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Sie bot der Poesie seit 1989 eine Heimstatt: Damals eröffnete Ursula Haeusgen in der bayerischen Landeshauptstadt eine Buchhandlung. Seit 1994 widmete sich die passionierte Leserin Lyrik-Lesungen. Jetzt ist sie im Alter von 78 Jahren gestorben.

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Gründerin des Münchner "Lyrik-Kabinetts" Ursula Haeusgen tot

Sie bot der Poesie seit 1989 eine Heimstatt: Damals eröffnete Ursula Haeusgen in der bayerischen Landeshauptstadt eine Buchhandlung. Seit 1994 widmete sich die passionierte Leserin Lyrik-Lesungen. Jetzt ist sie im Alter von 78 Jahren gestorben.

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Von
  • Peter Jungblut

Ursula Haeusgen ist tot. Die große Lyrik-Liebhaberin, Mäzenin der Dichterinnen und Dichter und Gründerin des legendären Lyrik-Kabinetts ist am 20. Januar im Alter von 78 Jahren gestorben. Das teilte jetzt die Stiftung Lyrik Kabinett mit.

Zum 30. Geburtstag ihres Lyrik-Kabinetts in der Münchner Amalienstraße im Dezember 2019 bekannte Ursula Haeusgen in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung", Romane lese sie schon lange nicht mehr, weil sie diese "unmittelbaren Wahrheiten übers Leben" nicht haben müsse. Dem BR gestand sie, Gedichte seien "aufregender" als Romane, weil sie den Leser im besten Falle "auf neue Ideen" brächten und auch ein Trost sein könnten.

An der Uni fuhr sie mit dem Mercedes vor

Folgerichtig widmete sich Haeusgen mit großer Leidenschaft der Poesie und war eine außerordentlich kundige Leserin von Gedichten. Und weil sie als Erbin des Münchner Hydraulikunternehmens HAWE über die nötigen Mittel verfügte, konnte sie nicht nur 63.000 Lyrik-Bücher für ihre "Wunderkammer" sammeln, sondern auch als Mäzenatin Dichterinnen und Dichter fördern.

1942 in München geboren, wuchs Haeusgen als Tochter eines Ingenieurs und Firmeninhabers im Münchner Stadtteil Haidhausen auf. Zunächst kümmerte sie sich überwiegend um ihre Familie, hat drei Söhne, war aber schon seit ihrer Jugend eine große Literaturliebhaberhin. Erst in den 1980er-Jahren studierte sie Philosophie – und fuhr zu den Lehrveranstaltungen standesgemäß mit dem Mercedes vor, wie sie einem ihrer Biografen mal verriet.

Bei Vergil konnte sie nicht nein sagen

Dass ihre "Keller"-Buchhandlung für Lyrik und Kunst, die sie 1989 gründete, kaufmännisch zum Scheitern verurteilt war, wusste Haeusgen sicherlich selbst. Aber sie musste damit ja kein Geld verdienen, sondern wollte ein Zeichen setzen für die Kraft des versgebundenen Wortes, für die Poesie – und das ist ihr zweifellos gelungen. Mit Eifer trug sie kostbare Erstausgaben von herausragenden Dichtern wie Klopstock und Droste-Hülshoff zusammen, griff zu, wenn eine Vergil-Ausgabe aus der Renaissance zu haben war, lud Koryphäen wie Durs Grünbein zu Lesungen ein und förderte Nachwuchs-Poeten. Das trug Haeusgen zahlreiche Preise ein: Im Jahr 2000 durfte sie sich über das Bundesverdienstkreuz am Bande freuen, 2003 über den Schwabinger Kunstpreis, 2007 über den Bayerischen Verdienstorden und 2015 über die Maecenas-Ehrung.

Über die Motive von Haeusgen sagte der Geschäftsführer ihrer Stiftung, Holger Pils in einem Interview mit dem Literaturportal Bayern: "Dies geschah aus der Beobachtung heraus, dass Poesie in Buchhandlungen immer in der hintersten Ecke steht. Sie hatte den Eindruck, dass sich dort ein großes Erlebnis verbirgt, das sie gerne möglichst vielen Menschen zugänglich machen möchte. Diese Idee ist die treibende Kraft hinter dieser Institution." Ähnlich drückte es Haeusgen auch im Interview mit dem BR aus: "Ich fand die Präsentation von Lyrik in früheren Jahren in den Läden immer ungenügend und ärgerlich, und da habe ich mir gesagt, wenn ich es kann, mache ich eine eigene Buchhandlung auf."

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Umgeben von Gedichten

Lange Jahre schätzten die Raucher unter den Dichtern und Lesern das Lyrik-Kabinett als einen der wenigen Orte, wo der Tabak noch freizügig konsumiert werden konnte – nicht zuletzt von Ursula Haeugen selbst. "Wie eine Puffmutter stehe ich bei Lesungen draußen und schaue, wie viele kommen", sagte sie einmal dem "Cicero". Kein Geringerer als Raoul Schrott lobte einmal, das Lyrik-Kabinett sei "überhaupt nicht elitär": "Das ist einer der zugänglichsten Orte, den ich kenne." Die Tätigkeit von Haeusgen würdigte er als "wirklich eine selbstlose, liebende Angelegenheit". Die Mäzenatin selbst sagte dem BR einmal, sie habe das Lyrik-Kabinett immer als "Angebot an die Öffentlichkeit" verstanden: "Die Lyrik fordert jeden Einzelnen zum Dialog heraus."

"Lyrik stellt mehr Fragen, als sie beantwortet"

Im Hinterhof des Instituts für Komparatistik in der Münchner Amalienstraße durfte Haeusgen 2004 auf 66 Jahre ein Grundstück pachten und darauf einen Kubus bauen, der fortan zum Treffpunkt aller Menschen wurde, die in der schnellen, oberflächlichen Medienwelt noch den Wert und Gehalt von Lyrik zu schätzen wissen. Zahlreich sind sie ja nicht, die Kenner von Versmaßen, von literarischer Symbolik. Wie hatte Holger Pils mal gesagt? "Lyrik wirft manchmal mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt."

Drei Viertel der Gesamtkosten für das Lyrik-Kabinett, das die zweitgrößte Poesiesammlung Europas beherbergt, werden aus den Mitteln von Haeusgens Stiftung bestritten, nur der bescheidene Rest stammt aus Zuschüssen vom Freistaat Bayern und der bayerischen Landeshauptstadt, auch von Spenden. Der Jubiläumsband, der zum 30. des Lyrik-Kabinetts erschienen ist, trägt den Titel "Im Grunde wäre ich lieber Gedicht", was Ursula Haeusgen zu Tränen rührte. Seit 2006 war sie übrigens auch als Herausgeberin tätig, in der Reihe "Edition Lyrik Kabinett".

Minister: "Immerwährendes Denkmal der Literaturszene"

Der bayerische Kunstminister Bernd Sibler schrieb in seinem Nachruf: "Mit dem Tod von Ursula Haeusgen betrauern wir den Verlust einer großen Kunst-Mäzenin und Lyrik-Patin im Freistaat. Viele Jahre lang hat sie ihr Leben und Wirken der Poesie verschrieben und wollte das Erlebnis 'Lyrik' möglichst vielen Menschen zugänglich machen. So hat sie in privater Initiative, mit starkem Willen und nicht zuletzt unter Einsatz erheblichen Vermögens dieses couragierte Ansinnen in die Realität umgesetzt. Mit dem Lyrik Kabinett in München hat sie buchstäblich einen Raum für das ästhetisch-sinnliche Erleben von Poesie geschaffen – einen Zen-Garten der Lyrik – und sich zugleich ein immerwährendes Denkmal in der bayerischen Literaturszene gesetzt."

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