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Glaube ja, Kirche nein: Frömmigkeit findet im Internet Zulauf | BR24

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In Zeiten von Corona finden keine Gottesdienste mehr statt. Für einige Christen hierzulande ist das längst Normalität. Sie haben den Kirchen bereits seit einiger Zeit den Rücken gekehrt. Ihren Glauben leben sie dennoch intensiv weiter - im Internet.

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Glaube ja, Kirche nein: Frömmigkeit findet im Internet Zulauf

In Zeiten von Corona finden keine Gottesdienste mehr statt. Für einige Christen hierzulande ist das längst Normalität. Sie haben den Kirchen bereits seit einiger Zeit den Rücken gekehrt. Ihren Glauben leben sie dennoch intensiv weiter - im Internet.

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Wegen der Corona-Krise finden in den Kirchen derzeit keine Gottesdienste mehr statt - für viele aktive Christen ein schmerzhafter Einschnitt. Doch es gibt auch eine Gruppe an Gläubigen, für die diese Einschränkung keinen Verlust mehr bedeutet, da sie den Kirchen eh schon den Rücken gekehrt haben.

Christliche Botschaft in Podcasts, Blogs und Social Media

"Post-Evangelikal“ – so nennt sich die Bewegung, die sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich über den Austausch im Netz zusammengefunden hat. Sie besteht aus Menschen, denen die christliche Botschaft überaus wichtig ist. In Podcasts, Blogs und in den Sozialen Medien wollen die "Post-Evangelikalen" eine neue Form von Frömmigkeit leben: frei, sozial und ökologisch engagiert.

Der Name "Post-evangelikal" setzt sich zusammen aus evangelikal, weil die Anhänger eine starke Bibelfrömmigkeit empfinden, wie sie beispielsweise in vielen evangelischen Freikirchen gelebt wird. Und "post-evangelikal", da sie sich doch auch nicht mehr der freikirchlichen Szene zugehörig fühlen, weil sie sich dieser ebenso entwachsen fühlen wie klassischer Gemeindefrömmigkeit.

Wie funktioniert Glauben ohne Kirche?

Doch wie funktioniert das, Glaube ohne Kirche? Wie leben diese Ausgetretenen ihren Glauben weiter, ohne die Gemeinschaft einer Gemeinde?

Für die meisten führt der erste Schritt ins Netz: Über Podcasts und Blogs, in Foren und Kommentarspalten tauschen sich die Post-Evangelikalen aus.

Hossatalk ist einer der bekanntesten Podcasts der post-evangelikalen Szene. Tiefgründig, witzig und hemmungslos ehrlich: So beschreiben sich Jakob Friedrichs und Gottfried Müller alias Jay und Gofi zumindest selbst auf ihrer Internetseite. Mehr als 140 Folgen von Hossatalk haben die beiden mittlerweile produziert. Die Themen bewegen sich rund um die Knackpunkte, bei denen die meisten ihrer postevangelikalen Follower in Glaubenszweifel geraten sind. Dazu zählen insbesondere das Bibelverständnis und der Umgang mit Homosexualität.

"Damals war ich allein, damals gab’s noch kein Internet, wo man das irgendwie mit anderen gemeinsam machen konnte, sondern ich musste meinen Weg da irgendwie alleine finden und das war eine sehr, sehr anstrengend und weltanschaulich schwierige Zeit für mich“, berichtet Jakob Friedrich alias "Jay".

"Oft reicht ein Kommentar auf Facebook"

Das Internet hat die "post-evangelikalen“ Bewegung erst zustande gebracht. Und tatsächlich ist auch dies ein spezifisches Kennzeichen des post-evangelikalen Phänomens: Es existieren keine Gemeinden. Zumindest nicht im echten Leben. Zwar gibt es ab und an Veranstaltungen und Treffen. Dennoch bleibt der sporadische Charakter. Ein Aspekt, der auch die post-evangelikalen Mitglieder beschäftigt.

"Dass wir sehr oft unser Christsein sehr alleine leben, das ist tatsächlich ein Problem", sagt etwa Hanna Kunze, die mit zwei Freunden den post-evangelikalen Podcast "365 Grad" betreibt. "Wir wollen lieber über’s Internet eine Predigt hören, dann drei Kommentare auf Facebook lassen und uns bei irgendeinem Festival mal treffen und darüber diskutieren", beschreibt sie die Situation im Podcast-Beitrag "Brauchen wir die Ortsgemeinde?".

Ohne eine Gemeinde gingen den Post-Evangelikalen viele Sachen verloren, "ja auch als Gruppe eine Kraft in die Gesellschaft hinein zu haben, Dinge mitzuprägen. Auf der anderen Seite merke ich halt: Ich mache das ganz viel durch mein restliches Leben. Also tue ich das ja trotzdem und ich schließe mich dann halt anderen Gruppen an, die das vertreten, was ich wichtig finde.“

Kirche sieht in post-evangelikaler Bewegung eine Chance für sich

Die Kirchen haben mittlerweile diese neue, fromme Bewegung im Netz registriert. In einigen Teilen der evangelischen Landeskirchen gibt es Gemeindeprojekte – wie beispielsweise die Elia-Gemeinde in Erlangen – die bewusst auf eine diese spezielle Frömmigkeit ausgelegt sind.

Pfarrer Steve Henkel ist in der evangelischen Landeskirche in Bayern für die Nachwuchsgewinnung von Pfarrerinnen und Pfarrern zuständig. In der post-evangelikalen Bewegung sieht er auch eine Chance für die Kirche. "Das Gewicht, was der Glaube im Leben hat, und aber gleichzeitig die geistige Weite und die Freiheit, die nicht so moralisch verengt ist auf so Kleinfragen, die wir in den Landeskirchen haben - Ich glaube, das ist eine ganz große Chance, die uns als Landeskirche auch bereichern kann.“

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