Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Warum der Georg-Büchner-Preis für Lukas Bärfuss gut passt | BR24

© Bayern 2

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss hat einiges gemein mit Georg Büchner: das nervöse Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall etwa. Ein Porträt des neuen Preisträgers.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum der Georg-Büchner-Preis für Lukas Bärfuss gut passt

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss hat einiges gemein mit Georg Büchner: das nervöse Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall etwa. Ein Porträt des neuen Preisträgers.

Per Mail sharen
Teilen

Georg Büchner ist in Zürich gestorben, und er war zuvörderst Dramatiker. Der 47-jährige Lukas Bärfuss lebt in Zürich und er ist in erster Linie Theaterautor, obwohl auch einige Prosa-Werke von ihm vorliegen. Unter anderem der Essayband "Stil und Moral", in dem der Schweizer über den Namenspatron jener Auszeichnung, die ihm nun zuerkannt worden ist, schreibt, Georg Büchner habe "einige der beunruhigendsten Texte der deutschen Literatur hinterlassen" und die Lektüre dieses Dichters habe in seinem "Leseleben" "Entwicklungssprünge" ausgelöst, "mit denen sich von einer Sekunde auf die nächste meine Sicht auf die Welt veränderte".

Bärfuss' nervöses politisches Krisenbewusstsein

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat somit eine kluge Entscheidung gefällt. Sie würdigt einen Autor, der so wie Georg Büchner auch als "politischer Pamphletist" auftritt, der vor allem aber in seinen Stücken immer wieder ein großes Gespür für Themen unserer Gegenwart bewiesen hat. Es sind Dramen, in denen, so die Darmstädter Begründung, "sich ein nervöses politisches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall" miteinander verbinden.

"Ja, das ist wahrscheinlich schon so, obwohl es da kein Programm gibt. Ich bin eigentlich nicht an mein Werk oder die einzelnen Werke herangegangen mit diesem Auftrag. Mich hat immer interessiert: Was geschieht, wenn verschiedene Dinge aufeinandertreffen, die sich nicht so gut vertragen. Wenn der Einzelne auf die Gesellschaft trifft, wenn die Sehnsüchte auf die Realitäten treffen, was da genau passiert in diesen Übergängen, und das hat natürlich sehr viel zu tun mit der Gegenwart. Natürlich muss ich den Stoff aus der Gegenwart nehmen, denn ich habe nur in meiner Gegenwart meine Erfahrungen gemacht", sagt Bärfuss.

"Die Literatur muss unbedingt etwas von diesem Widerständigen behalten"

Erfolge feierte Lukas Bärfuss mit Stücken wie "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern", "Der Bus", und "Öl". Einer der Anlässe, "Öl" zu schreiben, war der Fall von Ken-Saro Wiwa, dem Führer des Aufstands im "Shell-shocked land" Nigeria. "Das Schicksal von Ken-Saro Wiwa, dem nigerianischen Dichter, Politiker und Aktivisten für die Ogoni, – das sind die Bewohner des Niger-Deltas, die sehr gelitten hatten unter der Öl-Förderung durch Shell, und der 1995 hingerichtet, gehängt wurde. Das hat mich damals schon sehr empört, und diese Empörung ist eigentlich geblieben darüber, das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass man sich mit diesem Kollegen identifiziert, er war Dichter, und da gibt es dann schon eine Betroffenheit, die ich dann mit einem Stück zu verbinden suche", sagt Bärfuss.

Ebenfalls in Afrika, in Ruanda spielt Lukas Bärfussʼ erster Roman "Hundert Tage": Ein Schweizer Entwicklungshelfer erlebt 1994 den Völkermord in Ruanda. Er ist, was für Bärfussʼ Schreiben charakteristisch ist, ein Beobachter, kein Moralist. "Es würde mir zu wenig sein, wenn sich die Literatur auf die Seite des politisch Korrekten oder politisch Richtigen schlagen würde. Ich finde, die Literatur muss unbedingt etwas von diesem Widerständigen behalten, das nicht in die politische Landschaft eingemeindet werden kann", sagt er.

Auch beim Thema Suizid trifft Bärfuss sich mit Büchner

In Theaterstücken wie "Meienbergs Tod" – über den Freitod des Schweizer Publizisten Niklaus Meienberg – und "Alices Reise in die Schweiz" über den assistierten Suizid einer todkranken Frau hatte sich Lukas Bärfuss bereits mit dem Thema Selbstmord beschäftigt, bevor er 2014 in seinem autobiografischen Roman "Koala" die Lebensgeschichte seines Halbbruders erzählte, der sich mit 45 Jahren eine tödliche Dosis Heroin spritzte. "Man wurde mit einem Selbstmörder nicht fertig", schreibt er in diesem umstrittenen Buch, das den Schweizer Buchpreis erhielt. "Diese Tat leuchtet wie eine schwarze Sonne über dieser Existenz, und man fühlt sich fast gezwungen, alles, jede kleine Anekdote, jede kleine Reminiszenz oder Erinnerung an diesen Menschen nach Maßgabe seines Endes zu bewerten", sagt Bärfuss. Das scheine auf der einen Seite unangemessen, weil schließlich habe es da kein Schicksal gegeben, das ihn zu dieser Tat getrieben hat, und auf der anderen Seite bleibe es natürlich das Bestimmende oder dieses selbstgewählte Finale sei eine Tatsache, um die man nicht herumkommt. Das führe eigentlich in eine sprachliche Sackgasse."

Auch bei der Thematik Selbstmord trifft sich Lukas Bärfuss übrigens mit Georg Büchner. Der hatte in seiner Schrift "Über den Selbstmord" 1830 formuliert: "Wer will ... den, welchem sein irdischer Zustand unerträglich geworden ist, unklug nennen, weil er eine hoffnungslose Sicherheit aufopfert, um zu einem Zustand zu gelangen, von dem er noch hoffen darf und der auf keinen Fall schlechter seyn kann als der verlaßne ...? Es wäre ja eher Unklugheit in einer rettungslosen Lage zu verharren, wenn man noch ein, wenn auch unsichres, Mittel übrig hat sich zu retten."

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!