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November 1918: Deutsche Kriegsgefangene bessern Straßen aus
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Autoren

Peter Jungblut
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November 1918: Deutsche Kriegsgefangene bessern Straßen aus

Wozu sich aufregen? So düster, wie Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ von 1918 hat es die Geschichte doch gar nicht mit uns gemeint, schließlich ist Deutschland mindestens so stark aus diesem blutigen 20. Jahrhundert rausgekommen, wie es reingegangen ist, wenn auch nicht ganz so groß. Dazwischen freilich verlor es zwei Weltkriege, lag in Trümmern, war mehrfach besetzt und vierzig Jahre geteilt. Selber schuld, hieß es lange unter Historikern, hätte Deutschland halt auf den „Griff nach der Weltmacht“ verzichtet und nicht den Ersten Weltkrieg losgetreten, nicht mit dem Vertrag von Versailles gehadert, nicht auf Rache gesonnen, alles wäre anders gekommen.

Beifall von der falschen Seite

Ja, es hätte alles anders kommen können, sagen jetzt Geschichtswissenschaftler wie Gerd Krumeich, müssen sich dafür aber bei Kollegen rechtfertigen: "Irgendwie treibt mich das Thema seit zwanzig Jahren um. Aber jetzt hatte ich mal das Bedürfnis, mit meinen 72 Jahren, alles einfach mal so kohärent zusammenzufassen, wie ich es kann, damit ich mit der ganzen Geschichte klar komme. Meine französischen und britischen Freunde haben damit überhaupt kein Problem. Probleme machen nur die Deutschen, die sagen, mein Gott, wo führt das politisch hin, wenn man solche Sachen denkt und sagt! Du kriegst ja Beifall von der falschen Seite. Stimmt, kriegt man auch, aber das ist eben die Gefahr unseres Geschäfts."

Theresa May ehrt im belgischen Mons Gefallene des Ersten Weltkriegs

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Noch "drei, vier, fünf Monate durchhalten"?

„Die unbewältigte Niederlage“ hat Gerd Krumeich sein aufsehenerregendes und umstrittenes Buch genannt. Unbewältigt war ja tatsächlich Vieles, das Ende des Kaiserreichs, der Vertrag von Versailles, die berüchtigte Dolchstoßlegende, wonach die militärisch unbesiegten deutschen Soldaten von der Heimatfront gemeuchelt wurden: "Ich bin der Meinung, dass dieser Krieg auf keinen Fall mehr zu gewinnen war, um Himmels Willen! Es ging um eventuelles Aushalten von drei, vier, fünf Monaten. Man kämpft unter Historikern heute darum, wie kaputt die damals waren. Ich sage, die waren sehr kaputt, doch kein Mensch kann in einem solchen Krieg und bei einer Frontlinie von 700 Kilometern sagen, jetzt ist Schluss. Es hat doch keine Entscheidungsschlacht gegeben! An der einen Stelle bricht die Front ein, an der anderen hält sie noch. Die Lage war nicht so, dass sie unentschieden war. Deutschland wird den Krieg verlieren, aber vielleicht kann man noch drei, vier Monate durchhalten, um gute Friedensbedingungen zu erringen. Das ist die Fragestellung, die damals herrschte, auf der militärischen und zivilen Seite."

Hitlers Triumph: Der Eisenbahnwagen von Compiègne 1941 in Berlin

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"Nicht gerade das Gefühl, verloren zu haben"

Diese Frage stellte sich vor allem für das letzte Kabinett des Kaiserreichs, für den Reichskanzler Max von Baden. Hat er falsch entschieden, hätte das deutsche Heer durchhalten können oder gar müssen? Der Historiker Holger Afflerbach, der im britischen Leeds lehrt, ist mehr als skeptisch: "Deutschland konnte militärisch nicht gewinnen, das hat das Jahr 1918 gezeigt. Verhandlungsfrieden war auch nicht möglich, zumindest keiner, wie ihn die deutsche Öffentlichkeit wollte. Also war Deutschland eigentlich um die Jahreswende 1917/18 schon verloren, auf fast schon tragische Art und Weise. Wenn man einen Weltkrieg vier Jahre durchsteht, und den größten und zahlenmäßig bedeutendsten Gegner schlägt und einen zweiten praktisch kampfunfähig macht, nämlich die Italiener, dann hat man ja nicht gerade das Gefühl, verloren zu haben."

"Russland wäre der Kommunismus erspart geblieben"

Für Holger Afflerbach steht fest: Erst die lange Dauer des Krieges, die Unfähigkeit aller Beteiligten, einen Waffenstillstand zu erreichen, hat die nachfolgenden politischen Katastrophen ermöglicht. Und daran seien auch die späteren Siegermächte England und Frankreich schuld: "Hätten die Alliierten diese zahllosen Friedensmöglichkeiten, die es gegeben hat 1917, hätten sie die wahrgenommen, als Russland noch eine Demokratie war und bevor die Kommunisten gekommen sind, stellen Sie sich mal vor, wie dann die europäische Geschichte weiter verlaufen wäre! Dann wäre Russland der Kommunismus erspart geblieben."

Der französische Präsident Emmanuel Macron ehrt Gefallene

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"Einfach nicht unterschreiben" – eine Möglichkeit?

Holger Afflerbach, der mit seinem Buch „Auf Messers Schneide“ ebenfalls heftige Kritik aushalten musste, weil er ein militärisches „Unentschieden“ im Ersten Weltkrieg nicht für vollkommen abwegig hält, ist überzeugt, dass die Deutschen Ende 1918 anders als 1917 keine Wahlmöglichkeiten mehr hatten. Gerd Krumeich sieht das im Hinblick auf den Vertrag von Versailles anders: "Die Alternative wäre gewesen, nicht zu unterschreiben, einfach nicht zu unterschreiben und warten, was passiert. Wer weiß denn, ob die französischen Soldaten noch marschieren, nach diesen viereinhalb Jahren, angesichts eines kommenden Friedens, noch mal massiv in Deutschland einmarschieren. Wer weiß das? Und wenn sie Deutschland zerstückeln? Wir werden es wiederaufbauen! Aber nicht unterschreiben!"

Eine pure Illusion, meint Afflerbach: "Genau das haben die Russen in den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk versucht. Die deutschen Bedingungen wurden als zu 'drückend' angesehen, und dann hat Trotzki gesagt, das unterschreiben wir nicht, stattdessen erklären wir weder Sieg, noch Frieden, wir gehen nach Hause. Dann auf deutscher Seite allgemeines Staunen! Und im zweiten Moment hat man gesagt, so, wenn die Russen nicht fair verhandeln, dann rücken wir einfach vor. Sie sind tief nach Russland eingedrungen und dann haben die Russen eine zweite, verschärfte Version dieses Friedens doch noch unterzeichnen müssen."

Belebend für die historische Debatte

Ist es politisch gefährlich, abermals die Dolchstoßlegende auf den Prüfstand zu stellen, womöglich ein Körnchen oder auch ein Korn Wahrheit darin zu entdecken? Mag sein, aber es ist auch belebend für die historische Debatte und beweist, dass die Geschichte immer wieder neu gedeutet werden kann, ja muss. Holger Afflerbach und Gerd Krumeich haben sich jeweils in eigener Art und Weise über sogenannte „herrschende Meinungen“ hinweggesetzt.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide: Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor, C.H. Beck-Verlag 2018, 29,90 Euro.

Gerd Krumeich: Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik, Herder-Verlag 2018, 25,00 Euro.

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Peter Jungblut

Sendung

kulturWelt vom 09.11.2018 - 08:30 Uhr