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Moderator Thomas Gottschalk
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Knut Cordsen
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Moderator Thomas Gottschalk

Am 19. März startet die neue Bücher-Sendung mit Thomas Gottschalk im BR Fernsehen – schon die Ankündigung von "Gottschalk liest?" im Dezember hatte für Aufsehen gesorgt. Der 68-jährige Entertainer ist selbst Autor einer Autobiographie ("Herbstblond"), die Botho Strauß mit den Worten pries: "Vor der Kamera der geistesgegenwärtigste Mensch, bewegt er sich in der Stille der Schrift ... nicht weniger geschickt." Kein schlechtes Omen für die neue Bücher-Sendung. Knut Cordsen sprach mit dem BR-Gewächs über Rilke, Handke und Sloterdijk – und darüber, wie Literatur und "Germany's Next Top Model" zusammengeht.

Knut Cordsen: Thomas Gottschalk, herzlich willkommen.

Thomas Gottschalk: Danke schön. Ich muss sagen, dass die Kultur für mich natürlich glattes Eis ist, auf dem auszurutschen es mich immer freut, und ich werde euch auch heute den Gefallen tun. Es passt ja zum Wetter: Eis und Schnee in München – und ich begebe mich aufs Glatteis der Kultur, aber irgendwann musste es sein: Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er zum Tanzen aufs Eis.

Dass Ihnen die Literatur am Herzen liegt, das konnte jeder ahnen, der hörte, dass sich in ihrem Besitz das handschriftliche Original von Rainer Maria Rilkes Gedicht "Der Panther" befunden hat, das bei Ihrem Hausbrand in Malibu vor kurzem dem Flammen zum Opfer gefallen ist, neben vielem anderen. Wie viel bedeutete Ihnen dieses Original?

Ich neige ja nicht zu irgendwelchen Sentimentalitäten. Ich habe eine Gitarre, die von den Stones unterschrieben ist, und ich hatte ein Original-Autogramm von allen vier Beatles, aber Rilke ist mir aus irgendeinem Grund deswegen ans Herz gewachsen, weil er aus zwei Teilen bestand: Das war erst mal dieses Gedicht, das er 1902 offensichtlich zu Papier gebracht hat, und es es war ein Brief dabei, den er offensichtlich an eine junge Frau geschrieben hat. Das war in diesem Sütterlin geschrieben, also schwer zu entziffern. Er doktorte da noch ein bisschen am Panther herum und schrieb dann auf diesen Brief: Meine Liebe, es gibt schon ein oder zwei Abschriften von diesem Gedicht, aber du vor allen anderen hättest es haben sollen. Und er schreibt dann weiter sinngemäß: Wenn ich reich wäre, würde ich dir einen Hund schenken, aber ich bin arm. Dein Rainer. Also der hat geschnorrt bei der. Und das fand ich so toll, dass du plötzlich nicht nur eben dieses Stück Kultur und dieses Stück Lyrik hattest, sondern auch einen kleinen Einblick in die Persönlichkeit von Rilke, den ich übrigens sehr verehre.

Von Rilke gibt es auch den schönen Satz "Du musst dein Leben ändern" – aus einem anderen Gedicht, "Archaischer Torso Apollos". Stand dieser Satz vielleicht auch Pate bei dem Wunsch jetzt mal eine Büchersendung zu moderieren?

Ich habe da eher an einen anderen Rilke-Satz gedacht: "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen". Ich bin ja aufgrund der Gesamtverblödung des Fernsehens geradezu in die kulturelle Ecke geschubst worden, da wollte ich nie hin. Und für mich hat Lesen auch nichts mit Hochkultur zu tun, da wollte ich nie hin. Insofern ist dieser Ausflug jetzt für mich schon etwas beunruhigend, weil ich eigentlich gedacht habe, dass Menschen, die gerne lesen und die Freude haben am Lesen, nicht unbedingt auch Kulturbürger sein müssen. Das ist ja das Elend, dass sich die Literatur so ein bisschen in den Elfenbeinturm zurückgezogen hat. In der FAZ schreiben zwar kluge Menschen über kluge Bücher, aber es wird immer weniger gelesen. Und ich bin ja nun ein Moderator gewesen mein ganzes Leben lang. Das heißt: ein Ausgleichender zwischen den Schlauen und den Dummen, zwischen den Linken und den Rechten, den Alten und den Jungen. Und in dieser Situation habe ich gedacht, wäre es jetzt richtig, sich ein bisschen mit dem Lesen zu beschäftigen, was ja zugegebenermaßen nicht mehr die Haupt-Freizeitbeschäftigung der Menschen ist.

Viele waren verwundert, als Sie 2017 im "Literarischen Quartett" saßen und sehr eloquent über Peter Handke sprachen. Und Sie lobten Handkes Roman "Die Obstdiebin" nicht, weil darin auch mal die Beatles vorkommen, sondern seiner literarischen Qualität wegen.

Weil er für mich als Kultur-Verweigerer und eigentlich Pop-Liebhaber einen geradezu heilsamen Effekt gehabt hat. Er hat mich entschleunigt. Ich habe die ersten zehn Seiten gedacht: Was passiert da mit mir? Das war ja nun ein Entwicklungsroman. Der Mann war auf einer Reise, und der kam die ersten 50 Seiten gerade mal 300 Meter weit. Da habe ich gesagt: Um Himmels willen, ich wäre jetzt schon in Kalifornien! Aber diese Langsamkeit des geschriebenen Wortes, dieses Zelebrieren von Texten ließ mich denken: Mensch, Literatur kann doch tatsächlich einen Einfluss haben, obwohl es gar nicht mein Thema war. Das war ja nun alles sehr an den Haaren herbeigezogen, was der Mann sich da hat einfallen lassen. Ich lese ja in meiner Freizeit eher so Kracher: Ich lese gerne amerikanische Thriller. Lee Child zum Beispiel, Jack Reacher ist eine Figur, die mich fasziniert. Ich lese Stephen King, Peter Straub oder was auch immer. Ich mag Horror.

Ich bin ein Literaturneugieriger, kein Literaturkenner. Und ich traue es mir eben zu, jetzt in diesem Alter und in dieser Situation neugierig Bücher zu lesen, die ich sonst nicht gelesen hätte. Die Sendung heißt ja nicht "Gottschalk liest!", sondern "Gottschalk liest?" – Fragezeichen. Das mag manche verwundern. Es gibt ja schon Menschen, die sich wundern, wenn sie mich in der Oper sehen. Sie gehen in die Oper? Als würde man mich nur in der Augsburger Puppenkiste antreffen! Und so gesehen ist das für mich auch ein Abenteuer. Es ist mir klar, dass viele Literaturfreunde die Nase rümpfen werden. Warum lasst ihr den an sowas ran? Aber ich habe dieses Thema einfach dem Fernsehdirektor des BR nahegebracht, so wie ich seinem Vorgänger irgendwann mal "18-19-Musik", also eine Pop- Sendung aus verschiedenen bayerischen Städten nahegebracht habe. Da habe ich gesagt: Kann ich nicht in Kulmbach, in Bayreuth, in Bamberg unterwegs sein und die Popszene dort beobachten? Dann habe ich mir in jeder Sendung irgendein hübsches Mädchen ausgesucht, das mich sozusagen durch die Stadt geführt hat. Das war vor 40 Jahren.

Heute sage ich: Kann ich nicht in unterschiedlichen bayerischen Städten in eine Buchhandlung gehen oder in irgendeinen Saal und fragen: Was läuft hier in Sachen Literatur, was wird hier gelesen? Das war die Grundidee. Mehr ist es nicht, und mehr wird es auch nicht werden. Was mir ganz wichtig ist: Ich will natürlich nicht mutieren vom Unterhalter Gottschalk zum Literaten Gottschalk, der jetzt sehr spät seine Berufung gefunden hat und nun bräsig und weise geworden ist. Nein, es muss unterhaltsam sein. Das habe ich von meinem Literaturfreund, dem Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki mitgebracht: Es darf nicht langweilen! Das ist das Entscheidende. Sobald mich etwas nicht langweilt, unterhält es mich. Das ist etwas, was ich versuche: Selbst wenn das Buch mich gelangweilt hat, nicht langweilig darüber zu reden.

Sind Sie eigentlich ein schneller oder ein langsamer Leser?

Ich bin ein schneller Esser und ein schneller Leser. Was aber auch bedeutet, dass ich eben kein Bretterbohrer bin. Ich bin fasziniert von den Menschen, die sich Klebchen in die Bücher machen, die dann mit einem Marker gewisse Zeilen anstreichen und sie noch einmal durchgehen. Das kenne ich nicht. Ich schludere das weg wie alles im Leben.

Sie haben sich auf der Bühne auch schon mit dem Philosophen Peter Sloterdijk unterhalten – damals ging's um seine Neu-Übersetzung des "Kleinen Prinzen". Sein jüngstes Buch besteht aus Notizen, und in einer dieser Notizen schreibt Sloterdijk etwas sehr Interessantes über das sich immer rascher schließende Zeitfenster, in dem Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt überhaupt noch wahrgenommen werden: "Nach 100 Tagen auf dem Markt, schließt sich das temporale Fenster, in dem ein neues Buch sich eine kleine Hoffnung auf Wahrgenommenwerden machen darf. Danach gibt es nur noch die stille Post, in der ein Leser dem anderen sagt, nimm und lies!" 100 Tage ist ja nicht gerade üppig. Sagen Sie, auch deshalb braucht's mich als Animateur, tolle et lege?

Ich habe ja Gott sei Dank die Kultur-Redaktion des Bayerischen Rundfunks an meiner Seite, die für mich als Blindenhund da ganz wichtig ist. Ich bin so ein bisschen auch der Durchlauferhitzer. Man sagt mir: Pass mal auf, das sind vier Bücher, die wir mal durchgehen sollten. Ich habe auch eigene Interessen und werde die natürlich dann auch einbringen. Ich bin zum Beispiel ein großer Verehrer von Ferdinand von Schirach. Dass der in die erste Sendung kommt, finde ich toll. Das ist im Gegensatz zu mir ein präziser Formulierer. Der hat diese kurzen Sätze, der schwafelt nicht und hat natürlich ein Thema, das uns alle angeht, nämlich die Gerechtigkeit und das Recht. Das fasziniert mich, solchen Leuten zu begegnen, die mir sonst in meiner Laufbahn nie über den Weg gelaufen wären.

Kurz nachdem bekannt wurde, dass Sie eine Büchersendung im BR Fernsehen machen werden, wurde vermeldet, dass Sie auch Gastjuror bei "Germany's Next Top Model" sein werden. Ist das nicht ein ziemlicher Spagat zwischen Laufsteg und Literatur?

Mein Namenspatron ist Thomas Morus. Dessen Lebensgeschichte ist verfilmt worden unter dem Titel "A Man For All Seasons" – "Ein Mann zu jeder Jahreszeit". Das interessiert mich eben auch. Und ich glaube, das ist auch das Problem, dass Literatur-Menschen nur lesen, und Models nur Karotten fressen. Aber ich finde, in der Mitte liegt es. Wie Eduard Mörike schreibt: "Herr! Schicke was Du willst, / Ein Liebes oder Leides; / Ich bin vergnügt, dass Beides / Aus Deinen Händen quillt. / Wollest mit Freuden / Und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! / Doch in der Mitten / Liegt holdes Bescheiden." Ich suche also die Mitte zwischen den Models und dem Lesen. Und die gibt es. Und wenn am Ende Models lesen, dann ist alles richtig.

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Thomas Gottschalk

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