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Geht jetzt das Licht aus? Kulturbranche befürchtet längere Krise | BR24

© Daniel Kamann/BR Bild

Opernhaus Nürnberg: Gähnend leer

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    Geht jetzt das Licht aus? Kulturbranche befürchtet längere Krise

    Egal, wie lange der Teil-Lockdown noch anhält, auch danach, so die Sorge in der Kulturszene, wird es massive Einschnitte geben - weil die Städte sparen müssen: "Es wird einiges passieren." Staatsministerin Monika Grütters "schläft erstmals schlecht".

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    Von
    • Peter Jungblut

    In diesem Jahr werden Freizeit- und Kultureinrichtungen in Deutschland nicht mehr wieder eröffnen. So haben es die Ministerpräsidenten der Länder bei ihrer Online-Konferenz mit der Kanzlerin erwartungsgemäß beschlossen. Die Lage erlaube es nicht, so Angela Merkel nach dem Treffen, die November-Maßnahmen aufzuheben: "Wir brauchen noch einmal eine Kraftanstrengung." Aus formalen Gründen soll der Teil-Lockdown vorerst bis 20. Dezember gelten, danach allerdings bis Anfang Januar verlängert werden.

    Der Bund entschädigt die betroffenen Geschäfte und Einrichtungen wie bereits für den November beschlossen, zahlt also einen Zuschuss in Höhe von 75 Prozent des vergleichbaren Vorjahres-Umsatz. Voraussichtlich 17 Milliarden Euro sind dafür vorgesehen. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung hatte Merkel allerdings in der Runde auch gesagt, dass der Bund die Hilfen nicht für den "ganzen Winter" finanzieren könne.

    Der neue Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Carsten Brosda, forderte am Abend im ZDF eine "Öffnungsperspektive" für die Theater. Die Kunstfreiheit sei im Grundgesetz verankert. Es sei "nicht auszuhalten", wenn Kultureinrichtungen "auch nur einen Tag länger" geschlossen blieben als unbedingt nötig.

    Brosda, im Hauptberuf Hamburger Senator für Kultur und Medien, hatte bereits zu Beginn der Woche vor "unweigerlich vor uns stehenden Diskussionen" über die "materielle Absicherung" der Theater gewarnt. Mit anderen Worten: Nach der Pandemie werden die Kassen vieler, wenn nicht aller öffentlichen Geldgeber leer sein und Kürzungen auch in den Kulturhaushalten erscheinen unvermeidlich. Diese Perspektive verunsichert die Künstler massiv - neben der völlig ungewissen Aussicht, wann und wie der Teil-Lockdown beendet wird.

    "Wenn wir über Lockerungen reden", so mahnte Brosda, "dann muss klar sein, dass auch aufgrund des besonderen Ranges der Kunstfreiheit in unserer Verfassung Kulturorte vorrangig zu öffnen sind. Die Kulturorte sind sehr stark betroffen und machen das auch alles mit einer hohen Disziplin mit, obwohl sie mit gutem Recht durchaus sagen können, dass sie vorher alles getan haben, um vernünftig und sicher veranstalten zu können."

    "Klare Perspektive" gefordert

    Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) drängt die Politik, eine verbindliche Zusage zu machen, ab wann Konzerte wieder möglich sein werden. Geschäftsführer Gerald Mertens mahnte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa "konkrete Termine" an: "Bund und Länder müssen jetzt eine klare Perspektive mitteilen, wann wieder gespielt werden soll." Mertens verwies darauf, dass große Betriebe wie Opernhäuser einen Vorlauf von mehreren Wochen benötigten, um wieder für das Publikum öffnen zu können. Als positives Beispiel nannte Mertens die Schweiz, wo schon jetzt klar sei, dass ab 11. Januar, wenn auch eingeschränkt, wieder Veranstaltungen stattfinden könnten.

    © Christian Charisius/BR Bild

    Carsten Brosda.

    Der 81-jährige Dirigent der Dresdner Philharmonie, Marek Janowski, zeigte sich wenig optimistisch, was die Zukunftsaussichten der Kulturbranche betrifft. Die Parteien würden sich nach dem Ende der Pandemie die Frage stellen müssen, was dann bei leeren Kassen noch Priorität habe: "Ich befürchte, dass da in Deutschland einiges passieren wird." An der Finanzlage komme jedenfalls niemand vorbei.

    Vielfach wird bereits auf die Bremse getreten

    Und das ist keine bloße Spekulation. Nürnberg kippte bereits die Planungen für einen neuen Konzertsaal. In Augsburg sieht sich die Stadt mit einem neuen Volksbegehren gegen die Theater-Sanierung konfrontiert, weil die Gegner einen Teil des Geldes lieber in die Sanierung von Schulen investieren wollen. In München stehen Einsparungen in der Kultur von jährlich 6,5 Prozent zur Debatte, und zwar längerfristig, nicht nur im kommenden Jahr. In Würzburg fragte die örtliche CSU, ob "kostspielige" und "schwer planbare und vorhersehbare" Veranstaltungen wie der "Hafensommer" nicht bei den Haushaltsberatungen "hinterfragt" werden müssten.

    © Matthias Balk/BR Bild

    Protest in München

    Der Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, Joachim Lux, bezweifelt, dass es beim Teil-Lockdown solidarisch zugeht: "Sollte es so sein, dass einzelne Branchen mit Egoismus und Lobbyismus nach den haarsträubenden Fehlern im Sommer (voll besetzte Ferienbomber) abermals auszuscheren versuchen und sich damit wiederholt durchsetzen, dann zerstört dies das Solidarprinzip in Gesellschaft wie Kultur endgültig."

    Es sei für ihn "schwer erträglich", so Lux, dem Kampf um Silvester-Feuerwerke oder die Öffnung von Skigebieten zuzusehen, während sich im Rest der Gesellschaft nur bis zu fünf Personen treffen und die Betrachtung eines Bildes im Museum oder das Hören des Weihnachtsoratoriums im Konzertsaal verboten sei: "Das wäre eine sehr, sehr hässliche Fratze unseres Systems. Sie bringt das Band, das uns alle verbindet, zum Zerreißen - nicht nur in der Kultur."

    Grütters hält Umgang mit Kultur für "maximal unsensibel"

    Die Lage ist so angespannt, dass sogar Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nach eigener Aussage "erstmals" in ihrem politischen Leben "schlecht schläft". In einem Interview mit der "Bunten" sagte sie: "Mir blutet das Herz, viele Künstler sind verzweifelt." Der Staat könne zwar notleidenden Künstlern mit Soforthilfen unter die Arme greifen, das Grundproblem der mangelnden Beschäftigung werde jedoch nicht gelöst.Sie selbst, so Grütters, habe es "maximal unsensibel" empfunden, dass die Kultur von Anfang als nicht "systemrelevant" eingestuft worden sei: "Kultur ist kein Luxus, keine Delikatesse für Feinschmecker, sondern Brot für alle - und ein wichtiger Spiegel für unsere Demokratie."

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