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Bei Kunsthandwerk wird zu viel über Preise gesprochen | BR24

© Bayern 2

Über Geld spricht man nicht? Bei freier Kunst vielleicht nicht, beim Kunsthandwerk aber viel zu oft. Der Bayerische Kunstgewerbeverein geht das Thema offensiv an – und zeigt in seiner Ausstellung "Glanzstücke" lauter Arbeiten, die einiges kosten.

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Bei Kunsthandwerk wird zu viel über Preise gesprochen

Über Geld spricht man nicht? Bei freier Kunst vielleicht nicht, beim Kunsthandwerk aber viel zu oft. Der Bayerische Kunstgewerbeverein geht das Thema offensiv an – und zeigt in seiner Ausstellung "Glanzstücke" lauter Arbeiten, die einiges kosten.

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Es ist ein bisschen wie im Himmel: Luftige weiße Tücher hängen von der Decke herab, umspielen weiße Wände mit weißen Rahmen und gliedern weiße Vitrinen mit weißen Auslagen. Und mitten in dieser Form gewordenen Leichtigkeit leuchten die "Glanzstücke“: Armreifen, Ringe, Broschen und Ketten, Dosen und Schalen, Vasen, Kleider, Lampen, Kannen, Gläser. Alles handwerklich gefertigte Unikate, aus Gold, Silber, Glas, Keramik, Seide, Ebenholz, Rosenquarz und Diamanten. Alle Stücke kosten mindestens 2.500 Euro – manche auch fast das Zehnfache, wie etwa ein goldener Armreif mit Hunderten kleiner Saphire.

Die heikle Preisfrage für angewandte Kunst

Teure Stücke also. Aber was ist eigentlich teuer? Ist teuer nicht schon eine Wertung? Sind die Stücke im Vergleich zu Arbeitsaufwand, handwerklicher Ausführung und ästhetischer Qualität nicht vielleicht sogar zu billig? Der Bayerische Kunstgewerbeverein hat sich entschieden, bei seiner jährlichen Mitgliederausstellung die Preisfrage einmal ganz offen zu thematisieren. Im vergangenen Jahr gab es bereits eine Ausstellung mit Stücken, die alle unter 500 Euro kosteten. Maik Schober von der Designagentur TULP, von der das Konzept stammt: "Es ist sehr interessant, inwieweit der Preis die Ausstellung verändert – und auch das Kaufverhalten. Es ist ja nicht immer so, dass das Billigere mehr gekauft wird als das Teure. Das ist nicht automatisch so."

Tatsache ist, dass die Preise für freie Kunst und die für angewandte Kunst extrem auseinanderklaffen. Immer wieder müssen sich die Kunsthandwerker erklären. Es gibt Kunden, die rechnen den Materialpreis und die Arbeitsstunden zusammen, um sie mit dem Kaufpreis abzugleichen. Dass auch die künstlerische Arbeit eines Stücks einen Wert hat, ist manchmal schwer vermittelbar. Diese Erfahrung hat auch die Geschäftsführerin des Bayerischen Kunstgewerbevereins, Monika Fahn gemacht: "Es würde niemand den Preis eines Gemäldes hinterfragen, das hängt an der Wand und schmückt den Raum. Man hinterfragt aber den Preis von angewandter Kunst oder von Kunsthandwerk. Für eine Vase gibt man nicht so viel Geld aus wie für ein Bild an der Wand. Warum das auch immer so ist. Von der Qualität ist beides gleich: Beides hat eine hohe Meisterschaft, braucht sehr viel Zeit, um es zu entwickeln, und hat den gleichen ästhetischen und künstlerischen Anspruch."

© Christine Graf

Brosche von Christine Graf

Material, Arbeitsstunden – und Meisterschaft

Die Schmuck- und Emaille-Künstlerin Christine Graf kennt das Problem. Für die Ausstellung hat die Münchnerin zwei Broschen gefertigt: Jeweils fünf kleine Zylinder formieren sich zu einem Kreis. In der Gegenüberstellung beider Broschen geht es darum, inwieweit unterschiedliche Farben die Wahrnehmung der Form beeinflussen, erklärt Christine Graf: "Die eine Brosche ist eben in Schwarz und dunklen Grautönen emailliert, sodass man eigentlich nur noch die Form wahrnimmt, aber die einzelne Grundform zurücktritt. Und demgegenüber gibt es diese bunte, farbige Brosche mit genau den gleichen Elementen, die dann Beziehungen zueinander aufbauen. Man nimmt erstmal jedes Einzelteil wahr – und dann die Komposition zueinander."

5.500 Euro kostet die farbige Brosche, 4.700 die schwarze. Darin enthalten sind natürlich auch die Anteile, die an die Galerie gehen. Etwa einen Monat hat die Künstlerin an den Stücken gearbeitet, vom Papiermodell über das Mischen der farbigen Glaspulver mit Dutzenden Versuchsbränden bis zur Anbringung der Anstecknadel. Das Ganze entspricht vom Aufwand her etwa der Anfertigung eines Prototyps im Designbereich, nur dass Christine Graf mit ihrer Brosche danach nicht in die Serienproduktion geht.

Bei angewandter Kunst fange man immer an nachzurechnen, so Monika Fahn vom Bayerischen Kunstgewerbeverein: "Was kostet das Material, wie viele Stunden sind drin, wie viel Erfahrung? Ich glaube nicht, dass man das bei einem Gemälde machen würde. Ich glaube, kein Künstler, kein Bildhauer setzt sich hin und rechnet seine Stunden nach, rechnet Materialkosten, Transportkosten, Energiekosten von Bränden. Der Kunsthandwerker macht das schon."

© Evelyn Hesselmann

Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen: Keramik von Evelyn Hesselmann

Der Wert der Dinge

Vergleicht man angewandte Kunst wiederum mit anderen Gebrauchsgütern, fällt auf: Niemand rechnet den Preis eines Autos nach. Dabei werden dafür häufig sehr hohe Summen hingelegt, so Fahn: "Beim Auto weiß man eben oder sieht man eben dank der Marke, das ist ein teures Stück, damit hat man ein Aushängeschild, um anderen zu zeigen, was man sich leisten kann. Bei einem individuellen Stück weiß der andere nicht, was es wert ist. Damit ist das Aushängeschild weg."

Keine Frage: Der Kreis jener, die sich ein Objekt für über 2.500 Euro kaufen können, ist klein. Wir sprechen über Luxus. Und für Luxus wollen Menschen offenbar nur bezahlen, wenn er von anderen auch auf den ersten Blick wahrgenommen wird, ein zertifizierter Luxus, von Markennamen geadelt. Schmuck, Mode, Accessoires sind Zeichen einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit. Sie funktionieren aber nur, wenn die Zeichen verstanden werden. Wer sich mit einer einzigartigen Brosche auf einem schlichten Kleid zeigt, gehört einer Gruppe an, die mit Luxus nicht protzen will, sondern gut gemachte Dinge um ihrer selbst willen schätzt.

Die Ausstellung "Glanzstücke" ist noch bis zum 31. August im Bayerischen Kunstgewerbeverein in der Pacellistraße in München zu sehen.

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