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Grunzen gegen Standesdünkel : "Betty Blue Eyes" in Linz | BR24

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Augen, die nicht lügen

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Grunzen gegen Standesdünkel : "Betty Blue Eyes" in Linz

Schwein gehabt: Im Nachkriegs-England von 1947 sind alle ausgehungert, aber Kronprinzessin Elisabeth feiert eine üppige Hochzeit. Stoff für ein satirisches Sozial-Musical über Dosenfleisch, Klassenkampf und Krise. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Das trauen sich nur die Engländer: Einen Fußpfleger zum Helden eines Musicals zu machen, Hornhaut, Hühneraugen, Fußpilz und eingewachsene Zehen zu besingen, zu zeigen, wie der Mann ein lahmendes Schwein wieder trittsicher macht und ganz nebenbei auch noch Elisabeth II. zum Gespött zu machen. Diese Art britischer Humor war wohl selbst für London zuviel, jedenfalls hielt sich "Betty Blue Eyes" dort nur ein halbes Jahr. Die Kritiker waren des Lobes voll, das Publikum eher befremdet.

Monarchie ist quicklebendig

Letzteres gilt auch für die deutschsprachige Erstaufführung in Linz, die zwar höflich beklatscht, aber nicht bejubelt wurde. Mutig war es allemal, das Stück aus dem Jahr 2011 auf den Spielplan zu setzen, geht es doch um den alten und typisch englischen Klassenkonflikt zwischen Oben und Unten. Dessen Schärfe wird in Mitteleuropa ja gern unterschätzt: Nirgendwo in der zivilisierten Welt dürften es Aufsteiger schwerer haben als auf der Insel, wo Titel und Einfluss vererbt werden, die Monarchie quicklebendig ist und sich die bessere Gesellschaft sorgsam abschottet.

Bankett für Elisabeth

Sie betrachtet einen Fußpfleger, der seine Praxis am feinen Marktplatz eröffnen will als Bedrohung, und natürlich wird er auch nicht zum Bankett eingeladen, wenn es gilt, die Verlobung der jungen Kronprinzessin Elisabeth mit Prinz Philip zu feiern. 1947 war das, zu einer Zeit, als es mit Großbritannien abwärts ging, als Lebensmittelmarken wenig wert waren und ein leibhaftiges Schwein bei kleinen Leuten noch für Aufsehen sorgte. Fleisch kam bei ihnen allenfalls aus der Dose.

Drei Meter hohe Hochzeitstorte

Gleichzeitig ließen es die königlichen Brautleute krachen, mit einer drei Meter hohen Hochzeitstorte und üppigen Gelagen, mutmaßlich ohne Bezugsschein. Der Film "Magere Zeiten" beschrieb diesen krassen Gegensatz 1984, das Musical hält sich an diese Vorlage, ist aber in der Inszenierung von Christian Brey bei weitem nicht so ätzend, so böse und so düster. Ausstatterin Anette Hachmann hatte Plakate der Nachkriegszeit zur Inspirationsquelle gemacht: Spare Energie, baue dein Gemüse selber an, usw. Dazwischen Wochenschau-Filme der königlichen Hochzeit.

Ohr und Ringelschwänzchen

Der Kampf um das Mast-Schwein Betty mit den blauen Augen, erbittert geführt zwischen Fußpfleger Gilbert Chilvers und ein paar blasierten Stadträten, wirkt auf der Bühne eher klamaukig als grotesk, eher bemüht als erbittert. Auch die intriganten Metzger, der bösartige Fleischinspekteur und die liebeshungrigen Kundinnen des Fußpflegers gaben sich allesamt zu brav, zu sauber, zu harmlos, um wirklich zu bewegen. Das Musical als solches ist eben selten anarchisch und schräg, nicht mal, wenn es um ein Schwein geht. In Linz war die titelgebende Sau "Betty Blue" als rosarotes Stofftier zu sehen, das von einer Puppenspielerin artig bewegt wurde. Mal wedelte ein Ohr, mal das Ringelschwänzchen, aber hier wäre sicher mehr bissige und provokante Körpersprache möglich gewesen, immerhin verliebt sich ein Stadtrat in das attraktive Borstenvieh, immerhin ist es permanent auf der Flucht vor dem Schlachter.

Lachen über Elisabeth II.?

Diese Jagd zielt auf die bizarren Sehnsüchte der britischen Gesellschaft, sie soll ihr absurdes Statusdenken bloßstellen, da wären weit derbere Bilder nötig gewesen - nötig, aber wohl nicht möglich, denn viele Zuschauer zeigten sich ohnehin schon irritiert von der Handlung, wussten nicht so genau, ob sie über die junge Elisabeth, die ja inzwischen eine Respektsperson von 91 Jahren ist, lachen dürfen oder nicht. Außerdem blieb Komponist George Stiles zuviel in der Musical-Konvention, statt zum Beispiel ausführlicher den Swing zu zitieren, wie er im Jahr 1947 typisch war. Es blieb bei einer einzigen, allerdings mitreißenden Tanznummer.

Ausgehungerte Schwiegermutter

Der junge und agile Dirigent Tom Bitterlich hätte eine rasantere Partitur verdient gehabt. Insgesamt fehlte es an Lust am Skurrilen, gerade auch bei der Musik. Unter den Darstellern überzeugte vor allem Kristin Hölck als ehrgeizige Ehefrau des Fußpflegers. Er selbst, gespielt von Rob Pelzer, war viel zu wenig tollpatschig, um zum Sympathieträger zu werden. Die fernsehbekannte April Hailer gab die 77-jährige ausgehungerte Schwiegermutter deutlich zu klamottig. Gleichwohl ein aberwitziges Musical-Experiment konsequent gegen alles, was der Markt verlangt. Ausgerechnet aus dem Heimatland des Kapitalismus!

Wieder am 9., 10., 16. und 17. März, sowie weitere Termine.

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Wer schafft das Undenkbare?

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Familie Fußpfleger

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Hungerprotest vor der Metzgerei

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Blasierte Stadträte

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Fleischinspektor mit Gehilfen