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Genial und mit einer gewissen typischen Arroganz: 70 Jahre FAZ | BR24

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"Dahinter steckt immer ein kluger Kopf": Der Slogan der FAZ ist in digitalen Zeiten obsolet geworden, nicht aber ihr Anspruch, die entscheidenden Debatten zu setzen. Zum 70. FAZ-Jubiläum hat der Historiker Peter Hoeres dem Blatt ein Buch gewidmet.

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Genial und mit einer gewissen typischen Arroganz: 70 Jahre FAZ

"Dahinter steckt immer ein kluger Kopf": Die Werbung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung passt nicht mehr ganz in die digitale Zeit. Ihr Anspruch, Debatten zu setzen, schon. In "Zeitung für Deutschland" schildert Peter Hoeres die Geschichte der FAZ.

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Die FAZ ist fast so alt wie die Bundesrepublik Deutschland: Am 1. November 1949 wird die Frankfurter Allgemeine Zeitung 70 Jahre alt. Der Historiker Peter Hoeres hat das Jubiläum zum Anlass genommen, die Geschichte des Blattes in seinem Buch "Zeitung für Deutschland" ausführlich zu beleuchten. Der Professor für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg zeigt darin, wie eng die 70-jährige Geschichte des Blattes mit der Deutschlands verbunden ist.

Nach anfänglichen Widerständen – "deutsche Medienunternehmen lassen sich ungern selbst in die Karten schauen", sagt Hoeres – habe die FAZ ihm ihre Archive geöffnet: Ein Privileg, das vor ihm noch niemand hatte und das er seiner Hartnäckigkeit verdanke. Ein interessantes Forschungsfeld tat sich dem Historiker da auf, "weil wir es über weite Strecken der alten Bundesrepublik noch mit einer Schriftkultur zu tun haben". So seien innerhalb des Hauses Briefe geschrieben worden, an andere Redakteure und an Mitherausgeber, und man habe Protokolle über Redaktionssitzungen geführt - auf dieser Basis konnte Hoeres auch interne Konflikte, "diese Blackbox", beleuchten.

Der "geniale Werbespruch" der FAZ

Obwohl verhältnismäßig spät gegründet, hat es die FAZ bald geschafft, zum führenden Debatten-Organ der Republik zu werden. Hoeres sieht diesen Erfolg der Zeitung zum einen in dem sehr hohen Anspruch des Blattes gründen, der seine Leser einschließt: "Dieser geniale Werbespruch Dahinter steckt immer ein kluger Kopf wurde schon 1957 erfunden, aber nicht von einer Werbeagentur, sondern im Haus selbst, vom Geschäftsführer Mundhenke. Und das war deswegen genial, weil er ja die Leser mit ins Boot holt und auszeichnet", sagt Hoeres. Das war auch der Selbstanspruch: Wir schreiben, hieß es ganz früher, für die Gebildeten und Nachdenklichen."

Die Gratwanderung zwischen Selbstbewusstsein und leichter Überheblichkeit war dabei stets schmal: Hoeres bescheinigt der FAZ eine "gewisse typische Arroganz", die aber den Erfolg nur stabilisiert habe. "Hat man erst mal diesen Ruf, dann will auch jeder da schreiben oder erst recht besprochen werden: Theaterleute, Schriftsteller, Wissenschaftler, alle wollten in der FAZ gewürdigt werden." Auch heute sei die Marke FAZ immer noch relativ stark, sagt Hoeres, aber nicht mehr so wie noch in den 80er- , 90er- und 2000er-Jahren. Damals galt: Was in der FAZ nicht steht, ist nicht wichtig. Insbesondere im Feuilleton, wo große Persönlichkeiten wie Karl Heinz Bohrer, Marcel Reich Ranicki und Frank Schirrmacher federführend waren, seien entscheidende kulturelle und gesellschaftliche Debatten des Landes angezettelt worden.

Themen wie die NS-Vergangenheit oder die Bindung der Bundesrepublik an die westliche Welt spielten damals eine große Rolle. "Diese Themen wurden eben in der FAZ sehr früh und sehr breit verhandelt. Und deswegen hat man in der FAZ auch gleichzeitig eine Geschichte von Politik, Kultur, Wirtschaft der bundesdeutschen Gesellschaft nach 45 bis heute", sagt der Historiker.

"Es rollten die Köpfe"

Peter Hoeres hat sich auch mit Konflikte in der Redaktion beschäftigt: So sei Frank Schirrmacher im Kollegium von manchen "Caligula" genannt worden, berichtet Hoeres. "Man sagt immer, viele haben die FAZ um ihn beneidet, weil er eben sehr kreativ war, sehr viele Themen gesetzt hat – die alternde Gesellschaft, das Genom und die Erforschung und Auswirkung, die Digitalisierung." Aber Schirrmacher sei eben jemand gewesen, "der erstens sehr sprunghaft war und dann auch, zweitens, intern eben sehr durchregiert hat. Und da rollten insofern Köpfe, als es regelrechte Emigrationswellen gab, regelmäßige Aufstandsversuche im Feuilleton, die er dann immer siegreich überstanden hat."

Peter Hoeres: Zeitung für Deutschland: Die Geschichte der FAZ ist im Benevento Verlag erschienen. An diesem Montag präsentiert Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble das Buch in Berlin.

© Benvento / Montage BR

Peter Hoeres: Zeitung für Deutschland: Die Geschichte der FAZ

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