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Herbert Grönemeyer
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Christoph Reimann
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Herbert Grönemeyer

Man kann ja von dieser gepressten Nuschelstimme halten, was man möchte. Aber Songs wie „Bochum“, „Männer“ oder „Mensch“ kennt in Deutschland wirklich jeder. Und über die Jahre hat sich Herbert Grönemeyer auch als so etwas wie das gute Gewissen der deutschen Poplandschaft etabliert, unser Bono, sozusagen. Erst Mitte Oktober hat Grönemeyer auf der Berliner Unteilbar-Demo zur Unterstützung der Demonstranten zwei Songs gespielt – und sich besorgt über den Rechtsruck geäußert. Da ist es konsequent, dass auch das neue Album „Tumult“, das heute erscheint, einen politischen Grundton hat.

"Wir alle sind aufgerufen, jetzt für dieses Land, für die 80 Millionen Menschen, ein Klima, eine Kultur zu schaffen, in der alle sicher und offen leben können. Und wir alle müssen uns klar positionieren gegen Rechts", sagt Grönemeyer. Er ist jetzt 62. Er hat viel deutsche Geschichte miterlebt und mit seiner Musik kommentiert. 1993 veröffentlichte er das Album „Chaos“. Auch damals ging es, wie jetzt auf „Tumult“, neben ein paar Songs, die auf privates Glück verweisen, um ein Deutschlandbild. Mit drastischen Worten reagierte er auf die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen.

Ein sorgenvoller Blick auf das Land

"Hart im Hirn, weich in der Birne. Ohne Halt, einfältig und klein. Auf der Suche nach einem Führer. Es ist hart, allein beschränkt zu sein", sang er damals in dem Song "Die Härte". Das Album "Chaos" war klarer, sagt Grönemeyer. Im Moment seien die Zeiten subtiler, breiter und nervöser. "Aber viele Dinge ähneln sich natürlich auch."

Und weil sich die Zeiten geändert haben, ist „Tumult“ auch kein Album der einfachen Lösungen. Es ist ein sorgenvoller, fragender Blick auf ein Land, in dem, so Grönemeyer, die Angst umgehe. "Man muss sich Sorgen machen um die Gegenwart. Aber Angst ist, glaube ich, der völlig falsche Ratgeber", sagt er. "Wir lassen uns doch keine Angst einjagen! Egal wie laut die brüllen und pöbeln und schreien."

Grönemeyer als Mutmacher

„Die“ – das sind für Grönemeyer die Trolle, die im Internet Hass verbreiten, die Mobs, die auf den Straßen rechte Parolen skandieren. Ihnen setzt er ein trotzig-standhaftes „Wir“ entgegen – gemeint sind damit alle, denen ein gutes, friedliches Miteinander etwas bedeutet.

Grönemeyer wurde immer wieder als Gemütsdeuter der Deutschen bezeichnet. Auf „Tumult“ übernimmt er die Rolle des Mutmachers. Die meisten Songs sind als mitreißende Upbeat-Nummern komponiert, manchmal ein bisschen zu berechnend. Die Produktion schwankt gefährlich zwischen Stadion-Stampf und Retromanie. Und einen Hit wie „Mensch“ sucht man vergebens. Aber Grönemeyer erreicht, das darf man wohl annehmen, Menschen, die längst den Glauben an die Politik verloren haben. Er selbst zweifelt da auch.

"Ich mag Menschen"

In Zeiten, in denen die Politik vage sei, müsse die Gesellschaft in der Lage sein, das Land mal über zehn Jahre selbst in die Hand zu nehmen und zu sagen: "Wir bleiben ruhig und wir machen klar, was wir wollen, was wir nicht wollen", sagt Grönemeyer.

Ein Land in Selbstverwaltung – vielleicht keine besonders gute Idee. Aber vielleicht braucht es so einen unbelehrbaren Optimisten, der nicht nur redet, sondern, wie Grönemeyer, immer wieder selbst an Demos teilnimmt, Engagement vorlebt, und das seit Jahrzehnten unbeirrt. Das ist bewundernswert, genauso wie sein Urvertrauen in das Gute im Menschen.

Er kenne viele, die sich engagieren, sagt Grönemeyer. "Ich mag Menschen. Ich glaube, die sind wacher und klarer und humanistischer, als man gemeinhin verbreitet."

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Christoph Reimann

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kulturWelt vom 09.11.2018 - 08:30 Uhr