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Gefechtslärm der Geschichte: Oper "Dantons Tod" in München | BR24

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatzthater

Der Mob greift durch: "Dantons Tod"

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    Gefechtslärm der Geschichte: Oper "Dantons Tod" in München

    Der junge Gottfried von Einem, einst selbst Hitler-Anhänger, begeisterte mit diesem aufrüttelnden Werk gegen Diktatur und verblendete Schreihälse 1947 die Salzburger Festspiele. Günter Krämer inszenierte am Gärtnerplatztheater beklemmend aktuell.

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    Es wird viel gebrüllt in dieser Oper, eigentlich nur gebrüllt, als ob alle Beteiligten gegen den ohrenbetäubenden Lärm der Geschichte ansingen. Tatsächlich begann der junge Komponist Gottfried von Einem sein Werk unmittelbar nach dem Attentat auf Hitler im Sommer 1944. Fertiggestellt wurde "Dantons Tod" dann während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, zwei Jahre später. Erst interessierte sich der "Großdeutsche Rundfunk" der Nazis für diesen Stoff, der an der Semperoper in Dresden auf die Bühne kommen sollte, dann war die Uraufführung schließlich im Sommer 1947 bei den Salzburger Festspielen, die damals noch mitten in Elend und Not stattfanden. In der Stadt gab es genauso viele Flüchtlinge wie Einwohner, alle waren sie Überlebende. Deshalb traf Gottfried von Einem den Nerv der Zeit, denn in dieser knapp zweistündigen Oper geht es, wie der Titel schon sagt, nicht um Revolution und Fortschritt, nicht um Politik und Utopien, sondern ums Sterben, Leiden, Todesangst und Verzweiflung.

    © Christian POGO Zach/Gärtnerplatzthater

    Leichen ohne Ende

    Ordnung mit dem Rasiermesser

    "Dantons Tod" ist so unausweichlich wie absehbar, das Mahlwerk der Geschichte nicht aufzuhalten, das Geschrei des Volkes unbarmherzig, jede Verteidigungsrede so aussichtslos wie vor dem Volksgerichtshof der Nazis. Eine düstere Oper für eine grauenhafte Zeit. Und so, wie Regisseur Günter Krämer sie gestern Abend auf die Bühne des Gärtnerplatztheaters gebracht hat, beklemmend aktuell. Ein schwarzer Mob tobt auf den Straßen, schwarz die Sonne darüber, schwarz die Fahnen: Ist ja völlig egal, unter welchen Farben diese Meute unterwegs ist. Sie ist enthemmt, hasserfüllt und will den Mann mit dem Schnupftuch aufhängen, einfach deshalb, weil er anders ist, womöglich Adeliger. Robespierre geht dazwischen, sieht mit seinem akkuraten weißen Hemd und der Krawatte aus wie ein Mormone. Die Tugend selbst, und immer bereit, mit dem Rasiermesser für Ordnung im Land zu sorgen. Danton und seine Freunde, selbst Revolutionäre, ekeln sich vor dieser Art Heuchelei und enden dafür auf dem Schafott, heulend und wimmernd, umkreischt von den Massen. Aus der Revolution wurde Diktatur, und niemand konnte (und wollte) sie aufhalten.

    © Christian POGO Zach/Gärtnerplatzthater

    Solidarität hilft nicht gegen die Guillotine

    Bei Büchners Text tränen die Augen

    Günter Krämer und sein Ausstatter Herbert Schäfer zeigten das alles als eisige Versuchsanordnung im Stil von Bertolt Brecht, nur ohne Gardine, dafür mit Gaze-Vorhang. Auf der Bühne dreht sich eine Leuchtwand wie im Fußballstadion, blendend hell die Buchstaben darauf, geradezu gleißend der Text von Georg Büchner, bis die Augen tränen. Davor ein langer Tisch, an dem gefeiert, gehurt, gerichtet und gemordet wird. Die Angeklagten sämtlich in Unterhosen, dicht aneinander gedrängt, zitternd vor Angst. Der Ankläger in roter Robe mit einem Stapel Akten. Ein Bürokrat an der Todesmaschine. Harte, unerbittliche, niemals peinliche Bilder für eine nervenaufreibende Leichenschau im Seziersaal des 20. Jahrhunderts. Lernen lässt sich aus "Dantons Tod" nichts, denn Gottfried von Einem nimmt erklärtermaßen keine Stellung, moralisiert nicht, das war 1947 nicht mehr "in Mode". Er selbst war erst begeisterter Hitler-Fan, dann angepasster Mitläufer, schließlich österreichischer Pessimist. Und vom früh verstorbenen Textdichter Georg Büchner lässt sich auch nicht gerade behaupten, dass er Zuversicht verbreitete.

    © Christian POGO Zach/Gärtnerplatzthater

    Die Masse Mensch außer Rand und Band

    Akustisches Tollhaus

    Musikalisch hat diese Oper also beißende Schärfe verdient, und dafür sorgte Dirigent Anthony Bramall, vor allem nach der Pause, in der großen Gerichtsszene. Der im Saal verteilte, bestens geprobte Chor hatte hier jede Menge zu tun und krakeelte tatsächlich so authentisch wie seinerzeit womöglich die Mitglieder des Pariser Konvents. Ein akustisches Tollhaus, was hier uneingeschränkt als Lob zu verstehen ist! Mathias Hausmann in der Hauptrolle des Danton und Daniel Prohaska als Gegenspieler Robesspierre waren von ätzender Leidenschaft getrieben, Alexandros Tsilogiannis als sensibler Camille Desmoulins hätte noch etwas intensiver spielen, Levente Páll als intriganter Saint-Just martialischer auftreten können. Insgesamt freilich eine in jeder Hinsicht überzeugende Ehrung zu Gottfried von Einems 100. Geburtstag, und eine lärmende Warnung davor, die Geschichte aus den Augen zu lassen.

    © Christian POGO Zach/Gärtnerplatzthater

    Auf dem Schafott

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