BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© Audio: BR/ Bild: Larry Horricks/Netflix
Bildrechte: Larry Horricks/Netflix

Simon Stone hat einen Film über eine historische Ausgrabung in England gedreht - der Film lebt vor allem von den Hauptdarstellern Carey Mulligan und Ralph Fiennes.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Gelungen: "Die Ausgrabung" mit Carey Mulligan und Ralph Fiennes

Während Kriegsflugzeuge am Himmel kreisen und Männer in den Krieg ziehen, gräbt auf englischem Boden eine Handvoll Männer ein historisches Schiff aus. Simon Stone erzählt in seinem Film vom Reiz historischer Zeugnisse in einer ungewissen Gegenwart.

Per Mail sharen
Von
  • Marie Schoeß

Sie wären schon ein hübsches Paar – das verraten viele Szenen dieses Films. Aber wenn sich eine Anziehung zwischen den beiden Hauptfiguren einstellt, dann ist es die einer Geistesverwandtschaft von zwei Sonderlingen.

Sie ist eine Frau, die ihrem archäologischen Interesse wegen ihres Geschlechts besser nicht nachgehen sollte. In den 1930er Jahren, in denen der Film spielt, ist das schließlich Männersache. Er wiederum, immerhin ja ein Mann, der zudem auch alles über die Archäologie weiß, was es zu wissen gibt, gehört der falschen Klasse an und ist deshalb aus dem Kreis ernsthafter Archäologen ausgeschlossen.

Archäologische Sensation: Das Bootsgrab von Sutton Hoo

Ausgerechnet diese beiden Figuren, Mrs. Pretty und Basil Brown, machen in dem Film "Die Ausgrabung" einen Jahrhundertfund: Sie entdecken in Ostengland ein Bootsgrab, reich an Schätzen und verborgenem Wissen.

Dabei lässt der Beginn des Films keinen solchen Erfolg vermuten: Mrs. Pretty, eine junge und sehr hübsche Witwe, lädt Brown auf ihren Grund ein: Sie sei immer schon neugierig gewesen, warum sich auf ihrem Land Hügel abzeichneten – ganze Legenden rankten sich um dieses Stück Land, erklärt sie und fügt für ihr skeptisches Gegenüber hinzu: Dass sie nicht wie die anderen Frauen an den Mythen interessiert sei, sondern – wie Brown selbst – an der Archäologie, und das seit ihrer Kindheit.

© LARRY HORRICKS/NETFLIX 2021
Bildrechte: LARRY HORRICKS/NETFLIX 2021

Carey Mulligan als Edith Pretty

Melancholische Hauptfiguren

Diese erste Begegnung, das gemeinsame Sprechen über Spuren aus der Vergangenheit, bereitet die Stimmung vor, die diesen Film tragen wird: Denn schon hier zeigt sich die Nähe, aber auch die Melancholie der beiden Figuren. Beide treibt die Verwobenheit von Vergangenem und Gegenwärtigem um, sie beide tragen – in jeder Szene und für jeden sichtbar – eine Spur Nostalgie in sich.

Diese Stimmung ist reizvoll und sie verdankt sich einzig den beiden Hauptdarstellern, Ralph Fiennes und Carey Mulligan, denen es tatsächlich gelingt, den schmalen Grat zur banalen Liebesgeschichte vor aufgeschütteter Erde und vernebelter Landschaft nicht zu übertreten.

Fluchtpunkt: Historie

Ihnen nimmt man die Fragen ab, die diesen Film aufregend machen: Warum können alte Knochen und altes Gold ein solches Staunen auslösen? Was haben diese Relikte uns Nachgeborenen zu sagen, dass wir für sie behutsam Erde aufbuddeln, während die Gegenwart aus den Fugen gerät?

Und: Wer bleibt eine Fußnote und wer mausert sich zu einem 'great man', einem Mann, einer Frau, die Geschichte schreibt? Fragen, die nicht ohne jede Brisanz sind, Ende der 1930er Jahre, als die historische Entdeckung gemacht wurde.

Grundgefühl: Verunsicherung

Genau solche Fragen forderten auch Regisseur Simon Stone heraus, als er zwischen Trump- und Brexit-Wirren von der historischen Begebenheit erfuhr: "Als ich davon gelesen habe, hatte ich plötzlich einen anderen historischen Moment vor Augen, vielleicht den letzten, in dem es sich auch so unsicher angefühlt hat wie jetzt gerade."

"Wann", fragt der Regisseur, "haben wir uns schon einmal so unsicher gefühlt, dass wir nicht hätten sagen können, wie wir uns die Welt in zwei Jahren vorstellen?" Umso berechtigter sei für ihn der Drang gewesen, vergangene Stufen der Zivilisation zu bewahren. Artefakte, die zeigen: "Wir sind nur Teil eines historischen Wandels. Auch von uns wird nichts bleiben als Artefakte im Boden."

Geschickte Gratwanderung

Wie viel die Darsteller leisten, um solche Fragen an die Oberfläche des Films zu spülen, spürt der Zuschauer, wenn die Geschichte mal die Balance verliert.

Wenn die sanfte Musik plötzlich so sanft wird, dass die Schauspieler nicht mehr gegen die musikalische und landschaftliche Ästhetisierung ankommen. Oder wenn für die andere, die konventionelle Liebesgeschichte des Films, der Krieg als Hintergrundrauschen genutzt wird, nur um den ausgetauschten Küssen noch ein bisschen mehr Bedeutung abzutrotzen: Chamberlain tönt dann als Stimme aus dem Radio, im Bild die beiden, deren Liebe der Krieg beschleunigte.

In solchen Momenten spürt man, wie leicht das alles hätte schiefgehen können – und wie groß die Leistung derer ist, die das zu verhindern wussten.

"Die Ausgrabung", ab 29.01. auf Netflix.