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An dieser Schau arbeitete Okwui Enwezor bis zu seinem Tod | BR24

© Audio: BR / Bild: Dawoud Bey. Courtesy Rena Bransten Gallery, San Francisco, CA and Rennie Collection, Vancouver (Ausschnitt: BR24)
Bildrechte: © Dawoud Bey. Courtesy Rena Bransten Gallery, San Francisco, CA and Rennie Collection, Vancouver (Ausschnitt: BR24)

Gewalt und Trauer zeigen, ohne selber Gewalt anzuwenden: Was Okwui Enwezor mit dieser New Yorker Schau vorhatte, scheint ihm nun geglückt. Zu sehen bis 6. Juni.

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An dieser Schau arbeitete Okwui Enwezor bis zu seinem Tod

In München und Bayern hat man ihn noch in wacher Erinnerung: Okwui Enwezor, von 2011 bis 2018 Chef im Haus der Kunst. 2019 starb der einflussreiche Kurator an Krebs. Nun ist in New York zu sehen, woran er bis dahin noch gearbeitet hatte.

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Von
  • Antje Passenheim
  • BR24 Kultur

Eine Installation von Okwui Okpokwasili: Eine Frau singt, der Sound von Trauer und Klage. Von Gewalt gegen schwarze US-Bürger. Ohne selber gewaltsam zu sein. Diese Ausstellung war eine Herzensangelegenheit für Kurator Okwui Enwezor. Zwei Jahre vor ihrer Umsetzung ist der gebürtige Nigerianer an Krebs gestorben – mit nur 55 Jahren. In München, wo er sieben Jahre lang Direktor des Hauses der Kunst war.

In den USA war durch die Politik von Donald Trump der Rassismus bei vielen wieder gesellschaftsfähig. Das ermunterte Enwezor, sagt der künstlerische Direktor des New Museum, Massimiliano Gioni: "Enwezor konzipierte die Ausstellung 2018 in einer Situation, in der Amerika sehr anders als heute war. Aber auf der anderen Seite lagen viele der Dinge, die vergangenes Jahr explodiert sind, für ihn und andere Afroamerikaner auf der Hand."

Schwarze Trauer - ein "nationaler Notstand"

Es war noch vor dem gewaltsamen Polizeitod von George Floyd. "Er sah diese Ereignisse genauso auf uns zukommen wie jeder andere, der aufmerksam war", sagt Gioni. So wie die 37 Künstlerinnen und Künstler, die Enwezor unter dem Dach des hellen Museums in Soho zusammenbringt. Schwarze Künstler, die zwar einzeln bekannt sind. Kerry James Marshall, Mark Bradford, Julie Mehretu. Aber als Gruppe sind sie niemals ausgestellt worden, sagt Kurator Gioni. "Enwezor sah in den Arbeiten dieser Künstler das, was er 'den nationalen Notstand der schwarzen Trauer' nannte. Er wollte sie in einen historischen Zusammenhang bringen."

© Uwe Zucchi/dpa
Bildrechte: Uwe Zucchi/dpa

Seine letzte Ausstellung: Der Kurator Okwui Enwezor (1963-2019)

Trauer und Pein. Aquarelle und Plastiken gehen zurück zur Sklaverei, Schwarzweiß-Fotos und opulente Gemälde erzählen von der Bürgerrechtsbewegung. Filminstallationen, politische Slogans. Bitter sind sie. Verzweifelt. Und auch voller Ironie. Wie Henry Taylors großes Bild mit dem Schriftzug: "Every Brotha has a Record". Und mit "record" ist nicht die abgebildete Schallplatte gemeint, sondern die Polizeiakte, die ein Afroamerikaner in diesem Land sehr viel öfter hat als ein Weißer.

Ebenfalls zu sehen in "Grief and Grievance: Art and Mourning in America": Werke von Theaster Gates, dessen Arbeiten schon 2019/20 im Münchner Haus der Kunst ausgestellt waren. Auch diese Schau hatte Enwezor vorbereitet, auch sie war erst nach seinem Tod zu bestaunen.

© © Courtesy the Jack Whitten Estate and Hauser & Wirth
Bildrechte: © Courtesy the Jack Whitten Estate and Hauser & Wirth

Ein Ausschnitt aus Jack Whittens "Birmingham" von 1964.

"Einer der interessantesten Aspekte der Ausstellung ist die durchgängige Konfrontation von Bildern des Traumas", sagt Massimiliano Gioni. "Sie werden verschleiert und verdeckt. Die Künstler arbeiten mit diesen Bildern so, dass sie nicht in das Muster der herrschenden Gewalt passen."

Traurig, aber fast friedlich wirkt etwa Jack Whittens ikonisches Bild "Birmingham". Ein klaffendes, mit Alu-Folie umrandetes Loch in einer dunklen Wand. Es erinnert an den Bombenanschlag auf eine Baptisten-Kirche in Alabama. Vier Mädchen waren 1963 bei dem Terrorakt von Ku Klux Klan-Anhängern gestorben.

"Such a stunning way to say goodbye"

Die Künstler, die Kurator Okwui Enwezor für diese Ausstellung gewählt hat – sie sollen das Trauma nicht verschärfen. Sondern helfen, es zu heilen. Und sein Kollege Massimiliano Gioni, dem er in seiner letzten SMS Tage vor seinem Tod alles Gute für diese Ausstellung gewünscht hatte, sagt: "That’s such a stunning way to say goodbye" – ein atemberaubender Weg, sich zu verabschieden.

"Grief and Grievance: Art and Mourning in America" - zu sehen bis 6. Juni im New Museum New York.

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