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"Man wird immer mit Schmerz konfrontiert" | BR24

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Flüchtlinge am Wiener Hauptbahnhof am 31. August 2015 - damals war die Willkommenskultur auch in Wien zu spüren, später nicht mehr.

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"Man wird immer mit Schmerz konfrontiert"

In seinem Roman "Gemma Habibi" beschreibt der österreichische Schriftsteller und Hobby-Boxer Robert Prosser den Boxring als Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Die zentrale Erfahrung dabei: der Schmerz der Niederlage.

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"Gemma habibi!" soll soviel bedeuten wie "Los geht’s, Spatzl!", als Schlachtruf am Boxring, wenn der Kampf beginnt. Sprachenmischung inklusive, "Boxer-Esperanto", nennt das der Schriftsteller Robert Prosser. Selbst Hobby-Boxer, stellt er seinen Sport in den Mittelpunkt seines Romans "Gemma Habibi". Judith Heitkamp hat mit Prosser über den Roman gesprochen: über Schreiben und Boxen, die multikulturellen Aspekte des Boxsports und den Umgang mit Schmerz und Niederlagen.

Judith Heitkamp: Was war zuerst da? Das Boxen oder dieser Roman?

Robert Prosser: Zuerst das Boxen. Aber ich habe mir von Beginn an die Frage gestellt, wie es möglich wäre, das literarisch zu verarbeiten. Diese Szene, das Geschehen im Ring und um den Ring herum.

Beides hat viel mit Performance zu tun: das, was Sie beschreiben, und das, was Sie schreiben.

Stimmt, das performative Element ist mir sehr wichtig in meiner schriftstellerischen Arbeit – sich zu überlegen, wie der Text auf die Bühne gebracht werden kann. Boxen ist wirklich sehr rhythmisiert, sei es im Training oder im Kampf. In diesem Roman habe ich versucht, diese versteckte Melodie in Sprache zu transferieren.

Boxende Schriftsteller gibt es gar nicht so wenige. Norman Mailer hat geboxt, Georges Simenon, Ernest Hemingway, Wolfgang Hilbig haben geboxt, Michael Lentz boxt. Trotzdem hat es einen Hauch von Exotik. Woher kommt das? Weil die Milieus "Leser" und "Boxer" so verschieden zu sein scheinen?

Boxen hat generell einen schlechten Ruf. Es gibt sehr viele Klischees und Stereotypen. Sei es, dass es um eine übertriebene Art von Männlichkeit gehe oder dass es reine, blutige Prügeleien wären. Ich fand es wichtig, mit diesen Klischees ein wenig aufzuräumen. Boxen ist vielfältiger und hat mehr zu bieten als das, was man generell erwarten würde.

Schmerz und Umgang mit Schmerz sind zwangsläufig ein großes Thema.

Ein sehr großes. Man wird wirklich immer mit Schmerz konfrontiert. Was auch heißt: mit Niederlagen. Das ist für mich der zentrale Punkt im Kampfsport. Es geht nicht darum, dass man immer der Beste ist, schön, wenn es so wäre. Aber eigentlich ist das Besondere, dass man immer die Erfahrung macht, zu verlieren. Damit muss man umgehen lernen, mit Niederlagen. Auf dem Boden liegen, wieder aufstehen und weitermachen, sich nicht unterkriegen lassen.

© dpa/picture-alliance

Schriftsteller Robert Prosser

Der Roman-Titel "Gemma Habibi" ist eine Slang- und Sprachen-Mischung. Sie steht dafür, dass im Ring Sprachen und kulturelle Milieus bedeutungslos werden. Tun sie das denn, fallen beim Boxen die kulturellen Schranken?

Ich finde schon. Es gibt diesen Moment, wo sie fallen. Ich fand es sehr interessant, dass sich das auch sprachlich abbildet, in einer sehr lebendigen Mischung aus Serbokroatisch, Deutsch, Türkisch, Arabisch, Russisch. Jeder, der boxt, trägt etwas bei. Auch sprachlich. Es ergibt sich so eine Art von Esperanto. Ich dachte mir, das ist ein schöner Beleg für den multikulturellen Aspekt beim Boxsport. Ich finde, da lösen sich sehr viele nationale wie auch kulturelle Unterschiede auf.

Ihr Ich-Erzähler heißt Lorenz und entdeckt den Boxsport für sich als Thema einer Seminararbeit. Eben aus der soziologischen Überlegung heraus, dass dort viele Milieus zusammenkommen. Wobei ich den Eindruck hatte, dass es in Lorenz‘ Welt gar nicht so viele kulturelle Schranken gibt. Egal, ob er nach Syrien zieht oder in Ghana ist - er ist jung, er ist ein Mann, er ist allein unterwegs und hat gleich einen guten Draht zu den Leuten vor Ort. Kulturelles Missverstehen kommt für Lorenz nicht so richtig vor.

Aber, sagen wir, aus einer Art kultureller Naivität. Mir ging es auch darum, bei den Reisen diese Art von Realität auszudrücken. Uns als Mitteleuropäern, zum Beispiel meiner Generation, steht das zur Verfügung ...

... Sie sind 1983 geboren ...

Wir haben einfach diese Freiheiten. Es war für mich eine Zeit lang sehr wichtig zu reisen – in den arabischen Raum oder nach Afrika. Einfach, weil man dieses Privileg hat, überall hinfahren zu können. Und dann begegnet man überall Menschen, die weg wollen oder herkommen wollen, aber das nicht können oder dürfen. Das ist ein Meta-Konflikt, den ich im Buch auch durchspielen wollte. Lorenz reist sehr naiv durch die Welt, ob durch Westafrika oder durch Syrien 2011.

Später spielt die große Flüchtlingswelle des Jahres 2015 eine Rolle. Wann haben Sie das geschrieben? Sie erzählen von der großen Hilfsbereitschaft damals, der Willkommenskultur, davon, was in Wien am Bahnhof los war. Das kann man heute kaum noch unbefangen lesen.

Die Passagen sind 2017/18 entstanden, zu der Zeit, als die FPÖ in Österreich sehr mächtig war. Mir ist damals der Schwenk in der öffentlichen Meinung aufgefallen und das Verschwinden der Hilfskultur. In Österreich waren es vor allem Afghanen und Tschetschenen, denen ein Feindbild aufgezwungen wurde. Ich fand das sehr bedenklich, auch den Umgang der Medien damit. Und so war meine Schlussfolgerung, einfach zu erzählen, wie es 2015 im September und Oktober war und diese große Solidarität wieder in Erinnerung zu rufen, den gemeinsamen Versuch, die Situation zu verbessern.

"Gemma Habibi" ist Ihr dritter Roman. Mit dem zweiten, "Phantome", standen Sie damals auf Anhieb auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Und jetzt sind Sie seit ein paar Monaten einer von zwei Programmleitern des Literaturfest Salzburg. Verändert es den Blick des Schreibenden auf Literatur, wenn man sie in Veranstaltungen denken muss?

In meinem Fall nicht. Das ist eine Arbeit, die ich sehr gerne mache. Wichtig ist mir ein eigenes Bewusstsein für Sprache und Form. Ich finde es sehr spannend, wenn man bei einem Autor oder einer Autorin sieht, wie er oder sie eine eigene Stimme entwickelt.

"Gemma Habibi" von Robert Prosser ist bei Ullstein erschienen.

© Ullstein/ Montage BR

Cover "Gemma Habibi" von Robert Prosser

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