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"Ich stelle mir das Museum als lebendigen Ort vor" | BR24

© dpa-Bildfunk/Dirk Messberger

Daniel Hess

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"Ich stelle mir das Museum als lebendigen Ort vor"

Was heißt eigentlich heute noch Nationalkultur? Und wie verändert die Globalisierung unseren Blick auf die Kunstgeschichte? Daniel Hess, neuer Leiter des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, will sein Haus für gesellschaftliche Debatten öffnen.

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Das klingt nach Kontinuität: Der 55-jährige Kunsthistoriker Daniel Hess arbeitet bereits seit über zwei Jahrzehnten am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Die letzten zehn Jahre davon als Mitglied der Generaldirektion und Stellvertreter des Generaldirektors Ulrich Großmann, der nun in den Ruhestand gegangen ist. Ab heute ist Hess nun sein Nachfolger, Christoph Leibold hat mit Daniel Hess gesprochen.

Christoph Leibold: Sie sind mit Ihrer Vorgeschichte quasi die logische Wahl. Welche Vorteile hat es denn, den Posten eines Generaldirektors an so einem bedeutenden Haus anzutreten, wenn man den Laden in- und auswendig kennt? Und vielleicht auch: Welche Nachteile, weil man ja nicht mit dem unvoreingenommenen Blick an das Ganze herangeht?

Daniel Hess: Die Vorteile sind natürlich, das Haus zu kennen, also bei ganz vielen Entwicklungen mit beteiligt gewesen zu sein. Die Nachteile sind wahrscheinlich für die gesamte Belegschaft, sich neu einzustellen. Ich habe mir eine Hausberufung leichter vorgestellt.

Also, es ist wirklich nicht so einfach, da ganz unverbraucht dranzugehen?

Für mich schon. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, ich habe vor Veränderung und Bewegung keine Angst, aber ich glaube, für das gesamte System ist es schwieriger, weil man ja nicht so genau weiß: Was passiert jetzt da? Bleibt das so? Manchmal ist ja auch die Angst da, dass zu viel Kontinuität dann in Starre ausartet. Wo geht die Veränderung hin? Aber ich stelle mir vor, wenn es jemand von außen wäre, wäre das wahrscheinlich noch viel unwägbarer.

Und von neuen Leitern werden ja auch meistens Neuerungen erwartet. Jetzt waren Sie schon in leitender Position am Germanischen Nationalmuseum tätig, da könnte man denken, Sie haben vielleicht schon alles umsetzen können, was Sie wollten. Oder gibt es Dinge, die Sie jetzt erst in Angriff nehmen können, wo Sie wirklich der Chef sind?

Es gibt Dinge, die auf Kontinuität angelegt sind. Wir sind ein großes schweres Schiff – ich mag den Begriff "Tanker" nicht, denn Tanker transportieren Gefahrengüter – ein solches Schiff steuert man nicht innerhalb von zwei, drei Jahren neu aus. Wir haben mit den Neueinrichtungen der letzten Jahre, der neuen Dauerausstellung, auch ein neues Konzept der Kulturgeschichte entwickelt, das es weiter zu perfektionieren gilt. Und es gilt vor allen Dingen, die Rolle des Museums in der Gesellschaft neu zu erproben. Die Gesellschaft ändert sich gerade dramatisch, mit der Digitalisierung, mit neuen Fragen, ob das Gender ist, ob das Globalisierung ist oder die Frage: Gibt es noch eine eurozentristische Kulturgeschichte? Da bringe ich sicher genügend Neugierde mit, auch als jemand, der aus dem Laden kommt, um neue Experimente zu wagen.

Wenn Sie fragen "Eurozentrismus, geht das heute noch so, vom Geschichtsbild her?", dann klingt darin schon an, dass es nicht mehr geht, oder?

Wir heißen "Germanisches Nationalmuseum", das klingt zunächst etwas merkwürdig. 1852 war das nichts Merkwürdiges. Das war dem Begriff der "Germanistik" geschuldet, also der deutschen Sprachwissenschaft, und als solches muss das Germanische Nationalmuseum auch heute noch verstanden werden: als nationales europäisches Museum. Die Sprache bildet die kulturelle Klammer. Wir hatten ja die Buchmesse vor einigen Jahren, da ging es um französische Literatur, nicht um Literatur in Frankreich. Und wenn wir mit den nächsten zwei großen Ausstellungen den Blick über die nationalen Grenzen erst einmal auf den europäischen deutschen Sprachraum richten, sind das neue Ansätze. Darüber hinaus wird an einem Objekt wie dem ältesten Globus der Welt von 1492, der bei uns steht, darüber nachzudenken sein, wie man sprachlich damit umgeht: Ist Amerika damals "entdeckt" worden? Nein, natürlich nicht, Amerika gab es schon. Da bin ich sehr gespannt, wie wir damit umgehen.

© dpa - Report

"Behaim-Globus" von Martin Behaim im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Vom Wort "Museum" leitet sich das Adjektiv "museal" ab. Da denken viele an Wörter wie "verstaubt" oder "dröge" als Synonyme, ob zu Recht oder Unrecht sei dahingestellt. Aber der Wunsch nach belebten, "lebendigen" Museen ist immer da. Welche Ideen bringen Sie da mit?

Das Angebot ist ja mittlerweile sehr groß, vor allen Dingen durch die digitalen Möglichkeiten. Ich bin immer wieder überrascht, dass Menschen dann die Frage stellen: Habt ihr eine iPad-Führung? Wir reden eigentlich immer über die Mittel und Medien, über die wir Informationen transportieren. Ich glaube aber, entscheidend wird sein, Geschichten zu erzählen – ob ich sie dann digital vermittle über eine iPad-Führung oder mit einer Personalführung mache, das ist die zweite Frage.

Also die Inhalte müssen die Leute heute ansprechen?

Genau, die Inhalte, die wissenschaftlich seriös sein sollen – was für uns als Forschungsmuseum natürlich eine Voraussetzung ist – aber die auch begeistern dürfen. Es darf auch emotional zugehen in einem Museum, das ist wie in der Kirche, wo alle immer sofort still werden. Ich stelle mir das Museum aber als lebendigeren Ort vor, wo auch Studentengruppen in den Sammlungen arbeiten. Dass man wirklich sieht, da findet eine aktive Beschäftigung mit der Frage statt, woher wir kommen. Wenn wir uns damit nicht beschäftigen, wissen wir auch nicht, wo wir hingehen.

Wie viel Autorität braucht denn so ein – Sie mögen das Wort "Tanker" nicht, aber ich verwende es trotzdem – so ein Riesen-Museumstanker wie das Germanische Nationalmuseum in der Führung?

Ich glaube, es braucht jemanden, der eine Vorstellung, eine Richtung vorgibt. Ich habe die Hoffnung, dass es gelingt, wie ein Orchesterdirigent das Museum zu führen. Der Dirigent macht nicht die Musik, aber er muss ein leidenschaftliches Orchester hinter sich bringen, mit dem er sich gemeinsame Ziele vornimmt. Das würde mir vorschweben, als Prozess. Ich komme aus der Schweiz, ich kenne die direkte Demokratie: Demokratie heißt Mitverantwortung, gemeinsam einen Weg zu finden, sich gemeinsame über Ziele klar zu werden. Dieses Gemeinsame wäre für mich ein Ziel. Aber es braucht, da bin ich mir sicher, auch jemanden, der – "Vision" klingt etwas hochtrabend, aber der eine Richtung vorgibt…

Dann wäre es doch der Kapitän?

Ja, genau.

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