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Welcher Lohn ist gerecht?
© Bilder: dpa/ Peter Endig, Henning Hattendorf, Chromorange, Montage: BR

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Christoph Fleischmann
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Welcher Lohn ist gerecht?

Sie ist vermutlich so alt, wie die Menschheit selbst: die Frage nach der Gerechtigkeit. Schon im 4. Jahrhundert vor Christus machte sich Aristoteles Gedanken über Gerechtigkeit: Sich auf Kosten anderer mehr zu verschaffen, als einem zusteht – für Aristoteles war diese Haltung der Kern der Ungerechtigkeit.

Auch die Babylonier kannten das Problem, dass der Stärkere – auf Kosten des Schwächeren – mehr für sich herausholen wollte. Dagegen gab es das Recht, das Gerechtigkeit herstellen sollte: Den Codex Hammurapi, eine Sammlung babylonischer Rechtssprüche aus dem 18. Jahrhundert vor Christus. Dieser Rechtekatalog nimmt den König in die Pflicht, Gerechtigkeit unter den Bürgern herzustellen. So zumindest die Idealvorstellung.

Schuldenerlass in der Tora

Die Tora, also der jüdischen heiligen Schrift, steht für eine Gesetzgebung, die für einen Ausgleich zwischen Armen und Reichen sorgen soll. So enthält die jüdische Tora viele Gesetze, die einer Scherenentwicklung in Arm und Reich entgegenwirken sollen. Regelmäßiger Schuldenerlass, die Freilassung von Schuldsklaven nach einer bestimmten Zeit, Einschränkungen des Pfandnehmens.

Dahinter stand die Vorstellung, dass das Land, das Hauptproduktionsmittel in einer agrarischen Gesellschaft, ursprünglich gleichmäßig an alle Stämme Israels verteilt worden sei. Das Gesetz garantiert keine Gleichheit, aber eine Angleichung an den vermeintlich ursprünglichen Zustand. Der Verschuldete soll zu neuem Besitz und neuen Möglichkeiten kommen.

Tauschgerechtigkeit im Mittelalter

Das Mittelalter erbte die christliche Tradition, dass Gott die Erde allen Menschen gegeben habe, damit sie versorgt seien. Es galt die iustitia commutativa, die Tauschgerechtigkeit: Nach Möglichkeit sollte Gleiches gegen Gleiches getauscht werden.

Den Theologen und Juristen des Mittelalters war klar, dass es keinen exakt bestimmbaren Wert einer Sache gibt. Aber gerechte Preise wurden nach Möglichkeit ermittelt und Preise für Grundnahrungsmittel festgelegt.

Diese Preisfestlegung bei Grundnahrungsmitteln hatte das Ziel, dass alle genug zu essen hatten, aber auch die Bäcker, Brauer und Metzger leben konnten.

Außerdem sollte mit dem Ideal des gerechten Preises verhindert werden, dass Notlagen ausgenutzt wurden: Bei Hungersnöten sollten die, die Korn gespeichert hatten, es zum gerechten, also normalen, Preis abgeben und nicht möglichst viel Profit aus der Not der Mitmenschen schlagen.

16. und 17. Jahrhundert: Der Markt macht den Preis

Mit den Spätscholastikern des 16. und 17. Jahrhunderts ändert sich die Vorstellung von Gerechtigkeit. "Dem der freiwillig zustimmt, geschieht kein Unrecht" wird zu einer wichtigen Maxime.

Eigentum und freier Wille sind nun entscheidend, nicht mehr die Gleichwertigkeit der ausgetauschten Güter. Gerechtigkeit bedeutet nun, sich an die freiwillige Zustimmung zu einem Geschäft auch zu halten: Nach dem Motto "Pacta sunt servanda", also Verträge sind einzuhalten.

"Da tritt eine sehr starke Verschiebung ein: Da ist der gerechte Preis ein Richtwert, auf den man hinzielen sollte, um gut zu handeln. Aber wenn man ihn verfehlt und beide Geschäftspartner damit glücklich sind, spricht nichts dagegen." Stefan Schweighöfer, Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph an der Universität Frankfurt

Mindestlohn – Grüße aus dem Mittelalter

Das Problem: In vielen Geschäften auf dem Markt stimmt der Schwächere nur formal freiwillig zu, faktisch gehorcht er der Not, wenn er lebenswichtige Güter braucht: Essen oder einen Arbeitsplatz. Das war früher schon so und ist es heute immer noch. Ist das wirklich gerecht?

Schon Karl Marx kritisierte das kapitalistische System als ungerecht. Wenn er das Lohnarbeitsverhältnis als Ausbeutung beschrieb, transportierte diese Beschreibung auch eine Gerechtigkeitswertung: Der Arbeiter werde per Arbeitsvertrag gezwungen mehr zu arbeiten als nur so viel, wofür er auch entlohnt werde. Ein ungleicher Tausch, würde Aristoteles sagen.

Heute gibt es sie wieder: Politische Preisregulierungen und Mindestlöhne. Die Rückkehr nur scheinbar vergangener Maßnahmen:

"Mindestlohnforderung, das ist eine mittelalterliche Haltung, die wir einnehmen. Nachdem wir ja eine Phase der absolut liberalistischen Betrachtungsweise hatten, kommen wir jetzt eigentlich auf die traditionelle Wirtschaftsethik des Mittelalters zurück. Höchstpreise, Mindestlöhne oder auch Höchstlöhne werden wieder festgelegt, unter der Maßgabe des Gemeinwohls." Eberhard Isenmann, Mittelalter-Historiker

Damals wie heute gibt es keine feste Definition von Gerechtigkeit, vielmehr ein moralisches Empfinden darüber, was als gerecht und ungerecht angesehen wird.