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Götz Aly erhält den Geschwister-Scholl-Preis 2018 | BR24

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Historiker und Journalist Götz Aly

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    Götz Aly erhält den Geschwister-Scholl-Preis 2018

    Ausgezeichnet wird Aly für sein Buch "Europa gegen die Juden. 1880-1945", das die gesellschaftlichen Bedingungen des Holocaust untersucht. Die These: Der Antisemitismus war keineswegs Sache von wenigen Fanatikern, sondern hatte Vorteile für viele.

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    Götz Aly habe die Erforschung der Verbrechen des Nationalsozialismus mit bedeutenden Büchern vorangetrieben, so die Begründung der Preisvergabe. In seinem jüngsten Band ziehe er eine Art von Summe, indem er eine markante These zu den Möglichkeitsbedingungen des Holocaust umfassend belege und begründe.

    Der Neid auf die Juden

    Für Aly war der Antisemitismus nicht die Sache einer Minderheit von irrationalem Hass getriebener Fanatiker. Für die Verdrängung der Juden aus dem bürgerlichen Leben gab es rationale Gründe – rational im Sinne von: erklärbar, aus den materiellen Interessen derjenigen, die von der Beseitigung der Konkurrenz profitierten.

    In der Begründung der Jury heißt es: "Der Neid auf die als besonders tüchtig wahrgenommenen Juden ist auch nach Aly nicht die einzige Ursache dafür, dass Vorurteile im Völkermord kulminierten. Aber von dieser Ursache ist zu selten die Rede: So hässlich der Neid aussieht, er ist mit Werten verknüpft, die heute noch hochgehalten werden. Einwanderungsbeschränkungen und Berufsverbote waren sozialpolitische Maßnahmen, die in Gesellschaften des massenhaften sozialen Aufstiegs im Namen der Chancengleichheit ergriffen wurden."

    Provokante Randfigur der Historikerzunft

    Getreu den Statuten des Geschwister-Scholl-Preises, Bücher auszuzeichnen, die von geistiger Unabhängigkeit zeugen und geeignet sind, bürgerliche Freiheit und intellektuellen Mut zu fördern, wird auch ein Bezug zur Gegenwart hergestellt: Heute werde in der Flüchtlingspolitik ein Widerstreit zwischen humanitären Imperativen und sozialstaatlichen Besitzständen beschworen.

    Götz Aly, Jahrgang 1947, war immer eine streitbare Randfigur der Historikerzunft. Er hatte nie einen Lehrstuhl und prägte die Forschung dennoch mit gewichtigen Werken. Zu den umstrittensten zählt sein Buch "Hitlers Volksstaat" (2005), in dem er vor allem die kleinen Leute als Nutznießer des NS-Regimes darstellt, das Aly eine "Gefälligkeitsdiktatur" nennt. Aly arbeitete auch als Journalist, seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt.

    Der Geschwister-Scholl-Preis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Landeshauptstadt München ist mit 10.000 Euro dotiert. Preisträger waren unter anderem Hisham Matar, Garance Le Caisne, Achille Mbembe, Glenn Greenwald, Otto Dov Kulka, Liao Yiwu, Joachim Gauck, Roberto Saviano, David Grossman und Anna Politkovskaja. Die Auszeichnung an Götz Aly wird im Rahmen des Literaturfests München am 19. November vergeben.

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