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Autor Götz Aly wurde mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet und erhielt den Preis für sein Buch "Europa gegen die Juden. 1880 - 1945".
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Niels Beintker
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Autor Götz Aly wurde mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet und erhielt den Preis für sein Buch "Europa gegen die Juden. 1880 - 1945".

Götz Aly – geboren 1947 in Heidelberg – hat zahlreiche Bücher zur Geschichte des Holocaust veröffentlicht. So erzählt er etwa in "Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931 - 1943" vom Schicksal Marion Samuels, geboren 1931 in Arnswalde, einer Kleinstadt im heutigen Polen. Ihr kurzes Leben endete 1943 in Auschwitz: Am 3. März wurde das Mädchen, elf Jahre alt, zusammen mit dem Vater deportiert. Einen Tag später erreichte der Zug das Todeslager, 2.000 Menschen wurden umgehend in den Gaskammern ermordet. Aly hat die Lebensgeschichte von Marion Samuel erstmals umfassend rekonstruiert, aus Anlass der Verleihung eines nach ihr benannten Preises. Der schmale Band führt zum Hauptwerk des in Berlin lebenden Historikers: zur Geschichte der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Der Holocaust ist für den Historiker eine Folge der Krisen der Moderne.

"Da gibt es eine kleine Gruppe, die natürlich aus traditionellen, auch aus religiösen Gründen, auch wegen ihrer Eigenständigkeit, ihrer Distinguiertheit gegenüber der Umwelt genau umschrieben ist oder sich umschreiben lässt", erklärt Götz Aly. "Und diese Gruppe ist offenkundig schneller – macht in Deutschland zehnmal so oft Abitur wie christliche Kinder, verdient wesentlich mehr, zahlt wesentlich mehr Steuern – immer im Durchschnitt. Und der Hass wächst in der Situation, wo die anderen, die nachfolgenden, auch sozial mobilisiert werden, aufsteigen müssen und der Abstand sich verkürzt."

Geschichte im Alleingang

In der deutschen Historikerzunft nimmt der diesjährige Geschwister-Scholl-Preisträger eine ganz eigene Position ein. Götz Aly hatte nie einen eigenen Lehrstuhl, er war immer ein Einzelgänger im akademischen Betrieb und wurde von den fest im Sattel sitzenden Professoren gerne auch als Außenseiter abgestempelt. Dabei hat Aly – mehr oder weniger im Alleingang – ein beeindruckendes wissenschaftliches Oeuvre veröffentlicht, große Bücher über den Holocaust wie auch über den modernen Antisemitismus in Deutschland und Europa.

Wohin bringt Ihr uns? Aufschrift an einem Denkmal für die Ermordeten der sogenannten Euthanasie-Aktionen im Nationalsozialismus.

Wohin bringt Ihr uns? Aufschrift an einem Denkmal für die Ermordeten der sogenannten Euthanasie-Aktionen im Nationalsozialismus.

Eines der ersten Forschungsvorhaben von Götz Aly widmete sich – in den 80er Jahren – der Ermordung von Menschen mit Behinderungen im Nationalsozialismus, der sogenannten Euthanasie. Damals war das Pionierarbeit. Immer wieder hat Aly darüber geschrieben, etwa in seinem Buch "Die Belasteten" aus dem Jahr 2013. Er hat die Geschichten von Opfern und auch von Tätern erforscht. Unter letzteren Mediziner, die in der Bundesrepublik zu Koryphäen der Hirnforschung wurden.

"Diese Forscher haben sich die Gehirne von lebendigen Menschen bestellt", sagt Götz Aly. "Sie haben gesagt: Das ist ein interessanter Fall. Wir machen die und die Studie, wir brauchen so und so viele Epileptiker – die wollen wir vorher noch klinisch, also lebendig untersuchen, damit wir alle Daten zusammen haben. Und dann wollen wir, dass sie getötet werden. Und dann wollen wir diese Gehirne möglichst frisch – man nennt das in der Fachsprache lebendfrisch – gleich nach der Ermordung sezieren."

Warum die Deutschen, warum die Juden?

Im Zentrum des Werkes von Götz Aly steht diese Frage, die auch zum Titel eines seiner Bücher wurde. Die Ermordung der europäischen Juden betrachtet der Historiker und Publizist in einer besonderen Perspektive: weniger allein der Antisemitismus dient seiner Einschätzung nach als Erklärung für Hass und Gewalt. Vielmehr lassen sich diese maßgeblich erklären durch einen großen sozialen Neid auf die Juden, auf ihre gesellschaftlichen Positionen, ihre Möglichkeiten – in Deutschland und in Europa. Die Ausgrenzung, Verdrängung und Ermordung der Juden hat diejenigen, die daran mitwirkten und die dabei zusahen, zu Profiteuren in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht gemacht. Mit anderen Worten: rationale, nicht irrationale Gründe führten zur millionenfachen Vernichtung.

"Im Großen und Ganzen handelte es sich im Zweiten Weltkrieg um eine soziale Aufwärtsmobilisierung", erklärt Aly. "Da werden in Europa mehr als eine Million Wohnungen frei, überall, und neu verteilt, in einer Situation der Knappheit. Es werden die Kleidungen, die Möbelstücke, die Berufsmöglichkeiten, die Aufstiegsmöglichkeiten neu verteilt. Und das wirkte integrativ. Hitler und Goebbels haben das genau erkannt. Die haben gesagt: 'Das ist wie eine schräge Bahn.'"

Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Theresienstadt. Götz Aly hat die Vernichtung der Juden intensiv erforscht.

Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Theresienstadt. Götz Aly hat die Vernichtung der Juden intensiv erforscht.

Erinnerung an Siegfried Lichtenstaedter

In seinem Buch "Europa gegen die Juden" – für das Götz Aly heute Abend mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wird – erzählt er auch vom bayerischen Finanzbeamten Siegfried Lichtenstaedter. Dieser veröffentlichte, im Nebenberuf, eine Vielzahl von Essays und Büchern, darunter über eine Zukunfts-Geschichtsschreibung. Den Humanitätsbegriff des christlichen Abendlandes hielt Lichtenstaedter für eine "große Lüge". Und er schrieb prophetisch: "Die Vernichtung der (menschlichen Arten) ist eine der bemerkenswertesten Erscheinungen der Kultur, namentlich der modernen Kultur."

Siegfried Lichtenstaedter starb Anfang Dezember 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt. Götz Aly widmet diesem vergessenen Geschichts-Deuter sein neues Buch "Prophet der Vernichtung", das Anfang des kommenden Jahres erscheint. Eine weitere von so vielen Geschichten.

Die Bücher von Götz Aly erscheinen im S. Fischer-Verlag, zuletzt veröffentlicht wurde der Band "Europa gegen die Juden: 1880-1945". Am 25. Februar stellt Aly sein neues Buch "Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass" im Literaturhaus München vor.

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Ein engagierter Chronist der Vergangenheit: der in Berlin lebende Historiker Götz Aly

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