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Veit Stoß: Raphael und Tobias
© Germanisches Nationalmuseum

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© Germanisches Nationalmuseum

Veit Stoß: Raphael und Tobias

Der buchstäblich erhellende Raum dieser spätmittelalterlichen Sonderausstellung ist ausgerechnet sehr zeitgenössisch. Er befindet sich ganz am Schluss der nicht wirklich großen Schau. Es ist ein Raum, der, hätte man sich noch etwas mehr Mühe gegeben, beinahe wirken könnte wie einer der Lichtorte des amerikanischen Raum-Licht-Künstlers James Turrell. Hier dominiert Leere, Abstraktion. Ein klassischer White Cube beinahe, blendend hell, in der Mitte ein Rondell, auf das der Besucher sich setzen und räsonieren kann über seine eigenen Vorstellungen von Wirklichkeit, Ideal, Lebensweg und Sinn, vielleicht sogar vom „Paradies“, kurz ein Freiraum des Denkens.

Akustisch bespielt wird der Raum bisweilen mit theologischen Texten, Paradiesvorstellungen im Islam, Buddhismus oder Christentum, zudem Einspielungen, wie sich Kinder heute das Paradies vorstellen, blau vielleicht oder mit sehr viel Zuckerwatte, nicht ganz konkret jedenfalls.

Das Germanische Nationalmuseum zeigt seine Bestände

Die aktuelle Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum „Helden, Märtyrer, Heilige, Wege ins Paradies“ ist mit rund fünfzig Exponaten aus dem 13. bis 15. Jahrhundert allein aus den Beständen der Skulpturen- und Gemäldesammlung sowie den reichen Depots des Hauses komponiert. Dabei ist die Schau eigentlich eher einer Notlösung geschuldet. Denn die spätmittelalterliche Abteilung des Museums wird in den kommenden zwei Jahren einer Sanierung unterzogen. Das Museum wollte jedoch die „Highlights“ mit den Arbeiten bedeutender Künstler wie Veit Stoß, Tilmann Riemenschneider oder Stefan Lochner einer Öffentlichkeit für eine so lange Zeitspanne nicht vorenthalten. Daher erfand man ein Konzept, das allerdings weniger kunsthistorisch oder stilkritisch ausgerichtet ist, sondern das die Vorstellungswelt des mittelalterlichen Menschen ganz allgemein näher bringen will.

Sechs enge, kabinettartige Räume erwarten den Besucher in farblicher Differenzierung, düster trotz der Wandgestaltung in Rot, Blau und Orangegold. Ein großes Kapitel ist gewidmet der Figur Christi und seiner Heiligenreise, denn er gilt im späten Mittelalter als der Erlöser, der Held schlechthin. Den Prolog der Ausstellung bildet leitmotivisch die übermächtig wirkende Rosenkranztafel aus der Werkstatt des Veit Stoß. In zahllosen Einzelszenen wird das christliche Heilsgeschehen von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht erzählt, eine Relieffolge, die aus Sicht des Spätmittelalters die Heldenreise der gesamten Menschheit abbildete.

Nur, wer sein Leben mitfühlend und als Wohltäter gestaltete, konnte wieder ins Paradies zurückkehren. In wahren Bilderfluten begegneten den Menschen der Zeit in den Kirchen Motive wie die Heilige Elisabeth, die ihr Vermögen an die Armen verteilte. Bilder als Vorbilder für die eigene Existenz. Verinnerlichung, Nachahmung der Heiligengeschichten sollte auch den eigenen Weg zurück ins Paradies und in die Unsterblichkeit öffnen. Nicht alle Werke der Ausstellung sind dabei absolut hochkarätig. Sogar Veit Stoß‘ etwas bacchushafter Märtyrer, der Heilige Veit im Ölkessel wirkt eher ein wenig drollig als märtyrerhaft tragisch. Daneben finden sich Arbeiten vieler namenloser Künstler des ausgehenden Mittelalters.

Es fehlt der interreligiöse Dialog

Weshalb dieses Ausstellungsexperiment nicht wirklich funktioniert, könnte auch daran liegen, dass man sich mit den einzelnen Exponaten gar nicht unbedingt identifizieren kann noch soll, eben weil alles einer übergeordneten Erzählung unterworfen ist. Auch, weil für einen interreligiösen Dialog, den das Museum doch ausdrücklich suchte, unbedingt Exponate aus anderen Kulturkreisen notwendig gewesen wären. Wer die zwanzig Quadratmeter große Tafel mit Heldencollagen am Eingang der Ausstellung betrachtet, die ins 21. Jahrhundert führt, die Batmans und Avatare sieht, mag sich fragen, wie Pflegekräfte oder Flüchtlingshelferinnen heute reagieren würden, böte man ihnen die Begriffe Held, Märtyrer oder Heilige an. Vermutlich würden sie sie als antiquiert zurückweisen.