BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Gegen den Frust: Plakat-Aktion der Münchner Kammerspiele | BR24

© BR

Weil die meisten Premieren ausfallen müssen, setzen die Münchner Kammerspiele auf künstlerisch gestaltete Plakate. Dort wird die Frage gestellt, ob Theater überhaupt noch gesellschaftlich relevant ist und ob das "Land der Träume" in Trümmern liegt.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Gegen den Frust: Plakat-Aktion der Münchner Kammerspiele

Weil die meisten Premieren ausfallen müssen, setzen die Münchner Kammerspiele auf künstlerisch gestaltete Plakate. Dort wird die Frage gestellt, ob Theater überhaupt noch gesellschaftlich relevant ist und ob das "Land der Träume" in Trümmern liegt.

Per Mail sharen

Eine Welt ohne Kunst, sagt Matthias Lilienthal kaum überraschend, wäre eine armselige Welt, denn: "Es fehlt dann eine Gegenwelt zur Realität. Also während des Lockdowns, ich kam mir vor wie mein eigener Vater in den sechziger, siebziger Jahren. Hockte mit Freundin und Kind zuhause rum und sah nur noch die Kleinfamilie, und dachte, ich bin jetzt wieder im Jahr 1965. Und dann werde ich rammdösig und schlecht gelaunt."

Abbey Road ohne Beatles

Langeweile allerdings führt erfahrungsgemäß oft auch zu Kreativitäts-Schüben. Der französische Theaterregisseur Philippe Quesne beispielsweise, der unter Lilienthal zwei Mal an den Münchner Kammerspielen inszenierte, schuf während des Leerlaufs im Lockdown ein bestechendes Sinnbild für die zeitweilig kunstentleerte Welt, wie der Intendant erklärt: "Der hatte in Facebook dieses Abbey-Road-Beatles-Cover rum geschickt ohne die Beatles. Die hatte er Fotosoftware-mäßig raus geflunkert."

© Peter Kneffel/dpa

Matthias Lilienthal

Philippe Quesne gab damit den Anstoß zur Ausstellung, die auch zustande kam, weil die Kammerspiele eigentlich Plakatflächen in der ganzen Stadt gebucht hatten, um für das Programm der letzten Wochen der Ära Lilienthal zu werben. Da ein Großteil dieses Programms Corona zum Opfer gefallen ist, erübrigt sich auch die Werbung dafür. Stattdessen nutzen die Kammerspiele die Werbeflächen nun also, um darauf elf Künstlerinnen und Künstler über eine Welt ohne Kunst nachdenken zu lassen: Anne Imhof, Rabih Mroué oder Elfriede Jelinek, die ihr Plakat mit einer Art Miniatur-Textflächen-Drama beschrieben hat.

Wie irrelevant ist Theater?

Darin heißt es: "Wieso stehen hier mehrere beisammen? Das geht nicht. Das wäre Theater, und das ist jetzt verboten." Den Entwurf des Schweizer Theatermachers Milo Rau ziert nur ein einziger Satz: "Wenn Du nicht relevant bist fürs System, dann ist das System vielleicht nicht relevant für Dich." Dazu Lilienthal: "Am ersten Tag des Shutdowns waren für mich die Theater systemrelevant, weil an ihnen vorexerziert wurde, dass man die Gesellschaft schließen muss. Bei der Aufhebung der Schließungen waren sie dann aber inzwischen so systemirrelevant geworden, dass man sie ewig schmoren lassen konnte, und deswegen fällt mir das Wort systemrelevant auf den Wecker!"

© Josef Beyer/Münchner Kammerspiele

Da war noch alles okay: Spielzeit-Pressekonferenz

Die Frage, was einer Welt fehlt, die meint, ohne Kunst auskommen zu können, bedeutet ins Positive gewendet auch: Was macht eine Welt mit Kunst reicher, was kann Kunst in der Welt bewegen? In diesem Sinne hat Filmemacherin Cana Bilir-Meier ihren Beitrag gestaltet, "Land der Träume", so der Titel ihres Plakats, der zugleich Titel des mutmaßlich ersten migrantischen Theaterstücks war, das in München je aufgeführt wurde und in dem damals Bilir-Meiers Mutter mitspielte.

Die Inszenierung lief 1982 unter anderem an den Münchner Kammerspielen und wurde zum Teil heftig angefeindet, sogar eine Bombendrohung gab es. Bilir-Meier: "Das war ein aktivistisch migrantisches Theaterstück, da ging’s um die Geschichte der Gastarbeiter. Und ich habe das zusammengesetzt mit einem Gedicht einer Schriftstellerin, Semra Ertan, das heißt 'Warte auf mich'. Semra Ertan ist in den Siebzigern nach Deutschland gekommen, sie war meine Tante, hat viele Gedichte geschrieben über ihre Situation als Migrantin. Und mir ging es darum, diese aktivistische Kunst der Stadtgeschichte, die es gibt, die aber leider unsichtbar ist, in den Stadtraum zurück zu bringen."

© Arno Declair/Münchner Kammerspiele

Rammdösig in der Krise

Kunst wird immer produziert

Cana Bilir-Meier nutzt also die Kunst, um unterdrückten Stimmen und verdrängten Themen Aufmerksamkeit zu verschaffen: "Vielleicht geht es gar nicht darum, dass wir uns eine Welt ohne Kunst vorstellen, weil ich denke, Künstlerinnen und Künstler werden trotzdem immer Kunst produzieren, sondern eher um so was Utopisches: Wie wollen wir in Gemeinschaft leben? Und diese Fragen sind, glaube ich, in den Plakaten sehr stark."

Noch schlimmer als eine Welt ohne Kunst wäre für Matthias Lilienthal Kunst ohne Welt. Für reine L'art pour l'art war der scheidende Intendant der Münchner Kammerspiele noch nie zu haben. Und so will auch diese Plakatausstellung, mit der die ganze Stadt bespielt wird, Anstoß zur Auseinandersetzung mit Welt und Gesellschaft geben. So wird Kunst dann doch – trotz Matthias Lilienthals verständlicher Aversion gegen das Wort – "systemrelevant": "Die einzelnen Plakate laden sich, genau wie wir das mögen, mit Inhalten stark auf."

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!