BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

So war "Gottschalk liest?" im Kesselhaus Kolbermoor | BR24

© BR

Thomas Gottschalk bei seiner letzten Sendung "Gottschalk liest?"

Per Mail sharen

    So war "Gottschalk liest?" im Kesselhaus Kolbermoor

    Die letzte Ausgabe von "Gottschalk liest?" ist in der BR Mediathek: Thomas Gottschalk diskutierte mit Jan Weiler und Jackie Thomae über deren aktuelle Bücher – und durfte zum ersten Mal in seiner Karriere seinem Idol Gerhard Polt gegenübersitzen.

    Per Mail sharen

    Es war die letzte Ausgabe der Literatursendung "Gottschalk liest?" und zugleich der letzte Auftritt von Thomas Gottschalk im BR Fernsehen. Umso überraschender, gleich zu Beginn der Sendung von ihm zu hören, dass dies ein Moment sei, in dem er in seiner über 40-jährigen Fernsehkarriere zum ersten Mal seit langem wieder nervös sei. In über 20 Jahren als "Wetten dass?!"-Moderator sei ihm das zuletzt passiert, als sein Jugendidol Paul McCartney zu Gast war. Diesmal war es: Gerhart Polt. Der bayerische Kabarettist habe Gottschalk bisher bei jeder Einladung in ein Studio eine Abfuhr erteilt. Diesmal stimmte Polt zu, aber nur unter der Bedingung: Er dürfe etwas über den Schriftsteller Oskar Maria Graf erzählen. So prallte an diesem Abend die professionelle Redseligkeit eines Talkmasters auf die Einsilbigkeit eines Sprachkünstlers und Grantlers – und dessen hintergründigen, bayerischen Humor.

    Ein Autor, der mitschwitzt

    Oskar Maria Graf sei ihm nicht nur deswegen so wichtig, so Polt, weil er ein ausgezeichneter Menschenkenner und Anekdotenerzähler sei. Sondern, weil er helfe, den Menschen an sich besser zu verstehen. Der Schriftsteller vom Starnberger See könne dem Leser die verschiedenen Charaktere so authentisch nahebringen, weil er selbst mit ihnen "gesoffen und geschwitzt" habe. Laut Polt gibt Oskar Maria Graf einen Einblick in die Zeit der Weimarer Republik wie kaum ein anderer Autor. Sogar manche Charaktertypen und heutige gesellschaftliche Zusammenhänge ließen sich mit seinen Werken besser verstehen. Aber Polt, sonst ein eher zäher Interviewpartner, war noch nicht fertig. Einst habe Graf einen Verein für mittelmäßige Schriftsteller gegründet, erzählte Polt, "der aber keine Mitglieder fand". Ein Verein, dem Polt selbst, nach eigener Aussage, "sofort" beigetreten wäre. In Sachen Humor stand Polt seinem Lieblingsschriftsteller jedenfalls in nichts nach.

    © BR

    Kam in Sachen Oskar Maria Graf: Gerhard Polt bei "Gottschalk liest?"

    Dann aber durfte Gottschalk doch noch über Polt selbst sprechen. Auf die Frage, als was er sich selbst sehe, antwortete Polt: "Ich bin ein Erzähler. Und wenn ich mal keine Geschichte erzähl', kann i a staad sei." Gottschalk bekannte schelmisch: "Das ist eine Gabe, die mir fehlt." Dem stimmte Polt zu und tröstete Gottschalk mit den Worten: "Aber das ist wunderbar, dass es Leute gibt, die dann weiterreden. Das ist immer gut, weil das erleichtert dann dem Anderen das Dasein."

    Mit senegalesischem Background in Deutschland

    Und Thomas Gottschalk redete weiter. Dass er vor kurzem das Ende seiner Arbeit beim BR verkündet hatte, war in seiner Büchersendung allerdings kein Thema: Stattdessen ging es um das Buch "Brüder" von Jackie Thomae – einer Autorin, die bereits auf der Shortlist des renommierten Deutschen Buchpreises stand. Die Schriftstellerin erzählt die Lebensgeschichten zweier junger deutscher Männer, beide im gleichen Jahr geboren, Söhne desselben senegalesischen Vaters, der ihnen nur seine dunkle Hautfarbe hinterlassen hat. Die Brüder kennen weder ihren Vater noch einander. Die Fragen, denen sie nicht entkommen, sind dennoch dieselben. Und ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein: der eine erfolgreicher Architekt in London, der andere ein Partygänger und Lebenskünstler in Berlin. Der Roman ist auch eine große Liebesgeschichte. Er behandelt – durchaus auch auf unterhaltsame Weise – die aktuelle Befindlichkeit in Deutschland, ohne aber Rassismus zum zentralen Thema zu machen. Und auch die Frage, ob wir je an einen Punkt kommen werden, an dem Herkunft, Erziehung, sozialer Hintergrund keine Rolle mehr spielen, für das, was wir sind.

    Gottschalk gab zu, dass er ein wenig fremdelte mit dem Buch. Das Lebensgefühl von Thomaes Generation und ihren Figuren, Berliner und Londoner Großstädtern, könne er selbst nicht nachvollziehen. Dennoch gab es ein großes Lob: Thomae schaffe es mit dem Buch, so Gottschalk, dass einem weder das Rassismus- noch das DDR-Thema "auf den Senkel" gehe. Und dann wurde der Lustleser Gottschalk einmal grundsätzlich: "Dieses Belehrende, diese Political Correctness, die uns dauernd vorgekaut wird, spricht nicht aus diesem Buch, sondern es sind die Lebensgeschichte und Charakterbeschreibung der Figuren, die etwas mit Rassismus zu tun haben: Da wird es plötzlich lebendig und man macht diese Erfahrung mit den handelnden Figuren."

    © BR

    Die Herkunft wird immer wieder zu einer Frage: Jackie Thomae bei "Gottschalk liest?"

    Thomae ging auf die pauschalisierende Kritik von "Belehrung" nicht ein. Sie habe die Dosierung dieser politischen und gesellschaftlichen Fragen im Roman bewusst ihrer persönlichen Erfahrung angepasst: "Es ist nicht so, dass ich mich jeden Tag 47 Mal mit der Frage auseinandersetzen muss, wo mein Vater herkommt. Und trotzdem ist es ab und zu eine Frage."

    Identitätskrisen eines "alten weißen Mannes"

    Dann nahm Bestsellerautor und Kolumnist Jan Weiler auf dem Sofa Platz. Der ehemalige Chefredakteuer des SZ-Magazins und heutige freie Schriftsteller entlarvt in seinem Krimi "Kühn hat Hunger" die diversen Ängste des "alten weißen Mannes". Der fürchtet sich vor einer Welt, in der er seinen Platz in der Gesellschaft nicht mehr automatisch durch sein Geschlecht verliehen bekommt. Es geht um den Mittvierziger Kühn, der im Buch durchgängig auf Diät und von seinen Rollen als Ehemann, Vater, Freund, Polizist, Nachbar hoffnungslos überfordert ist. Es ist die Geschichte einer männlichen Identität in der Krise.

    Weiler könne sich, obwohl ehemaliger Chefredakteur des SZ-Magazins, überzeugend in die Welt eines Beamten hineinfühlen, fand Gottschalk. Die Erklärung dafür lieferte Jan Weiler, ein fast so großer Plauderer wie Gottschalk, prompt: Die Zerrissenheit zwischen vielfältigen Rollen kennen eben beide.

    © BR

    Fühlt sich in die Welt eines "alten, weißen Mannes" ein: Jan Weiler bei "Gottschalk liest?"

    Es war ein launiger Abend, an dem sich die Gäste und der Moderator – trotz unterschiedlicher biografischer Hintergründe, Generationen und Herangehensweisen – viel zu sagen und viel zu lachen hatten. Und sollte Thomas Gottschalk zu Beginn der Sendung nervös gewesen sein, so hatte sich das am Ende der Sendung jedenfalls gelegt.