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So war Thomas Gottschalks Literatursendung "Gottschalk liest?" | BR24

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Ferdinand von Schirach, Sarah Kuttner, Vea Kaiser, Daniel Biskup und Moderator Thomas Gottschalk (v.l.n.r.)

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    So war Thomas Gottschalks Literatursendung "Gottschalk liest?"

    Dienstagabend lief die erste Ausgabe von "Gottschalk liest?" im BR Fernsehen: Thomas Gottschalk diskutierte mit unter anderem Sarah Kuttner und Ferdinand von Schirach über deren aktuelle Bücher – im lockeren Plauderton, aber nicht ohne Kritik.

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    Thomas Gottschalks erste Literatursendung beginnt mit dem Tod – alle vier Gäste sind in dunkle Farben gekleidet, als würden sie auf eine Beerdigung gehen, und auch einige der Bücher, die die Autoren mitgebracht haben, beschäftigen sich mit dem Sterben, mit Trauer und Melancholie. Dennoch verliert sich der Abend nicht in Schwermut.

    Zwischen Trauer und Komik

    Den Anfang macht Moderatorin und Schriftstellerin Sarah Kuttner. In ihrem Roman "Kurt" stirbt ein Kind. Der Vater trauert; seine Partnerin, die nicht Mutter des Kindes ist, versucht, zu ihm durchzudringen – was mal mehr, mal weniger gut klappt. Sie durchlebt ein "russisches Roulette der Nähe", wie Kuttner es nennt. Gottschalk gibt zu, dass er das Buch womöglich nicht gelesen hätte, wenn es jemand mit einer Beschreibung wie dieser an ihn herangetragen hätte: Es geht um eine idyllische Familie, doch dann stirbt das Kind. Beim Lesen war Gottschalk dann aber positiv überrascht, denn: "Es ist kein trauriges Buch, es ist ein Buch, das man gerne liest." Auch, weil Trauer und Komik vermischt würden und der Alltag dort in seiner Banalität weitergehe. "Es wird gevögelt, aber man muss auch Wurst fürs Brot kaufen", beschreibt Kuttner es selbst. Oder Kaffeesahne. H-Milch im Kaffee geht gar nicht, sind sich Kuttner und Gottschalk einig. Da werde der Kaffee grau und trist.

    Der zweite Gast ist Ferdinand von Schirach. Der Mann, der vom Strafverteidiger zum Schriftsteller wurde und sich bevorzugt mit Verbrechen, Schuld und Sühne auseinandersetzt, hat eine Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlicht. Deren Protagonisten sinnen nach über das Leben und seine Endlichkeit. Passend dazu der Titel des Buches, der symbolisch für einen melancholischen Moment steht: "Kaffee und Zigaretten". Gottschalk interessiert sich aber eher für das komische Talent Schirachs. In einer Szene beschreibt der Protagonist eine Veranstaltung auf dem Roten Teppich, wo Männer sich auf den Rücken schlagen und Frauen sich selbigen gegenseitig reiben. Das ist lustig, sagt Gottschalk. Schirach: "Ich glaube, das ist das größte Kompliment, das ich je bekommen habe, von Thomas Gottschalk lustig genannt zu werden."

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    Ferdinand von Schirach, Sarah Kuttner, Vea Kaiser und Moderator Thomas Gottschalk in der Sendung "Gottschalk liest?"

    Geschichtliches in unterschiedlichen Formen

    Als nächstes nimmt Vea Kaiser auf der Couch platz. Ihr Roman "Rückwärtswalzer" handelt von einer Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel, die ihren toten Onkel zur Beerdigung nach Montenegro fährt – ein skurriler Roadtrip mit tiefgekühltem Leichnam. Dabei gibt es immer wieder Rückblenden auf die Familiengeschichte; der Leser merkt langsam, dass es in dieser ein Geheimnis gibt. Gottschalk erzählt, dass er das Historische zu Beginn etwas zu langatmig fand, und sich gewünscht hätte, dass der Onkel früher stirbt – da werde die Geschichte schließlich wirklich interessant. Am Ende finden er und Kaiser aber eine Gemeinsamkeit: Sie beide sprechen Latein.

    Der letzte Autor des Abends fällt etwas aus der Reihe. Daniel Biskup hat keinen Roman veröffentlicht, sondern einen Bildband. Unter dem Titel "Wendejahre. Ostdeutschland 1990-1995" hat Biskup bisher nicht-veröffentlichte Fotos aus seinem Archiv zusammengestellt. Ein Jahrzehnt lang hat der Augsburger Fotograf den Alltag in Ostdeutschland nach der Wende dokumentiert. Zum Beispiel eine Zigarettenwerbung mit dem Slogan: "Taste the West", aufgebracht an einem Lkw, der verlassen an einer Straße steht – die Firma sei nach der Wende pleite gegangen, erzählt Biskup. Oder ein Foto vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, wie er bei einem Besuch im Osten wie ein Messias empfangen wird.

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    Thomas Gottschalk und seine Gäste: Sarah Kuttner, Daniel Biskup, Vea Kaiser und Ferdinand von Schirach

    Gibt es ein Rezept für einen Bestseller?

    Zum Ende der Sendung diskutieren alle Gäste in einer großen Runde. Zum einen geht es um die Frage, ob man ein Buch schreiben kann, mit dem Plan, es zu einem Erfolg zu machen. Ferdinand von Schirach ist überzeugt, das dies nicht möglich sei: "Die Leser merken das." "Ich mach das so", wirft Gottschalk ein. Von Schirach zeigt in seinem ironischen Konter wiederum, dass er tatsächlich lustig sein kann: "Sie sind ja auch wahnsinnig erfolgreich als Autor." Kuttner dagegen ist überzeugt, dass man schon alle moralischen Prinzipien abwerfen und ein Buch schreiben könne, das nur auf Erfolg getrimmt sei, aber "dann ist man halt ein Arsch."

    Schließlich geht es um die große Frage nach der Zukunft der Literatur, darum, dass immer weniger Bücher gelesen werden. Kaiser verteidigt hierbei die Jugend: "Kinder lieben Bücher. Lesen ist nicht das Problem. Ich glaube, wir müssen mehr darüber reden, welche Bücher für wen interessant sind." Dafür gibt es in diesem Jahr noch mindestens dreimal Gelegenheit – bei den drei weiteren für 2019 geplanten Ausgaben von "Gottschalk liest?".

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