© Jochen Quast/Theater Regensburg

Nebukadnezar (Nabucco) und sein Schatten

Hatten die Priester im alten Babylon wirklich Angst davor, dass es in ihre Gedanken rein regnet? Jedenfalls tragen sie merkwürdige Schirme auf dem Kopf in der Regensburger Inszenierung von Verdis "Nabucco". Seltsame Ideen hatte die Kostümbildnerin Katharina Heistinger. Ihre Babylonier sind dermaßen hässlich gekleidet, dass sofort klar wird, warum Karl Lagerfeld nicht im Alten Testament auftaucht. Als Prophet hätte er es ja ansonsten verdient gehabt. Auch das Bühnenbild von Helmut Stürmer gibt einige Rätsel auf: Er lässt unablässig die Drehbühne kreisen und hatte dafür einen recht zugigen Tempelbau entworfen.

Der König quält sich rauf und runter

Eine steile, goldene Show-Treppe führt nach oben, Nabucco, hierzulande besser bekannt als Nebukadnezar (eigentlich Nabū-kudurrī-uṣur II.), muss sich unentwegt rauf und runter quälen, um seine Autorität zu beweisen: Das ist eher unfreiwillig komisch als furchteinflößend, zumal nie deutlich wird, was er da oben eigentlich macht, außer die Aussicht zu genießen. Ein eher luftiges Absperrgitter soll wohl Kerker-Atmosphäre verbreiten, schließlich macht Nabucco dem jüdischen Volk das Leben schwer. Eine Zwangsjacke soll seinen Größenwahn illustrieren, seine Soldaten fuchteln unbeholfen mit Revolvern. Die Ausstattung ist insgesamt wenig wirkungsvoll und leider nicht die Spur überraschend in dieser Regensburger Inszenierung, die der junge rumänische Regisseur Rareș Zaharia gerettet hat.

Der Schatten des Königs ist mitleidlos

Er musste sehr kurzfristig für einen erkrankten Kollegen einspringen, was in diesem Fall besonders undankbar ist, denn bekanntlich wird Verdis "Nabucco" so häufig aufgeführt, dass es fast unmöglich ist, dazu noch umwerfend neue Regiekonzepte zu erfinden. Hans Neuenfels ließ einst (2000) in Berlin alle Babylonier als Bienen mit beweglichen Stacheln auftreten, das war ein lautstarker Skandal, der sich nicht ohne weiteres wiederholen lässt. Um mit solchen Ideen mitzuhalten, hätte Rareș Zaharia Zeit gebraucht und kreative Freiräume. So musste er aus einem vorhandenen Bühnenbild das Beste machen. Er ließ den Schatten des babylonischen Königs auftreten, eine stumme, goldene Götzenfigur, die mitleidlos dem Treiben der Menschen zusieht und am Ende die Krone aufbehält.

Beachtliche Leistung von Chor und Orchester

Die böse, rachsüchtige Abigaille, die vorübergehend die Macht an sich gerissen hat und alle Juden zum Tode verurteilte, wird vom geläuterten und bekehrten Nabucco mit einer Spritze in den Hals hingerichtet. Kurz zuvor hatte sie noch mit der Merkel-Raute für zaghafte Lacher im Publikum gesorgt. Szenisch war das alles nur mäßig überzeugend, dafür glänzte der Abend musikalisch in jeder Hinsicht. "Nabucco" ist eine Chor-Oper, ja die Chor-Oper schlechthin, und der Regensburger Chor (Leitung Alistair Lilley) schlug sich, offenbar frisch erholt von der Spielzeitpause, hervorragend, nämlich bestens abgestimmt, ausbalanciert, seelenvoll, mal voll martialischer Energie, mal inbrünstig flehend. Eine beachtliche Leistung. Das gilt auch für das Philharmonische Orchester unter Leitung von Tom Woods. Er brachte den frühen Verdi ordentlich zum Glühen und Gleißen, der damals 28-jährige Komponist scheute ja keinen derben Effekt, kein seeliges Wogen und Wiegen, keinen explosiven Sturm und Drang. Diese noch ungeschliffene, unbändige Lust am pompösen Klangbild war jederzeit zu hören und mitzuerleben, so dass auch die Zuschauer draußen auf dem Bismarckplatz ihre helle Freude gehabt haben dürften.

Stimmlich blieben wenig Wünsche offen

Auch zwei Solisten setzten Maßstäbe: Die estnische Sopranistin Aile Asszonyi als Abigaille hatte die Ovationen des Publikums redlich verdient, so kraftvoll und souverän, wie sie spielte und sang. Das hätte für sehr viel größere Häuser gereicht. Dasselbe gilt für den türkischen Bass Selcuk Hakan Tıraşoğlu, der als jüdischer Hohepriester Zaccaria besetzt war. Auch er war von ausnehmender Bühnen-Präsenz. Die Titelrolle sang der polnische Bariton Adam Krużel, der sich von den beiden Kollegen zunehmend anspornen ließ, was auch für Vera Egorova-Schönhöfer als Fenena galt, so dass stimmlich wenig Wünsche offen blieben. "Nabucco" als Sängerfest, das ist nicht wenig, und vielleicht gibt es für die Regenschirme auf den Köpfen ja sogar eine natürliche Erklärung.