Der legendäre Fürst im Hermelinmantel auf dem Thron
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Alexander Newski auf Historiengemälde

    "Gegen Gottlose": Kreml-Propaganda beruft sich aufs Mittelalter

    Die russische Armee kämpft angeblich gegen Atheisten, so ein aktuelles Handbuch des Putin-Regimes für die zensierten Medien. Der Präsident lässt sich demnach gern mit Fürst Alexander Newski vergleichen, der 1240 gegen die Schweden siegte.

    Zwischen Wahnsinn und Methode ist im Propaganda-Krieg des Kreml kaum noch zu unterscheiden. So sorgte jüngst der stellvertretende Chef des Sicherheitsrats und Ex-Präsiden Dmitri Medwedew abermals für Aufsehen, weil unter seinem Namen ein Post erschien, wonach Russland die "Grenzen des Vaterlandes" wiederherstellen müsse, und die verliefen bekanntlich im "Nirgendwo", jedenfalls jenseits von Ländern wie Georgien und Kasachstan: "Bis die Russen dorthin kommen, wird es dort keine geregelten Verhältnisse geben." Angeblich war das ganze ein Fake von Hackern, der Text war nach zehn Minuten wieder gelöscht, aber der einst liberale Medwedew gilt ohnedies als Scharfmacher mit wirren Thesen und radikalen Gedankengängen. Seine Gegner beschimpfen ihn gern als "Frottee-Adler", der innen weich, außen jedoch hart sei, um in Putins Gnaden zu bleiben.

    "Negative Meinung" ist gefährlich

    Scheint so, dass sich Medwedew inzwischen so unglaubwürdig gemacht hat, dass selbst aberwitzige gefälschte Stellungnahmen kurzzeitig für authentisch gehalten werden. In der im Ausland erscheinenden "Novaya Gazeta Europe" war dazu zu lesen: "Es ist an der Zeit, dass Russland endlich versteht, dass jede seiner provokativen Äußerungen (und es gibt jetzt fast keine anderen mehr) in Bezug auf Nachbarländer nur die Abneigung gegen Russland verstärkt und beginnt, selbst diejenigen zu verwirren, die normalerweise der Propaganda des 'Großen Bruders' folgen."

    Dass viele nicht mehr so recht durchblicken bei der Kreml-Kommunikation, nicht mal mehr die Fans, beweisen Handbücher, die nach Angaben von Oppositionsmedien neuerdings an Führungskräfte in Justiz und Medien verteilt werden. So erklärt das Justizministerium seinen eigenen Beschäftigten in einem Ratgeber vom 17. Juni den Unterschied zwischen "Diskreditierung" und "Fälschungen" über die russische Armee. Beides kann langjährige Haftstrafen nach sich ziehen. "Diskreditierung" ist demnach gleichbedeutend mit einer "negativen Meinung" über die Streitkräfte. Wer sich so äußere, untergrabe "das Vertrauen in staatliche Behörden" und setze ihre Autorität herab.

    "Woher das genommen wird, ist unklar"

    Eine "Fälschung" beziehe sich dagegen auf die "Verbreitung wissentlich falscher Informationen". Dabei sollen sich die Staatsanwälte nicht lange damit aufhalten, ob die Behauptungen tatsächlich unzutreffend sind, was Sachverständige sowieso überfordere, sondern sich in erster Linie mit der Art und Weise beschäftigen, auf der die Betreffenden ihre Inhalte unters Volk bringen. Konkret seien die "kommunikative Situation" und ihr "Zusammenhang" zu überprüfen, berichtet das Wirtschaftsblatt "Kommersant". Das öffnet der Willkür natürlich Tür und Tor. Alexander Werkowksi, Mitglied des Präsidialrates für Menschenrechte und Leiter des Sova-Informations- und Analysezentrums wird mit dem Satz zitiert, er verstehe nicht, wie es möglich gewesen sei, "so etwas zu schreiben": "Die Tatbestände selbst werden sehr weit interpretiert, woher das alles genommen wird, ist unklar."

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    Alexander Newski in Sergei Eisensteins Film

    Die russische Präsidialverwaltung soll im Juli den Medien in einer Handreichung empfohlen haben, Putin möglichst mit dem Nationalheiligen Alexander Jaroslawitsch Newski (1221 - 1263) zu vergleichen. Der Fürst bekam seinen Beinamen von der Schlacht an der Newa am 15. Juli 1240, wo er gegen die Schweden, Norweger und Finnen siegte. "Die Gesellschaft schließt sich um den nationalen Führer zusammen und beweist auf dem Schlachtfeld Mut und Heldentum, um die Eindringlinge abzuwehren", so die Autoren der Propaganda-Schrift, die den Angriff auf die Ukraine direkt mit den Ereignissen im Mittelalter in Beziehung bringen. Alexander Newski soll angeblich vor seinem erfolgreichen Feldzug gepredigt haben, dass die "Stärke in der Wahrheit" liege und seine Soldaten daher zwangsläufig siegen müssten.

    Alexander Newski ist Propaganda-Held

    Doch Experten verweisen darauf, dass die Propagandisten den legendären Heiligen da wohl falsch verstanden haben, soll er doch tatsächlich darauf hingewiesen haben, dass Gott nicht an der Macht, sondern in der Wahrheit zu suchen sei. Das wäre sehr modern gedacht und spräche für die strikte Trennung von Politik und Religion, wie sie für das Mittelalter allerdings völlig untypisch wäre.

    Alexander Newski ist seit langem russischer Propaganda-Held: 1938 kam der gleichnamige Film von Sergei Eisenstein heraus, die Musik steuerte kein Geringerer als Sergei Prokofjew bei. In dem seinerzeit neue künstlerische Maßstäbe setzenden Werk besiegt der titelgebende Fürst die Ritter des Deutschen Ordens. Eisenstein bekam dafür überschwängliches Lob von Stalin und den Lenin-Orden zuerkannt.

    "Taufe ist Grundlage des russischen Staats"

    Jedenfalls will der Kreml, dass der Ukraine-Krieg als Kreuzzug gegen die Ungläubigen begriffen wird: "Die Taufe wurde die Grundlage für die Stärkung und Einheit des russischen Staates für die kommenden Jahrhunderte. Der orthodoxe Glaube lehrt Mitgefühl, Nächstenliebe und Toleranz gegenüber anderen. Diese Werte bildeten die Grundlage der russischen Zivilisation und ermöglichten es Russland, Hunderte von Völkern zu vereinen. Heute haben sich erneut Vertreter aller Völker Russlands gegen die Atheisten und die Verteidigung traditioneller Werte und des Rechts ihrer Kinder, in Übereinstimmung mit ihnen zu leben, versammelt."

    Sergei Naryschkin, der Chef des Auslandsgeheimdienstes und führende russische Geschichtspolitiker, hielt es bei einer Gedenkfeier zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs für angebracht, daran zu erinnern, dass die russische Armee "unzerstörbar" sei, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte an einem Strang zögen. Daran habe es 1915, als dem Zarenreich militärisch die Luft ausging, gemangelt: "Der Sieg über den Feind in Schlachten kann nur erreicht werden, wenn die Behörden, die Armee und die Gesellschaft vereint sind und nicht dem zerstörerischen Einfluss von außen erliegen – für Russland ist dies eine mehr als hundertjährige Lehre."

    Putin berief sich auf Fürst Monomach

    Bei solchen "Empfehlungen" erscheint es logisch, dass manche russischen Medien in der Ukraine "Satanismus und Okkultismus" wittern - Begriffe, die tatsächlich eher ins Mittelalter verweisen. Putin selbst hatte bei seiner Rede auf dem Roten Platz am 9. Mai den Fürsten Wladimir Wsewolodowitsch Monomach (1053 - 1125) als Vorbild beschworen, der zu seinen Lebzeiten nach eigener Aussage 83 Feldzüge führte und allein mit den nomadisch lebenden Polowzern (Kumanen) 19 Mal Frieden geschlossen haben will. Übrigens zog Monomach im Jahr 1113 triumphal in Kiew ein.

    Im Netz wird unterdessen wild debattiert über die Bezüge zum Mittelalter und den zu neuerlichen Ehren gekommenen Alexander Newski. Die einen behaupten, der orthodoxe Heilige habe seinen Glauben drei Mal gewechselt, andere wollen wissen, er sei als Greis zum Islam konvertiert und habe mit den "Mongolen" gemeinsame Sache gemacht. Im Kreml seien wohl "religiöse Fundamentalisten" am Werk. Ironiebegabte äußerten Zweifel, ob Imperien durch "Mitleid und Nächstenliebe" entstünden und verwiesen darauf, dass auch Zar Nikolaus II. und 1.100 Gefolgsleute von der russisch-orthodoxen Kirche am 20. August 2000 heiliggesprochen wurden - "weil sie von den Bolschewiken ermordet" worden seien. Ein weiterer Diskutant schrieb, Putin solle sich doch in eine Nervenheilanstalt einweisen lassen, da könne er nicht nur Alexander Newski spielen, sondern auch Napoleon.

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