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Europa und seine Grenzen: Ein Essay zur Wahl von Lena Gorelik | BR24

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Ist Europa noch zu retten? Jetzt da es wieder "Außengrenzen" gibt? Da für viele die europäische Identität nicht über günstige Roaming-Tarife hinaus geht? Ja, sagt unsere Autorin Lena Gorelik. Europa könne sogar stärker werden als je zuvor.

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Europa und seine Grenzen: Ein Essay zur Wahl von Lena Gorelik

Ist Europa noch zu retten? Jetzt, da es wieder auf "Außengrenzen" ankommt? Da für viele die europäische Identität nicht über günstige Roaming-Tarife hinausgeht? Ja, so die Schriftstellerin Lena Gorelik: Europa könne sogar stärker werden als zuvor.

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Europa ist einer dieser riesigen Begriffe. Sie klingen groß, aber erzählen Vages. Es ist ein lautes Wort. In meiner Kindheit war Europa ein Ort, nicht weniger, aber auch nicht mehr, ein Kontinent, um genau zu sein. Ein Begriff, den ich auswendig lernte, zwischen Australien und Nordamerika, einer, der übrigens nach weniger Einheit klang als die beiden anderen genannten, weil er so viele Länder unter seinem Namen versammelte, die ich ebenfalls auswendig lernen musste.

Grenzen waren Mauern

Zu den Ländern gehörten meines, das sich damals noch Sowjetunion nannte, und all die anderen Länder, die unerreichbar schienen, und die ich mit Reichtum und – unerklärlicherweise – mit Erdbeben verband. Ich hatte offensichtlich ein sehr vages und sehr falsches Wissen über Seismologie, aber eine deutlich schmerzende Ahnung, wie sich politisch gezogene Grenzen anfühlen können, und dass Europa keine Ganzheit war, sondern etwas, durch das sich eine Mauer zog. Als ich klein war, waren Grenzen ein "Ende". Sie waren Mauern, unüberwindbare Wälle, dort hörten Leben auf und dort begann etwas, was außerhalb der eigenen Vorstellungskraft lag.

Ich wuchs auf im größten Land der Erde, etwas, wovon ich keine konkrete Vorstellung, aber ein Gefühl der Stärke hatte, umgab es; dieses Etwas würde mich für immer trennen von dem, was sie manchmal den Westen und manchmal Europa nannten, und das so böse war, dass es ein Wunder sein musste. Man rüttelte in meiner Kindheit nicht an Grenzen, auch nicht an Vorstellungen von ihnen. Ich verstand nicht, warum man die Mauer als einen Vorhang bezeichnete. Er wehte nicht im Wind, er hielt auch im Winter stand. Eiserner Vorhang: Ich versuchte ihn mit meinen kindlichen Augen als Bild zu sehen, das Bild machte Angst.

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Die Autorin Lena Gorelik wurde in St. Petersburg geboren, seit 1992 lebt sie in Deutschland

Europa als Macht

Die geografischen Grenzen Europas haben sich seit meiner Kindheit nicht ein bisschen verschoben, aber umso mehr das, was der Begriff zu einen oder zu trennen meint. Wenn man von Europa spricht, so meint man heute eine weltweit einflussreiche politische Kraft, eine, die zum Beispiel wahlweise als Partner oder Gegenspieler den USA an die Seite oder entgegen gesetzt wird. Man spricht von Europa als Macht und als Kraft, meint aber nur einen Teil des geografischen Konstrukts: Den, der der politischen wie wirtschaftlichen Interessengemeinschaft der EU zugerechnet werden darf.

Man meint, sozusagen, obwohl das keiner so ausspricht, den guten Teil Europas, all die Länder, die es geschafft haben, zur EU dazuzugehören. Der Graben, der meine Kindheit aber auch die der Menschen auf der anderen Seite prägte, wurde vielleicht um einige hundert Kilometer nach Osten verschoben. Man nennt ihn nun nicht mehr Vorhang, wie man ihn gar nicht mehr benennt. Obwohl er nach wie vor existent ist, er trennt auch nach wie vor das geografische Europa.

Wenn jemand von der jenseitigen Seite Europas "Europa" sagt, der prominenteste Vertreter dieser anderen Seite, ein gewisser Wladimir Putin beispielsweise, hat er aber etwas anderes im Sinn als wir, die wir in Europas Mitte leben: Europa, das kann auch klingen nach Feind. Wenn Politiker aus der Gemeinschaft der Europäischen Union heraus agierend, "Europa" sagen, "Europa!" rufen, jetzt kurz vor den Europäischen Wahlen, dann hat das oft auch einen normativen Klang: Als habe die Union ein Gefühl zu sein. Wir sind alle Europäer, und diejenigen, die sich lieber als Deutsche, Ungarn, Italiener und so weiter bezeichnen, wissen, sie müssten dieses Gefühl haben, erspüren es aber nicht. Das Europäische. Sie müssten Europäer sein. Erspüren es nicht, weil die Verbindung zwischen Kroatien und Frankreich eine wirtschaftliche, eine politische, eine rationale, eine geschichtsbewusste und zukunftsorientierte ist, aber keine emotionale.

Die europäische Identität

Europa als Heimat ist, seien wir mal ehrlich, für die meisten Europäer ein Gedanke, bis sie diese Heimat verlassen. Bis sie sich tatsächlich auf einem anderen Kontinent befinden und die Heimat, die wie-auch-immer-riechende-schmeckende-geartete so weit weg erscheint, dass sie in den eigenen Augen wächst. "Ich bin Europäer", sagt man eher in Afrika oder Südamerika, nicht aber, wenn man sich auf dem Europäischen Kontinent befindet.

EU-Bürger, die bei Europa an Brüssel, Reisefreiheit und Roaming-Tarife denken, aber selten an ein Gefühl. Es gibt Begriffe, die ziehen sich über Landesgrenzen, weil sie menschliche Emotionen sind: Liebe zum Beispiel, Angst oder Sehnsucht nach Freiheit. Den Begriffen liegt ein gemeinsames Gefühl zugrunde, eines, das über Sprachgrenzen und nationale Traditionen hinweg funktioniert. Es ist dieses gemeinsame Gefühl, das dem Begriff Europa fehlt. Grenzen wurden im Rahmen der Entstehung der EU neu definiert, an manchen Stellen wurde ihnen die Bedeutung entzogen, vereinsamte Grenzkontrollhäuschen an Autobahnen, die einen daran erinnern, wie es früher einmal war. "Früher wurde man hier kontrolliert", sagt man zum Beifahrer, und dieses "Früher" das ist so lange her, oft lohnt sich noch nicht einmal mehr dieser Satz.

Nach Polen zum Einkaufen

Es ging so schnell, wie wir uns alle daran gewöhnten, das Land zu wechseln, ohne an einem Grenzkontrollpunkt anhalten zu müssen. Das war bereits normal, bevor wir aufhörten, in Mark umzurechnen, die große, grenzlose EU, mit der man eben auch dieses Wort vergaß: Grenze. Das ist eine dieser europäischen Absurditäten: Dass Grenzen, tatsächliche, die als Mauern, Zäune und teils vom Militär, teils vom Zoll kontrollierte Bereiche abgebaut werden, in den Köpfen – und in den Herzen – hängen blieben, vielleicht sogar verstärkt wurden durch die andere, nun besser sichtbare Realität auf der anderen Seite.

Polen und Deutschland beispielsweise: Man fährt, ist man in der Nähe der Grenze, "kurz mal nach Polen", so wie man auch schnell ins Nachbardorf fährt, vielleicht zum Einkaufen, vielleicht zum Tanken, vielleicht aus diesem simplen, alten Grund, dieser puren Reiseneugierde: Um einmal nach Polen zu fahren. Es scheint so einfach zu sein. Aber fährt man nach Polen hinein, fährt man in ein polnisches Dorf, fährt man ins Land, zu den Menschen, spricht man mit den Menschen, und geht das Gespräch über das hinaus, was einen für diesen kurzen Moment miteinander verbindet, die Frage nach den Benzinkosten beispielsweise, so stellt man schnell fest, dass das Verständnis von allem ein anderes ist.

Vom Leben, vom Hoffen, von dem, was Gemeinschaft ist, auch die Europäische Gemeinschaft. Von Rollenbildern und Lebensmodellen, von der Bedeutung einer Nationalität. Von Erinnerungen an andere Zeiten, und da sind wir noch nicht einmal in Tschechien, in Ungarn angekommen, wo das Gefühl, dass früher alles besser war, früher, als Brüssel noch kein Begriff war, zumindest keiner, der eine Aussage- oder Bestimmungskraft inne hatte, immer mehr und immer stärker in den Menschen wach gerüttelt und geschürt wird. Da sind wir noch nicht einmal in Bulgarien, im ärmsten Land der Europäischen Union, in dem so viele Menschen mit dem beschäftigt sind, was wir uns, im westlichen, und seien wir mal ehrlich, im besseren oder zumindest einfacheren Teil Europas nicht mehr vorstellen können, mit dem Überleben. Und zwar so sehr, dass sie es noch nicht einmal schaffen, darüber nachzudenken, was „dort“, in Brüssel, geschieht. Oder was vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg beschlossen wurde.

Wer sich Gedanken darüber machen muss, was die Kinder heute zu Essen bekommen könnten, weil da nicht viel ist, nicht im Geldbeutel, nicht im Kühlschrank, für den bleibt Luxemburg, wo der Europäische Gerichtshof Entscheidungen trifft, die auch sie betreffen, irgendein Punkt auf der Landkarte, völlig uninteressant, und Europa ein Begriff, der im besten Fall nach neuen, undurchsichtigen Zeiten klingt, aber wenig nach Hoffnung. Nach Heimat kann er nicht klingen, weil er noch zu sehr nach dem anderen klingt, nach "dort".

Angst bauen Mauer auf

Das ist die Steigerung der europäischen Absurdität: Dass da, wo nach jahre- und jahrzehntelangen Verhandlungen und Bemühungen aller Seiten vormals innereuropäische Grenzen gelockert oder geöffnet wurden, nun plötzlich an den äußeren Rändern wieder Grenzen, wieder Grenzzäune errichtet werden. Mit Mühe, mit Geldern und über jedes menschliche Gefühl einer Gemeinschaft hinweg. "Außengrenze", ein aus dem Müll wieder hervorgezogenes Wort. Der Übergang von Bulgarien zur Türkei zum Beispiel, man hält an, steigt aus, wie früher. Die Lastwagenschlangen sind endlos, bis zu zwei Tagen warten die Fahrer. An beiden Seiten der Grenze kleine Spielhallen, noch kleinere Supermärkte, es gibt Börek und Wasserflaschen, die genauso groß wie die Alkoholflaschen sind. Beamte, die lust- und beinahe bewegungslos Papiere kontrollieren, gelangweilte Blicke in die mit dem Passbild abzugleichenden Gesichter. Die Hitze brennt sich in den Nacken. "Grenzwartebereich", auch so ein wieder aufgetauchtes Wort.

In Bulgarien ist man durch Flachland gefahren, nun tauchen dunkelgrüne Hügel auf, irgendwo dort, auf der anderen Seite, ist Muezzin-Gesang zu hören. Irgendwo auf einem der Hügel entdeckt das Auge etwas, das bisher mehr ein Begriff aus den Nachrichten war denn ein Bild: Den Zaun, den Bulgarien an der Grenze zur Türkei (und Ungarn und Spanien) hochgezogen haben, in Windeseile scheinbar, ein meterhohes Bollwerk mit Stacheldrahtschnecken obenauf, die im Sonnenlicht glänzen.

Zwischen Lastern, die Beton und Fisch transportieren, und Touristen, die an den türkischen Strand wollen, erstarrt erst der Blick, und es fehlt jegliches Verständnis dafür, dass der Mensch so ist. Grenzen, sichtbare, schmerzhafte, sie sollen das sein: Schmerz zufügen jenen, die ihr Leben zu retten versuchen. Vielleicht hat man die Grenzen von innen nach außen gezogen, vielleicht hat das die Angst in den Menschen getan.

Trotzdem Europa, genau deshalb Europa

Die Liebe, auch so ein riesengroßer Begriff, weiß jede*r, der schon mal heftig, jauchzend, zitternd, verängstigt, hüpfend geliebt hat, ist immer auch ein Trotzdem. Sie muss dieses Trotzdem sein, genau darin liegt ihre Stärke verborgen. Spätestens bei der Liebe zu den eigenen Kindern spürt, fühlt, begreift man: Wie sehr sie einen auch verrückt machen können, die Liebe bleibt, der Kampf um sie, die einzelnen Kindchen, um den Bestand der Familie, um ein gutes Gemeinsam, ein gemeinsames Gutes. Dasselbe gilt für viele übergreifende, große und gerade in dieser Größe manchmal vagen Konzepte: Rechtsstaat, Meinungsfreiheit, Demokratie. Sie können noch so ausufernd theoretisch gefeiert werden, glänzen werden sie erst, greifbar sind sie erst, wenn sie auf den Prüfstand gestellt werden.

Wenn der Rechtsstaat sich als solcher bewiesen, wenn die Meinungsfreiheit den Angriff auf einzelne Meinungen überstanden hat, wenn die Demokratie demokratiefeindliche Tendenzen mit den eigenen Mitteln abzuwehren wusste, bekommen die theoretischen Konzepte ein Leben, spüren die Bürger ihre Kraft. So ähnlich ist es, soll es, muss es mit Europa sein, für viele Bürger immer noch ein theoretisches, von Regierungsköpfen in fremden Ländern und unverstandenen Institutionen ausgehandeltes und gelebtes Konzept. Genau dann, wenn, und genau da, wo Europa als Gedanke und Institution zu bröckeln droht, wo die gemeinsame Werte untergraben werden, muss das Trotzdem greifen. Als ein: Genau deshalb.

Lena Gorelik, geboren 1981 in Sankt Petersburg, kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie als "Kontingentflüchtling" nach Deutschland. Ihr Debütroman "Meine weißen Nächte" erschien 2004, weitere Bücher sind u.a. "Die Listensammlerin", "Null bis unendlich", "Mehr Schwarz als Lila" und "Sie können aber gut Deutsch!"

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