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Auf "Grand Prix" schaut Benjamin Biolay in den Rückspiegel | BR24

© Audio: BR / Bild: Polydor/dpa/dpa

Benjamin Biolay legt mit "Grand Prix" ein neues Studio-Album vor, ein Konzeptwerk über Formel-1-Rennen und Jugendlieben.

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Auf "Grand Prix" schaut Benjamin Biolay in den Rückspiegel

Vor knapp 20 Jahren hat Benjamin Biolay begonnen, das gute alte Chanson und den French Pop zu erneuern. Jetzt legt der 47-jährige Franzose mit "Grand Prix" sein neuntes Studio-Album vor: ein Konzeptwerk über Formel-1-Rennen und Jugendlieben.

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"Comment est ta peine" heißt das erste Lied auf dem neuen Album von Benjamin Biolay – wie geht es Deinem Schmerz? Von Anfang an geht es bei "Grand Prix" ans Eingemachte, doch schon beim zweiten, dritten Stück sind flippige Synthies zu hören, E-Gitarren und Schlagzeug dürfen kräftig scheppern. Willkommen in den 80er-Jahren, der Pop-Ära, die den heute 47-jährigen Benjamin Biolay entscheidend geprägt hat. Das erste Lied, das er geschrieben hat, hätte sich nach U2 angehört, hat er mal in einem Interview gestanden.

Bilder des schönen Scheins

Biolay, der am Konservatorium studiert hat und seinen Marihuana-Konsum als schlechte Angewohnheit empfindet, wendet sich auf seinem neuesten Studio-Werk stählernen Boliden zu, quietschenden Reifen und lebensbedrohlichen Wettkämpfen. In der Formel 1, längst als obsoletes Sport- und Männlichkeits-Ritual enttarnt, findet Biolay passende Symbole und Metaphern der Leistungsgesellschaft – Bilder, die auch den Blick in den Rückspiegel erlauben: Wie war es mit den Geliebten, als die Welt noch neu und aufregend war?

"Mein Herz ist wie ein alter Motor, wenn du die Kühlerhaube anhebst", raunt Biolay auf "Comme Une Voiture Volee". Und: "Du bist schön wie ein gestohlenes Auto". Es geht, wie immer bei Biolay, auch auf diesem Album um die Liebe. Der Meister-Chansonnier entwirft sprachlich und musikalisch eine auf Hochglanz polierte Welt, Bilder des schönen Scheins – Versprechen, die enttäuscht werden müssen. Du kannst gewinnen, wenn Du voll ins Risiko gehst, suggeriert die Welt der Formel 1, aber Biolay, der die Gesellschaft mit dem Blick des freiheitsliebenden Außenseiters betrachtet, weiß es besser – auch dass er dem Rennzirkus distanziert gegenübersteht, ist auf seinem neuen, hervorragend produzierten Album zu hören.

Abgeklärt wie noch nie

"Ich denke immer weniger, denn ich weiß nichts mehr", heißt es in einem anderen Chanson und weiter: "Je älter ich werde, verblassen die Wahrheiten. Ich schreie auch immer weniger, es hilft sowieso nichts. Ich bete immer häufiger, aber allein in meiner Ecke." So abgeklärt wie auf "Grand Prix" hat Biolay noch nie geklungen. Auch auf dem neuen Album erzeugt er mit orchestrierter Musik, E-Gitarren und elektronischen Sounds, mit lyrischen Texten und verträumten Melodien einen suggestiven Hör-Film, der vor dem inneren Auge entsteht. Gleichwohl ist es das persönlichste Album, das, auf dem sich der Sänger als höchst fragile, verwundbare Persönlichkeit inszeniert.

Während der letzten Jahren hat sich Biolay dem Tango zugewandt. In Buenos Aires hat er sich auf die Spuren der großen Tango-Künstler begeben, auf "Grand Prix" ist er nun wieder zu seinem Musik-Idiom zurückgekehrt, zu den Klangfarben des klassischen Chansons und einer überarbeiteten Soundästhetik des 80er-Jahre-Pop. Biolay, der zuerst die Musik schreibt, sie vollständig instrumentiert aufnimmt und zuletzt – als Krone des Ganzen den Text obendrauf setzt, bekennt in seinen Liedtexten immer Farbe. Er äußert aktuelle Wahrnehmungen, Wünschen und Hoffnungen. "Wohin ist sie nur verschwunden, die Zärtlichkeit?", heißt ein treibender Popsong am Ende dieses Albums. Ehrliche Sache und lyrische Standortbestimmung also, dieses neunte Studioalbum mit Originalstücken von Benjamin Biolay.

"Grand Prix "ist bei Universal Import erschienen.

© Universal Import

"Grand Prix" von Benjamin Biolay

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