweier Sendemasten im Hunsrück und im Münsterland erlosch im Januar 1979 auf hunderttausenden deutschen Bildschirmen das Erste Programm – an diesem Abend wurde zum Start von "Holocaust" die Dokumentation "Endlösung" gezeigt. Wenn man das heute nachliest: verschärfte Eintrittskontrollen an den Funkhäusern, Polizeiaufgebote bewachten Sendeanlangen, um weitere Anschläge zu verhindern, dann ahnt man, wie politisch aufgeladen die Stimmung damals war. Wie haben Sie das selbst in Erinnerung?

Günter Rohrbach: Na ja, sie war aufgeladen in doppelter Hinsicht: Es gab ja nicht nur große Widerstände aus der rechten Szene, die natürlich nicht wollte, dass das Thema überhaupt wieder aufgegriffen und die deutsche Bevölkerung damit sozusagen belästigt wird. Aber es gab auch sehr starken Widerstand aus der linksliberalen Ecke: Widerstand dagegen, dass dieses Thema gewissermaßen in einem Film dargestellt wurde, also mit Personen, mit denen man sich identifizieren konnte, mit Emotionen, die solche Filme erzeugen. Und es hatte auch von Amerika her durch eine deutsche Journalistin, Sabina Lietzmann, die New York-Korrespondentin der FAZ, schon die Marke gegeben, die man dem ganzen Projekt aufgedrückt hat, nämlich Seifenoper. Und in diesem doppelten Druck von beiden Seiten stand das Projekt damals. Das machte die Sache auch so schwierig.

Sie haben damals 1978 als Leiter des WDR-Fernsehspiels gegen das Votum aller übrigen Fernsehspielchefs der ARD, auch gegen das Votum des BR, den Kauf der US-Serie "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" durchgesetzt. Warum war der Widerstand so groß?

Der Widerstand kam von den Kollegen ausschließlich aus ästhetischen Gründen, würde ich mal unterstellen. Ich habe ihnen damals die erste Folge vorgeführt. Die haben Sie gar nicht mal ganz angesehen. Wir waren es nicht gewohnt, in Deutschland dieses Thema in einer solchen Weise zu erzählen. Es hatte bisher Dokumentationen gegeben, es hatte Berichte gegeben, alles Mögliche, aber es hatte bisher nicht eine Inszenierung in Form eines Spielfilms gegeben, und das fanden die nicht in Ordnung. Sie fanden auch die Machart nicht in Ordnung. Man muss dazu sagen: Hollywood war damals eher ein negativer Begriff. Heute sehen wir das hier etwas anders. Aber "Hollywood-Kitsch", das war so ein Wort, das sehr leicht aufkam und sich gegen diese Produktion richtete.

Und dann wurde daraus das, was man früher einen "Straßenfeger" nannte – die Straßen waren leergefegt um neun Uhr abends, als "Holocaust" vom 21. bis 26. Januar 1979 lief. Alle saßen vor dem Fernseher, die Einschaltquoten waren gigantisch. Die Telefone in den Funkhäusern standen nach der Ausstrahlung nicht mehr still. Warum riefen die Leute an?

Ja, das war auch für uns überraschend. Obwohl wir darauf gefasst waren nach dem, was vorher passiert war. Wir hatten eigene Telefonleitungen geschaltet, aber wir waren nicht darauf eingestellt, dass das mit solcher Wucht kam. In solcher Fülle, mit solcher Erregung. Das war überwältigend, und wir haben selber gespürt, wie sehr die Menschen davon ergriffen wurden. Wir alle dachten, das Thema ist im Bewusstsein der Menschen verankert. Es war es nicht. Die jungen Leute waren völlig überrascht worden. Sie haben angerufen: Wie konnte das geschehen? War mein Opa vielleicht mit im Spiel? Es gab eine absolute Betroffenheit, die das Thema in eine andere Dimension geschleudert hat. Und das hat einfach damit zu tun - das ist auch eine Erfahrung, die man in anderen Zusammenhängen machen kann -, dass die Menschen von Themen nicht wirklich erreicht werden, wenn nicht auch eine Emotion im Spiel ist. Wenn nicht nur der Kopf, sondern auch der Bauch ins Spiel kommt. Das war der große Unterschied zwischen dem, was bisher gemacht worden war und dem, was dieser Film dann hervorgerufen hat.

Der Philosoph Hermann Lübbe hat das Wort geprägt, es sei die Nazi-Zeit in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit "kommunikativ beschwiegen" worden. Wortreich sei um das Thema drumherum geredet worden. Kann es sein, dass diese Serie ein gesellschaftliches Gespräch darüber erst in Gang gesetzt hat?

Es war so. Auch Hermann Lübbe hat wahrscheinlich nicht geahnt vorher, wie wenig das Thema in der Gesellschaft verankert war und wie wenig es in den öffentlichen Diskurs oder auch in den Diskurs der Familien, der Menschen untereinander gekommen war. Das hatte sich total verändert durch diese Serie. Sie hat auch sehr viel ausgelöst über die Tatsache hinaus, dass dieses Thema jetzt ins Bewusstsein großer Mengen von Menschen gekommen ist, für uns war das auch ein Lernprozess: Wir begriffen plötzlich, wie man am Ende agieren muss, wenn man viele Menschen mit einem Thema erreichen will. Wir in den Medien bilden uns ja oft ein, wir könnten etwas bewirken, wir könnten die Welt in ihrem Lauf in irgendeiner Weise beeinflussen. Meistens gelingt uns das nicht. In diesem Fall ist es extrem gelungen.

Wenn dieses einstige Medienereignis nun dieser Tage 40 Jahre später noch einmal gezeigt wird - wieder wie damals in den Dritten Programmen der ARD und in der ARD-Mediathek - was, glauben Sie, zeitigt die Ausstrahlung heute für Effekte?

Schwer einzuschätzen. Ich weiß auch nicht, wer das sieht. Die Einschaltquoten waren okay, aber sie standen natürlich in keinem Verhältnis zu dem, was es damals war. Damals hatte es ja zur Folge, dass das Thema wirklich ein Thema wurde, dass es in den Schulen aufgegriffen wurde, in den Volkshochschulen. In vielen Veröffentlichungen, Magazinen, Zeitschriften, in Fernsehsendungen und in weiteren Filmen. Man denke nur an „Schindlers Liste“ beispielsweise von Steven Spielberg. Das Thema ist inzwischen doch in der Bevölkerung verankert. Es kann nicht mehr diesen Effekt haben, etwas Neues zu erfahren, aber es bleibt eine sehr gute Aufarbeitung dessen, was damals passiert war. Auch wenn es ästhetisch vielleicht zu kritisieren und manchmal auch sentimental ist. Aber die Leute damals in Amerika - der Autor, aber auch der Regisseur - haben sehr sorgfältig gearbeitet, hervorragend recherchiert. Dagegen kann insofern nichts eingewendet werden.

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kulturWelt vom 13.01.2019 - 12:05 Uhr