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Weder Mann noch Frau, sondern "divers" | BR24

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Norman Anja Schmidt

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Weder Mann noch Frau, sondern "divers"

Jahrzehntelang hatte Norman Anja Schmidt das Gefühl, ein Geheimnis für sich behalten zu müssen: Schmidt fühlte sich weder männlich noch weiblich. Heute steht in der Geburtsurkunde bei Geschlecht "divers".

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Norman Anja Schmidt holt im Januar 2019 eine neue Geburtsurkunde ab. Es ist die erste in Nürnberg, auf der bei Geschlecht "divers" vermerkt ist. Seit Ende 2018 können Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen, das so im Geburtenregister eintragen lassen.

Nicht schwul, einfach anders

Als Norman Anja Schmidt Teenager ist, ahnen weder Eltern noch die Mitschüler, welche inneren Kämpfe in dem Buben stattfinden. "Etwa in der sechsten, siebten Klasse", sagt Norman Anja Schmidt, "habe ich gemerkt, dass sich bei mir das Kucken nach Mädchen oder Ähnlichem nicht so entwickelt hat. Und dass ich auch nicht die Jungsrolle spielen wollte."

Norman Anja Schmidt spürt aber auch, dass er nicht schwul ist, fühlt sich genauso wenig zu Jungs hingezogen wie zu Mädchen: "Ich wollte diese ganzen Geschlechterrollensachen, das wollte ich nicht mitmachen. Das hat mich nicht interessiert."

Sprachregelungen: "Er", "sie" oder "es"?

Norman Anja Schmidt studiert Chemie, geht gerne ins Kino und entdeckt Filme mit Transgenderthemen. Es eröffnen sich neue Horizonte. Im Film sieht er: Es gibt mehr als nur Mann und Frau, es gibt etwas dazwischen und auch daneben und es geht anderen ähnlich wie ihm: "Und das war für mich eine neue Möglichkeit, mich anders verorten zu können."

Aus dem Chemiker Norman wird schließlich Norman Anja. Der zweite Vorname stammt von einer Freundin, die binäre Geschlechterordnung ist nun aufgebrochen. Ein Problem aber bleibt: Wie soll man "diverse" Menschen ansprechen? "Herr" geht genauso wenig wie "Frau". Norman Anja Schmidt sieht das pragmatisch: "Ich empfehle den Leuten einfach dann, den vollen Namen zu sagen. Guten Tag, Norman Anja Schmidt, zum Beispiel, wenn es sein muss. Oder ich bin auch unempfindlich, wenn nur die Vornamen genannt werden." Schwieriger wird es bei "er" oder "sie". "Es" empfinden viele Betroffene als diskriminierend. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel "sier".

Wie viele sind betroffen?

Gegenwind kommt da vom "Verein Deutsche Sprache". Der wehrt sich gegen den so genannten "Gender-Unfug". Auch Schriftsteller und Uni-Professoren rufen zum Widerstand auf. Norman Anja Schmidt sagt: "Menschen wie ich brauchen einerseits eine sprachliche Repräsentationsmöglichkeit, andererseits soll auch niemand dazu gezwungen werden, seine Sprache, seine Gewohnheiten allzu sehr zu verändern." Eine sachliche Debatte sei angebracht, Aufrufe wie "Schluss mit Genderunfug" würden dazu jedenfalls nicht beitragen.

Was zu Sachlichkeit in der Debatte beitragen könnte: Ein nüchterner Blick in die Zahlen: Hochrechnungen gehen davon aus, dass sich kaum mehr als 1.000 Menschen in Deutschland keiner Geschlechterkategorie zuordnen. Selbst die, die medizinisch mit zwei Geschlechtsmerkmalen geboren werden, fühlen sich meistens trotzdem eindeutig einem Geschlecht zugehörig. Seit Ende 2018 haben schätzungsweise 150 Menschen in Deutschland ihr Geschlecht umtragen lassen. Auch wenn sie damit nur zu einer kleinen Minderheit gehören: Sich nun offiziell als "divers" bezeichnen zu können, ist für Betroffene wie Norman Anja Schmidt enorm wichtig: "Jetzt habe ich offiziell die Geschlechtskategorie "männlich" hinter mir gelassen und bin jetzt da angekommen, wo ich mich seit über 30 Jahren verorte, nämlich nicht als männlich und auch nicht als weiblich."

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Grafik 3. Geschlecht