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"Gegenüber": So entwickelte sich die Porträtkunst | BR24

© Judith Joy Ross

Judith Joy Ross, Ohne Titel, aus der Serie "Portraits at the Vietnam Veterans Memorial, Washington, D.C.", 1983-1984, Bromsilbergelatineabzug auf Tageslichtauskopierpapier, goldgetont, seit 2003 Dauerleihgabe der Siemens AG

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"Gegenüber": So entwickelte sich die Porträtkunst

Fotos, die nach Schweiß und Schnaps riechen, zeigt die Ausstellung "Gegenüber" in der Pinakothek der Moderne. Im Mittelpunkt steht der Beginn der dokumentarischen Porträt-Kunst: August Sanders großartige Aufnahmen von Arbeitern und Handwerkern.

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Herzstück der Schau, die vom 1.2. bis zum 5.7. in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist, sind ausgewählte Schwarz-Weiß-Aufnahmen von August Sander, einem der wichtigsten Protagonisten der Porträtfotografie. Ab 1910 hatte Sander an seinem Lebenswerk gearbeitet: "Menschen des 20. Jahrhunderts", ein epochales Fotoprojekt, das letztlich mehr als 600 Fotografien umfasste. Simone Förster von der Stiftung Ann und Jürgen Wilde: "Das sollte ein Spiegelbild der Gesellschaft und des Menschen vor allem natürlich der Zeit der Weimarer Republik darstellen. Er hat die Bauern porträtiert, die Handwerker, die Künstler, die Frauen, Großstädter und das führte bis zu den – wie er sie nannte – Gehandicapten. Das sollte also ein großes Spektrum sein, denn seine Idee war, dass der Einzelne kein Zeitgeschehen macht, aber dass er seine Zeit mit durch die eigene Erscheinungsform prägt."

Dokumentarische Anfänge der Porträtfotografie

Sanders Fotografien sind typologisch angelegt. Er porträtiert nicht das Individuum, die Arbeit ist in ihrer Gesamtheit ein Porträt der Menschheit – an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit. Wie sich die Porträtfotografie von diesen sachlich-dokumentarischen Anfängen zu einem künstlerischen Medium weiterentwickelte, zeigt die aktuelle Ausstellung eindrücklich.

Vom Herzstück mit den Sander-Fotografien ausgehend, gibt die wohlüberlegte Hängung zwei Blicke frei. In der einen Richtung sieht man eine große Arbeit der belgischen Fotografin Marie-Jo Lafontaine von 1996, den "Jungen mit gesenktem Gesicht". Es zeigt einen vielleicht achtjährigen Jungen, frontal von vorn, den Blick nach unten gerichtet. Nackt und schutzlos, schicksalsergeben wartend auf das, was da kommen möge. Unglaublich aufgeladen, fast schon dramatisch wirkt dieses Bild, obwohl ja rein gar nichts passiert. Nicht einmal die Augen des Jungen können wir sehen. Fotografie – so Kurator Bernhart Schwenk – unterscheide sich von Malerei vor allem dadurch, dass wir es mit zwei Augen zu tun haben: mit dem technischen Auge der Kameralinse und mit dem subjektiven des Fotografen. Marie-Jo Lafontaine verbindet eben diesen eigentlich sachlichen Blick mit dem Subjektiven: "Also der Junge hat keine Attribute, ist nackt, stellt sich bloß und direkt dar. Aber wie er dargestellt ist, in diesem großen Format, diesem schwarzen Rahmen, und vor allem diesem Stück gemalter Malerei, das wie eine Predella unten angefügt ist, das hat eine Kraft, die über das einfach nur Hinschauen und Dokumentieren hinausgeht", sagt Schwenk.

Fotos, die nach Schweiß und Schnaps riechen

Blickt man aus dem August Sander-Raum hinaus in die andere Richtung, sieht man ein Mädchen, eine Fotoarbeit der Holländerin Rineke Dijkstra von 1999. Barfuß steht die etwa 13-Jährige auf der Wiese, mit kurzem blauen Rock und weißem T-Shirt, die Haare offen, die Fäuste geballt. Man spürt die ambivalenten Gefühle, die in diesem schwierigen Alter zwischen Kindheit und Adoleszenz eben so aufkommen: "Das Mädchen posiert nicht, und trotzdem gibt es natürlich vieles von dem, wie es sein möchte, von sich, also eben auch diese Mischung aus diesem unschuldigen Nur-so-da-sein und dann aber eine Art von ganz zartem Sich-selbst-inszenieren-wollen. Jede Geste wird aussagekräftig für eine Form der Identität, die geballten Hände, das Barfuß-in-der-Wiese-stehen, das Fußkettchen, die losen wilden Haare, aber gleichzeitig diese unsichere vorgeneigte Haltung."

Es gibt noch viele weitere "Gegenüber" in dieser Präsentation: Bilder aus der Berliner U-Bahn von York der Knoefel zum Beispiel. Unbemerkt aufgenommen zeigen sie die Passagiere gegenüber, unbeobachtet und direkt. Oder eine Serie von Sabine Bergemann aus Clärchens Ballhaus in Berlin, malerische Fotografien, in denen nicht das Motiv als solches, sondern die Stimmung, das Licht, das Zwischenmenschliche zählt: Fotos, die nach Schweiß und Schnaps riechen. Wer jemals geglaubt hat, ein Foto sei etwas, das bloß ein technischer Apparat macht, sollte sich diese Ausstellung anschauen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5.7.2020 in der Pinakothek der Moderne zu sehen.

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