BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Gewaltig auf die Hörner genommen: "Samson und Dalila" in Berlin | BR24

© BR

Fruchtbarkeits-Tänze, Großkulissen und jede Menge Sandalen: Der argentinische Regisseur Damián Szifron zeigte Camille Saint-Saëns´ Bibel-Drama in Hollywoods Monumental-Optik der Fünfziger Jahre. Das nervte viele Zuschauer, aber es gab auch Beifall.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Gewaltig auf die Hörner genommen: "Samson und Dalila" in Berlin

Tempel-Tänze, Tiere und jede Menge Sandalen: Der argentinische Regisseur Damián Szifron zeigte Camille Saint-Saëns´ Bibel-Drama in Hollywoods Monumental-Optik der Fünfziger Jahre. Das nervte viele Zuschauer, aber es gab auch Beifall.

Per Mail sharen
Teilen

Jetzt wird´s wohl nicht mehr lange dauern, bis die Berliner Staatsoper in ihrem Shop Sandalen verhökert, die "Zehn Gebote" anpreist und zu jeder vollen Stunde Fruchtbarkeitstänze anbietet. Die Kulisse dafür steht jedenfalls schon, was fehlt, ist eigentlich nur die Bimmelbahn, wie bei jeder anständigen Studiotour: Der argentinische Regisseur Damián Szifron und sein Ausstatter Étienne Pluss zeigten das Bibeldrama "Samson und Dalila" von Camille Saint-Saëns ganz im Stil von Hollywoods Monumentalepen, bei denen ja regelmäßig Unmengen von Styropor die Sicht auf das Drehbuch verstellten.

Busenfreie Tempelhuren, Wachen mit Muckis

Auch in diesem Fall türmten sich auf der Bühne künstliche Felsengebirge und Tempelsäulen, am Himmel dräuten gewitterschwangere Wolken, in denen die Blitze zuckten. Gut, Charlton Heston war nicht wiederauferstanden, hatte aber so ziemlich alle härenen Gewänder geschickt, in denen er jemals vor der Kamera stand. Keine Ahnung, was die auf Kreta ansässigen alten Minoer verbrochen haben, aber ihre Kultur musste wieder mal herhalten für jede Menge Sado-Maso-Szenen und heidnischen Schabernack aller Art: So fehlte nicht der obligatorische Tanz der busenfreien Tempelhuren um ein riesiges Stierhorn, nicht die Szene im Folterkeller mit einer gut bestückten Wachmannschaft, die ihre Muckis vorführte und nicht die Einlage für drei Stuntmen, die sich von einem Turm in den Tod stürzten.

© Matthias Baus/Staatsoper Unter den Linden

Charlton Heston kam nicht wieder

Und ja, auch Tiere durften mitspielen: Der Schäferhund wirkte allerdings fehlbesetzt und etwas desorientiert, dafür war der Stier glaubwürdig, aber der war auch tot. Stellt sich die Frage: War das alles Absicht oder Satire? Damián Szifron bekam für seinen Episodenfilm "Wild Tales" vor ein paar Jahren (2014) immerhin einen Auslands-Oscar, und im Programmheft war zu lesen, dass er sich die Arbeit an dieser Oper tatsächlich vorstellte wie einen "Filmdreh ohne Kamera".

Bis hinter den Ural beliebt

Das ist ihm zweifellos gelungen, sehr zum Vergnügen von ein paar Zuschauern, die wohl schon immer der Meinung waren, dass Sänger in Sandalen besser wirken als in Gummistiefeln. Mit dieser Inszenierung könnte die Berliner Staatsoper ohne Weiteres auf Tournee gehen bis weit hinter den Ural, dort wird Oper in diesem Stil nach wie vor geschätzt.

© Matthias Baus/Staatsoper Unter den Linden

Die Philister greifen durch

In Berlin freilich gab es ein wütendes Buhgewitter, was Damián Szifron wohl etwas peinlich war, nicht jedoch seinem Gönner und Landsmann Daniel Barenboim, der ihn zum Schlussapplaus und Proteststurm demonstrativ bei der Hand nahm und ihre beiden Arme trotzig in die Höhe reckte. Dabei war natürlich nicht die Ausstattung an sich das Problem, warum soll "Samson und Dalila" nicht mal im Retro-Look der fünfziger Jahre gezeigt werden? Kann ja witzig sein, anklagend, satirisch, ätzend, war aber leider nur bizarr. An keiner Stelle wurde deutlich, was das Regieteam damit sagen wollte: Filmplakate von Hollywoods größenwahnsinnigem Cecil B. DeMille waren im Programmheft abgedruckt, ein Mann, der erstmals echte Löwen einsetzte, aber um Tierquälerei ging es wohl nicht.

© Matthias Baus/Staatsoper Unter den Linden

Sado-Maso mit gut bestückten Kerlen

Michael Volle am meisten bejubelt

So bleibt von diesem aberwitzigen Abend in der Berliner Staatsoper vor allem die Erinnerung an eine musikalische Großtat. Daniel Barenboim kam gut zurecht mit dieser heroischen französischen Oper von 1877. Das ungebrochene Pathos kann sonst schnell flach oder langatmig werden, diese französische Eigenart findet jedenfalls beim deutschen Publikum selten Zuspruch, aber in diesem Fall stimmte der Sound, der zwar opulent, aber nie hohl und lärmig war. Auch das Tempo wirkte diesmal keinesfalls zu breit oder gar schleppend. Unter den Solisten bekam Michael Volle als heidnischer Oberpriester den größten Beifall. Er sang kraftvoll und lässig zugleich, als ob er es nicht wirklich nötig hatte, sich mit Lautstärke Respekt zu verschaffen.

© Matthias Baus/Staatsoper Unter den Linden

Stuntmen und Marmorsäulen

Die lettische Mezzosopranistin Elīna Garanča war stimmlich von schneidender Präsenz, aber als Dalila leider schauspielerisch auch arg unterkühlt. Der amerikanische Tenor Brandon Jovanovich als Samson war in der Tat das Kraftpaket, das diese Rolle stimmlich und szenisch erfordert. Melodische Schönheit ist da weniger gefragt als der unbedingte Wille, an die Grenzen zu gehen. Insofern war er absolut glaubwürdig, als er zum Finale die Marmorsäulen zum Einsturz brachte. Viele befremdete Gesichter unter den Zuschauern über diese Produktion - wahrscheinlich alles Leute, die fest davon überzeugt waren, dass "Quo Vadis" und "Ben Hur" nicht mehr zu toppen wären. Eben!

Wieder am 27. und 30. November, sowie 3. und 7. Dezember 2020 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, weitere Termine. Am 3. und 7. Dezember dirigiert Thomas Guggeis.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!