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Warum Greta Thunberg keine Klima-Romantikerin ist | BR24

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Die Klimafrage polarisiert: Greta Thunberg wird wie eine Prophetin verehrt oder als Stimme irrationaler Klimareligion geschmäht. Doch die emotionale Aufladung der Proteste macht deren Anliegen keineswegs unvernünftig. Die Romantiker sind andere.

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Warum Greta Thunberg keine Klima-Romantikerin ist

Die Klimafrage polarisiert: Greta Thunberg wird wie eine Prophetin verehrt oder als Stimme irrationaler Klimareligion geschmäht. Doch die emotionale Aufladung der Proteste macht deren Anliegen keineswegs unvernünftig. Die Romantiker sind andere.

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Aus der Erderwärmung wird eine Blitzeiszeit, es folgen Flutwellen, Tod und Überlebenskampf: So malte sich Roland Emmerich, Hollywoods Mann fürs Monumentale, 2004 den Klimawandel fürs Kino aus. "The Day After Tomorrow" war ein Hochamt der Spezialeffekte – szenenweise sogar mit bösem politischem Humor, etwa wenn US-Bürger auf der Flucht vor dem Eis versuchen, am Rio Grande illegal über die mexikanische Grenze zu gelangen.

Die suggestive Erzählung von der geraubten Zukunft

Als Emmerich seinen Klimaschocker drehte, waren die USA unter Präsident George W. Bush aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen. Heute, eineinhalb Jahrzehnte und einige Klima-Konferenzen später, ist die Lage noch ernster: "Our house is on fire", sagte Greta Thunberg im Januar 2019 beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Und weiter: "Erwachsene sagen oft: Wir schulden es den Jungen, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich möchte Ihre Hoffnung nicht. Ich möchte, dass Sie panisch werden. Und dann möchte ich, dass Sie handeln, wie Sie in einer Krise handeln würden, handeln, als würde das Haus in Flammen stehen. Denn so ist es." Eine 16-Jährige mit langen Zöpfen hielt den Reichen und Mächtigen der Welt eine bedächtig vorgetragene Brandrede – nur fünf Monate, nachdem sie in Schweden allein mit einem Schulstreik für das Klima begonnen hatte. Eine rasante öffentliche Karriere.

Die neue Umweltbewegung bezieht ihre Wirkung aus einem existenziell aufgeladenen Generationenkonflikt: Die Jungen werden laut, weil sie sich von den Älteren um ihre Zukunft betrogen sehen. Keine hedonistische Revolte für Sex & Drugs & Rock'n'Roll also, sondern eine Art organisierter Notwehr. Und weil es um die Zukunft geht, muss sich der Protest auf Szenarien stützen, braucht dazu aber keine Blockbuster-Fantasien wie Roland Emmerich zu bemühen. "Hören Sie auf die Wissenschaft!", lautet Gretas ebenso schlichte wie schlagende Botschaft: "Wir fordern, das Pariser Klimaabkommen und den IPCC-Report umzusetzen. Ein anderes Manifest haben wir nicht. Folgen Sie der Wissenschaft, das ist unsere Forderung."

© picture alliance / NurPhoto

"Extinction Rebellion" bei einer Aktion am Amsterdamer Flughafen Schiphol (Dezember 2019)

Heilige und Hassfigur

Mit diesem nüchternen Programm innerhalb eines Jahres Millionen Menschen zu mobilisieren und Parlamente zu bewegen, den Klimanotstand auszurufen, ist erstaunlich. Vielleicht haben Feuilletons und Kommentatoren 2019 deshalb so viel Kulturgeschichte aufgeboten, um sich einen Reim auf das Phänomen Greta zu machen: Man hat sie, je nach Standpunkt, mit Luther und Jeanne d’Arc verglichen – oder mit Kinderkreuzzüglern und den Stephen-King-Grusel-Zwillingen aus "Shining". Greta war Heilige oder Hassfigur, einsame Kranke oder Marionette mächtiger Strippenzieher.

Damit soll natürlich auch die unbequeme Debatte zur Sache durch eine zum Persönlichen und Symbolischen ersetzt werden. Dabei kommt "Fridays for Future" ohne viel Symbolik aus – die Erzählung von der geraubten Zukunft ist stark genug. Ansonsten setzen die Schüler auf altmodische Pappschilder und den Druck der Straße. Radikaler und sehr viel suggestiver in der eigenen Bilderpolitik ist "Extinction Rebellion". Die Gruppe, gegründet im Herbst 2018, will Sand ins Getriebe des Systems streuen, zum Beispiel mit Straßenblockaden. Ziviler Ungehorsam also – eine heikle Protestform, die aber durchaus legitim sein kann.

Problematischer als die kontrollierte Störung selbst ist die esoterische Selbstinszenierung von "Extinction Rebellion": Weiß geschminkte Gestalten in roten Gewändern halten choreografierte Trauerzüge ab, Kunstblut kommt zum Einsatz, es wird gemeinsam geweint. Und im YouTube-Kanal der Organisation ist der Hungerstreik von Aktivisten zeitweise das Hauptthema einer emotionalen Videostrategie. Das sind nicht bloß Fragen der Ästhetik, sondern große Gesten, mit denen sich die Akteure den Weltschmerz der Klimakrise buchstäblich auf den eigenen Leib schreiben. Und wie jede von sich selbst berauschte politische Intervention kann diese Haltung dann doch gefährlich werden, erst recht, wenn sie auf Endzeitgeschichten trifft.

Ein vernünftiger Alarm

Dagegen ist Greta auf ihrer Tour durch Städte und Institutionen eine Verkörperung stoischer Konzentration. Meistens jedenfalls. Bei ihrem Auftritt vor den Vereinten Nationen im September zeigte sich die Schwedin aufgewühlt, zitternd vor Wut, mit brechender Stimme. "How dare you!", diese Zeile wiederholte sie immer wieder: "Wie können Sie es wagen! Wie können Sie es wagen, wegzuschauen und hier zu sagen, Sie täten genug, wenn die notwendigen politischen Lösungen noch immer nicht in Sicht sind!“

Natürlich wurde Gretas Gefühl und wurden ihre öffentlichen Tränen wieder ausführlich interpretiert, nicht selten als Beleg für die katastrophische Übersteigerung ihres ganzen Anliegens. Doch das ist zu einfach. Denn der Alarm der Klimabewegung ist nicht alarmistisch, sondern rational, ihre Apokalyptik schwelgt nicht in Angstlust, sondern will vernünftige Lösungen, ihr Jugend-Pathos ist keine naive Romantik. Die eigentlichen Romantiker sind jene, die, um der Komplexität der Lage zu entgehen, an der Paradieserzählung vom immerwährenden Wachstum festhalten, das niemandem weh tut. Aus dem Kinderland dieser Illusion hat uns das Mädchen mit den Zöpfen in ziemlich erwachsener Entschlossenheit vertrieben. Was daraus wird, weiß man noch nicht, sicher aber ist: Nach einem guten Jahr Klimabewegung hat sich die weltpolitische Agenda neu sortiert.

Roland Emmerich verweigerte – ganz Hollywood-untypisch – in "The Day After Tomorrow" ein Happy End. Zwar gibt sein fiktiver Vizepräsident schließlich zu, die Sache mit dem Klimawandel doch falsch eingeschätzt zu haben. Dem vereisten Planeten allerdings hilft das nicht mehr. Und vielleicht ist diese Erkenntnis, dass es zu spät ist, keine bloße Übertreibung der Fiktion wie die anderen effektvollen Übertreibungen in Emmerichs Film. Sie könnte sich als sehr real erweisen, wenn wir nicht bald grundsätzlich umsteuern.

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