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Geheimsache Shakespeare: Dieses Theater spielt rein "zufällig" | BR24

© Audio: BR/ Bild Jungblut/BR

Mario Eick und sein "Theater für die Jugend" touren mit Shakespeare insgeheim durch Bayern und hoffen auf Passanten.

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Geheimsache Shakespeare: Dieses Theater spielt rein "zufällig"

Auf dem Programm steht eine fetzige Inszenierung der Erfolgskomödie "Was ihr wollt", aber wo und wann gespielt wird, das darf niemand vorher wissen. Mario Eick und sein "Theater für die Jugend" touren insgeheim durch Bayern und hoffen auf Passanten.

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Eine enge Altstadtgasse, die ist natürlich gut für Schauspieler und Sänger, die auf sich aufmerksam machen wollen: Es hallt und dröhnt auch ohne Mikrofone, und prompt öffnen sich elf Fenster. Die Bewohner schauen neugierig raus, wollen wissen, wer da unten randaliert. Ein paar Passanten bleiben stehen, setzen sich aufs nackte Straßenpflaster. Ein Zufalls-Publikum, denn niemand konnte wissen, dass hier, in der Burghauser Altstadt, heute Shakespeare auf dem Programm steht, "Was ihr wollt", inszeniert von Mario Eick und seiner Truppe. Die Ausstattung: Ein paar Teppiche und herrlich durchgeknallte Kostüme im Lodenhut-Look von Ausstatterin Simone Sommer.

Bis zu fünfzig dürfen stehen bleiben

Straßentheater – spontan, ja und in diesem Fall sogar eine Art Geheimaktion. Die Behörden hatten untersagt, den genauen Ort und die genaue Zeit zu veröffentlichen, die Infektionsgefahr wäre zu hoch gewesen. Mario Eick: "Ja, das ist eine der Auflagen, die auch gut und richtig sind, denn wir wollen ja Menschenaufläufe verhindern. Die Idee ist, wir spielen für Zuschauer an Fenstern und Balkons, das heißt in Wohngebieten, vor Seniorenheimen, Krankenhäusern, Flüchtlingsunterkünften, wo man uns haben will, wo es möglich ist, wo wir erwünscht sind. Damit wollen wir durch Bayern touren, und jetzt starten wir. Wir haben mit der Stadt Burghausen großes Glück, die geben uns die Chance, den Test zu machen, damit wir die Infektionsschutz-Verordnung auch einhalten können. Deshalb können wir auch in der Presse nicht ankündigen, wir spielen dann und dann, sondern wenn mal ein einer zufällig vorbeikommt, bis zu fünfzig Personen können ja stehen bleiben, für die anderen spielen wir nach oben in die Logen."

© Jungblut/BR

Mario Eick (links) und Ausstatterin Simone Sommer

Und das funktioniert ganz gut, auch, wenn nur in einem Altstadthaus alle Fenster aufgehen, auch, wenn nur ein paar Dutzend Passanten stehen bleiben, denn mehr als die erwähnten fünfzig dürften es gar nicht sein, darüber wachen Ordner. Schreckhafte Fußgänger huschen eilig vorbei, andere schieben verdutzt ihr Radl durch die Kulisse, nicht alle haben Zeit und Nerven für eine für sie überraschende Shakespeare-Einlage. Wichtig ist hier nicht, wie viele dabei sind, sondern dass ein Zeichen gesetzt wird: Die Kunst ist stärker als jede Seuche, die Fantasie besiegt alle Ängste, mit etwas Mut und dem richtigen Stoff lassen sich ansonsten menschenleere Gassen zumindest für eine Stunde im Rahmen des Möglichen beleben.

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Auf dem Teppich bleiben

Die Liebe bahnt sich ihren Weg

Mit Songs von Herbert Grönemeyer bis zu den Doors peppen die Schauspieler ihren Shakespeare auf, und wenn nicht alles täuscht, bringt italienische Folklore den größten Beifall: "Das Thema war ganz einfach zu finden, es geht ja um Liebe gegen Pest und Einsamkeit. Pest hier stellvertretend für Corona und Einsamkeit für die soziale Entfremdung. Und da ist dieses Stück 'Was ihr wollt' wunderbar geeignet. Wir haben eine vierzigminütige Fassung gehabt und dann gesagt, wenn wir die jetzt noch mit Livemusik unterfüttern, wo die Leute an den Fenstern ruhig mitsingen können, dann ist das ein sehr gutes Konzept. Es ist eine schöne Liebeskomödie, und ich finde Liebe ist das Beste, was wir den Zuschauern an den Fenstern momentan mitgeben können, dass sie sich draußen auch mal wiedersehen, mitsingen und ein bisschen mitschwärmen können. Und die Liebe bahnt sich doch immer den Weg, egal wie!"

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Ein Gläschen Rotwein extra

Gar nicht so einfach für die Mitwirkenden, ständig nach oben und zur Seite spielen zu müssen, gegen muntere Singvögel und manchen Straßenlärm bestehen zu müssen. Konzentrierte Zuschauer gibt es hier nicht, eher überraschte, befremdete, irritierte, amüsierte und engagierte. Einer von denen macht so leidenschaftlich mit, dass er den Schauspielern die gewünschte Flasche Rotwein aus der Wohnung holt und auf die Straße stellt. Das ist mal interaktives Theater weit jenseits vom Netz und dessen virtueller Welt.

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Abstand ist wichtig

Sprungtuch ist vorbereitet

Und wenn dann auch noch das Wetter stimmt, wird das Ganze zu einem Theatererlebnis wie aus "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre", in denen Goethes Held bekanntlich auf Dorfplätzen unrettbar für die Bühnenkunst begeistert wird. Mario Eick: "Wir haben ein Sprungtuch vorbereitet, da dürfen die Leute dann ihre Münzen reinwerfen und wenn sie wollen auch ihre beschwerten Scheine, und natürlich wollen wir gerne auch mit den Städten und Kommunen, in denen wir auftreten sollen, verhandeln und bitten, gebt uns etwas Geld, damit wir das direkt als Honorar auszahlen können. Ansonsten machen wir den klassischen Moby Dick-Walfänger, das heißt, Käptn Ahab zahlt am Ende prozentual an jeden das Gleiche aus, also es ist eine richtige Piratennummer, jeder weiß, es gibt kein festes Gehalt, sondern was reinkommt, wird sauber geteilt, durch acht."

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Zünftig, bayerisch und mit Blumen

Auf dem recht weit gespannten Sprungtuch landeten denn auch ein paar Scheine und Münzen, zu wenig natürlich, um davon auskömmlich leben zu können, und wohl auch, um die engagierten Künstler auch nur einigermaßen fair zu entlohnen. Vielleicht wäre es daher sinnvoller, Städte und Gemeinden würden solche Projekte angemessen fördern, statt ausschließlich auf staatliche Soforthilfen zu setzen, die ja wegen bürokratischer Hürden sehr umstritten sind. In "Was ihr wollt" geht am Ende alles gut aus, und wer diese Inszenierung miterlebt hat, ist zuversichtlich, dass das auch für die große Krise gilt.

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