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Gewinner in Cannes: Unterhaltung und hoher politischer Anspruch | BR24

© picture-alliance/dpa

Jury-Mitglieder Robin Campillo, Pawel Pawlikowski, Alice Rohrwacher, Enki Bilal, Alejandro Gonzalez Inarritu, Maimouna N'Diaye u.v.a.

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    Gewinner in Cannes: Unterhaltung und hoher politischer Anspruch

    Das 72. Filmfestival in Cannes ist gestern Abend zu Ende gegangen und der Gewinner-Film ist eine Überraschung. Gespräch mit ARD-Reporterin Anna Wollner über die Entscheidungen der Jury beim diesjährigen Festival

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    Es war die erste Goldene Palme für Südkorea für den Regisseur Bong Joon ho und seinen Film. Seine Reaktion: "Ich habe mit der Goldenen Palme nicht gerechnet. Als Jury-Präsident González Iñárritu mir sagte, dass die Jury einstimmig entschieden habe, war ich regelrecht geschockt." Joana Ortmann hat mit ARD-Reporterin Anna Wollner über die Entscheidungen der Jury in Cannes beim diesjährigen Festival gesprochen.

    Joana Ortmann: Gute Entscheidung, Anna Wollner in Cannes?

    Anna Wollner: Das war tatsächlich hier gestern Abend die Entscheidung, auf die alle gehofft haben. Der Film hat lange den Kritikerspiegel angeführt, ganz knapp ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Pedro Almodóvars "Leid und Herrlichkeit". Aber das er hier jetzt Bong Joon-ho gewonnen hat, das hat alle sehr, sehr zufrieden gestimmt. Denn das ist Unterhaltungskino und zwar sehr, sehr großes Unterhaltungskino - das ist ja erst mal für ein Filmfestival eher ungewöhnlich. Es ist ein wirklich wilder Genre-Mix aus Komödie, Drama, aus Thriller und aus Splatter, eine bittere und scharfzüngige Auseinandersetzung mit den Gesellschaftsstrukturen in Südkorea. Es geht um eine Familie aus armen Verhältnissen, die sich mit einem Trick und einer Fülle an Nebenjobs bei einer reichen Familie eingenistet hat, diese unterwandert und ganz, ganz langsam das ganze Haus übernimmt. Vom Titel her könnte man ja meinen, dass eben diese arme Familie die Parasiten sind. Aber wie Bongo hier mit Erwartungen spielt, bricht und überrascht, dass ist ganz, ganz großes Kino und in dem Fall hat die Jury vollkommen richtig gewählt.

    Der zweite wichtige Preis der Große Preis der Jury ging an eine noch relativ junge Frau - 37 Jahre alt: Mati Diop aus Frankreich mit dem Film "Atlantique". Auch das eine gute Wahl aus Ihrer Sicht?

    Ja, und auch ein Statement bzw. Jury-Präsident Iñárritu hat, bevor es um die Preise ging, immer wieder betont, dass es natürlich ein Festival der Veteranen war - aber eben auch ein Festival der neuen Stimmen. Und dass man hier Filme auszeichnen will, die bleiben werden, die etwas Bedeutendes zu sagen haben. Mati Diop ist auch die erste afrikanische bzw. schwarze Frau überhaupt, die im Wettbewerb in Cannes lief und die dann hier auch noch mit ihrem Langfilm-Debüt ausgezeichnet worden ist. Der Film ist ein sehr poetischer Kommentar auf die Flüchtlingskrise. Der hat fast schon etwas Märchenhaftes. Er spielt im Senegal. Junge Männer, die auf der Baustelle um ihren Lohn betrogen werden, die über den Atlantik den Weg nach Europa suchen, dort ankommen ertrinken, das Schlauchboot kentert. Aber anstatt jetzt den Weg der Gehenden nachzuzeichnen, bleibt sie bei den Daheimgebliebenen. Das sind die Frauen und denen erscheinen irgendwann die Geister der Toten. Und das ist wirklich eine Poesie, das hat eine Strahlkraft, das sind Bilder - auch wenn der Film in sich nicht ganz perfekt ist als Langfilm-Debüt - die wirklich hängen bleiben. Insofern ist diese Auszeichnung auch vollkommen gerechtfertigt.

    Das waren zwei Filme offenbar, bei denen sowohl Unterhaltung als auch ein hoher politischer Anspruch funktioniert. Das finde ich ja ganz spannende Frage: Kann dieses europäische Kino für sich auch immer diesen politischen Impetus behaupten? Das Festival von außen kritisiert man natürlich gerne. Wird das eingelöst, besonders an diesem Wochenende, dem Wochenende der Europawahl?

    Ja, auf jeden Fall. Das zeigt auch der Preis der Jury. Der ist nämlich in diesem Jahr zweigeteilt: Er geht an den brasilianischen Film "Bacurau" und an den französischen Film "Les misérables". Diese beiden Filme zeigen auch auf sehr eindrucksvolle, fast schon dystopische Art und Weise, was passieren kann. Das sind Szenarien zumindest bei "Bacurau", da wird auch wieder mit dem Genre gespielt: Das ist ein Western, aber auch ein Science-Fiction-Film, der in einem brasilianischen Dorf spielt - in der nahen Zukunft - abgeschieden. Dieses Dorf soll eigentlich dem Erdboden gleichgemacht werden, aber die letzten Dorfbewohner bleiben und werden zum Abschuss freigegeben für amerikanische reiche Touristen, die dort wirklich auf Jagd gehen - auf Menschenjagd. Das ist natürlich eine Parabel auf die brasilianischen Verhältnisse, genauso wie "Les misérables" von Ladj Ly, ein junger schwarzer Franzose, der selber in den Vororten von Paris groß geworden ist, Victor Hugo "Les misérables" in der Banlieue spielen lässt. Dieses Werk ist wie der Film auch an "Les misérables" angelehnt. Es geht um die Ausschreitungen bzw. um die Verhältnisse, die Machtverhältnisse zwischen der Polizei und den Bewohnern, die Jugend, die keine Lust mehr hat, sich unterdrücken zu lassen, und im wahrsten Sinne des Wortes auf die Barrikaden geht - hier auch ein Stimmungsbild und ein Seitenhieb gegen Macron.

    Mit diesem zweigeteilten Preis hat die Jury auch nochmal unterstrichen, wie politisch der Wettbewerb in diesem Jahr war - als Festival, das Filme auszeichnet, die die dringendsten Probleme angehen und zeigen. Das war ein Thema, das letzte Woche oft verhandelt wurde: die Rolle der Frauen beziehungsweise die Verteilung der Frauen. Mich hätte mal umgekehrt interessiert: Wie spiegelt sich denn die Krise der Männer, die ja das Pendant dazu ist, in den Filmen?

    Die Krise der Männer war eigentlich mehr oder weniger omnipräsent und eine Krise des Mannes ist gestern Abend auch mit dem Darsteller-Preis ausgezeichnet worden: nämlich Antonio Banderas für seine wirklich begnadete Darstellung in Pedro Almodóvars Film "Leid und Herrlichkeit". Ein Film, der wie viele Filme hier, sehr selbstreflexiv ist. Es ist eigentlich auch eine Auszeichnung für Almodóvar selbst, denn Banderas spielt so eine Art Alter Ego von ihm - einen alternden Regisseur mit Wehwehchen und Selbstzweifeln, der die Flucht in den Drogen sucht - purer Eskapismus- und damit auch in die eigene Vergangenheit abtaucht. Das sagt er im Film auch einmal selbst. Es ist so ein Film voller Eleganz und voller Wehmut. Diese Selbstreflexion, die immer wieder vorkommt, das Filmemachen an sich als heilender Prozess, getragen von diesem wunderbaren Schauspieler. Ein anderer Film über die Krise des Mannes in Hollywood von Quentin Tarantino, der ja hier die Stars mitgebracht hat - Leonardo DiCaprio und Brad Pitt. Auch dieser Film eine Hommage an das Hollywood der 60er und 70er Jahre, in dem es um einen Schauspieler geht, der keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt, um seine Karriere fürchtet und sich im Alkohol ertränkt . Sein Double, gespielt von Brad Pitt, an seiner Seite, versucht immer wieder, ihn da rauszuholen. Die ersten zwei Stunden fahren die eigentlich nur in schönen Autos durch. Also wirklich eine Hommage an diese Zeit und dann verbindet Tarantino das mit Sharon Tate und Roman Polanski. Ein Film, der auch für viele ein heißer Kandidat war, der am Ende bis auf eine kleine neben Auszeichnung am Rande leer ausgegangen ist.

    Was ja überhaupt ganz spannend ist: Aus ihrer Analyse höre ich heraus, dass eigentlich kein Hollywood-Gigant unter den Preisträgern ist. Das ist interessant zu sehen, quasi die gebrochene Macht von Hollywood eventuell. Da wären wir auch noch mal bei der Netflix-Debatte ...

    Die gebrochene Macht von Hollywood - es war ja so ein bisschen. Das hat man dem Wettbewerb, bevor er überhaupt stattfand, schon vorgeworfen. Es ist das Festival der weißen alten Männer, der großen bekannten Namen wie Almodóvar, wie Tarantino, wie Terrence Malick. Also wirklich Leute, die schon oft in Cannes waren, die Palmen bekommen haben. Es hat in diesem Jahr tatsächlich außer bei Tarantino und bei der Biografie über Elton John so richtig an Star Power gefehlt, was aber auch schön war, weil man sich einfach mal auf die Filme konzentrieren konnte. Natürlich ist hier immer Glanz und Glamour - der Teppich ist voll. Aber es haben diese großen Stars als Vehikel gefehlt und es gab natürlich immer wieder diese Netflix-Debatte. Netflix wurde verbannt vom Festival, nachdem es vor zwei Jahren mit im Wettbewerb lief, hat man sich nach diesen großen Protesten komplett gesperrt. Interessant ist jetzt aber, dass Netflix im Nachhinein natürlich zugeschlagen hat: Die haben eben Atlantique gekauft. "Les Misérables" wurde von Amazon gekauft. Jetzt im Nachgang kommen die Streaming-Dienste, nicht um den Wettbewerb leer zu kaufen, aber aufgreifen. Das ist natürlich auch ein Statement und das kann man natürlich nicht verhindern im Nachgang.