Der russische Präsident steht hinter aufgereihten Zuschauern
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Putin bei einer Kranzniederlegung

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"Gebt ihm seine Pillen": So zerlegen Russen Putins "Panikmache"

In einem TV-Interview warnte der russische Präsident vor der Zerstückelung seines Landes durch den Westen und rief seine Landsleute zur "Einigkeit" auf. Doch das Echo ist alles andere als patriotisch: "Wenn er Räder hätte, wäre er eine Straßenbahn."

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Nach einem Jahr Krieg rede der Kreml nicht mehr über die Aufteilung der Ukraine, sondern über die Zerstückelung Russlands: "Das weckt natürlich Optimismus und setzt auf eine gewisse positive Art und Weise Akzente", so der nationalistische Militär-Blogger "Alex Parker" mit beißender Ironie: "Ja, sie wollen uns vernichten, uns zerstückeln, aber leider kann man nichts dagegen machen." Wenig später legte der wütende Telegram-Kommentator mit immerhin 30.000 Followern nach: "Geht es uns wirklich so schlecht? Warum erzählst du uns das jetzt?"

"Es wird Moskauer geben"

Anlass für diese sarkastische Abrechnung mit Putin: Der Präsident hatte dem ersten Kanal des russischen Fernsehens am Sonntag ein Interview gegeben. Laut staatlicher Nachrichtenagentur TASS sagte er: "Ich weiß nicht mal, ob eine solche ethnische Gruppe wie das russische Volk in der Form, in der es heute existiert, überleben kann. Nun, es wird Moskauer, Leute aus dem Ural und so weiter geben." Er habe es "schwarz auf weiß", so Putin, dass der Westen das Land aufteilen und sich stückweise einverleiben wolle: "Wir sind natürlich gezwungen, darauf zu reagieren."

Internationale Medien werteten das als Alarmzeichen. Der Präsident wolle damit deutlich machen, dass es aus seiner Sicht um die "Existenz" Russlands gehe und somit alle militärischen Mittel recht seien. Eher rätselhaft war Putins Bemerkung, es sei Angelegenheit des Westens, "das alles zu verstehen oder auch nicht", Russland könne schließlich nicht in die Köpfe seiner Widersacher schauen.

"Trümmer des Imperiums begraben die halbe Welt"

Auch der höchst umstrittene, weil weitgehend erfolglose Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte vor wenigen Tagen Alarm geschlagen: "Heute sind wir erneut in ernsthafter Gefahr. Mit Hilfe der Ukraine versucht der kollektive Westen, Russland zu zerstückeln, es seiner Unabhängigkeit zu berauben." Das sieht nach einer recht verzweifelten Kreml-Strategie aus, die auf Panikmache setzt. Der erste, der diesen schrillen Ton vorgab, war Ex-Präsident Dmitri Medwedew: "Wenn Russland die Spezialoperation stoppt, ohne einen Sieg zu erringen, wird Russland nicht länger existieren, es wird in Stücke gerissen."

In einem Kommentar für die regierungsnahe "Iswestija" legte der zunehmend fatalistische Medwedew nach: "Die Geschichte zeigt noch etwas anderes: Jedes zusammengebrochene Imperium begräbt die halbe Welt oder sogar noch mehr unter seinen Trümmern. Es scheint, dass diejenigen, die erst die UdSSR zerstört haben und jetzt versuchen, die Russische Föderation zu zerstören, das nicht verstehen wollen." Eine "Welt ohne Russland" sei überflüssig, wiederholte der wortradikale Kreml-Prediger, deshalb gehe es um nichts weniger als den "Fortbestand der Zivilisation".

"Vielleicht sucht er noch ein Jahr"

Der kremlnahe Politologe Sergej Markow hielt Putins Statement für eine "drastische Korrektur" aller bisherigen Aussagen. Der Präsident gebe allmählich das Propaganda-Konzept einer "Spezialoperation" auf und nähere sich der Einsicht, dass es ein ausgewachsener Krieg ist, den Russland führt: "Einen solchen begrifflichen Wandel vollzog Stalin, als er von der Ideologie des internationalen Marxismus zur Ideologie des Kampfes des russischen Volkes gegen die [deutsche] Aggression wechselte." Markow verlangte vom Kreml, schneller die Realität zu akzeptieren: "Wann Putin das gescheiterte Spezialoperations-Konzept hinter sich lässt, ist immer noch nicht klar. Vielleicht sucht er noch ein weiteres Jahr nach irgendetwas."

"Warum haben sie dort Immobilien gekauft?"

So vergleichsweise zurückhaltend sind die Teilnehmer in einem russischen Debattenforum nicht. Dort wimmelt es von satirischen, hämischen, bösartigen und verzweifelten Kommentaren. Die Russen würden sich wohl bald in die "Diaspora" im Ausland begeben müssen, schreibt jemand, und dort dürften sie sich dann nach Herzenslust gegenseitig "hassen", wie sie es außerhalb der Landesgrenzen gern hielten. Der Westen wolle nicht etwa Russland "eliminieren", sondern "Putin und seine Komplizen". Ein weiterer meint: "Putin spaltet das Land seit über zwanzig Jahren, und jetzt will er es einigen."

Aufschlussreich, wie der Propaganda-Unsinn von Putin in seine Einzelteile zerlegt wird. So hatte der Präsident angemahnt, Russland müsse jetzt, wo seine Existenz auf dem Spiel stehe, das nukleare Potential des Westens ernst nehmen. Dazu meinte ein gewitzter Kommentator: "Damit fangen wir nach einem Jahr an? Ich dachte, die Amerikaner können uns innerhalb von Stunden angreifen." Ein ebenso hellsichtiger Skeptiker verwies darauf, dass die russische Elite bisher gern im Westen weilte: "Wenn sie uns alle vernichten wollen, warum haben unsere Anführer dann ihr Geld dort aufbewahrt, Kinder zum Lernen hingeschickt, Immobilien gekauft? Sie würden in Russland sitzen und nicht mit der Staatsbürgerschaft anderer Länder auffallen."

"Nur mit Nudeln auf den Ohren erträglich"

Auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist folgender Einwand: "In den neunziger Jahren konnte unser Land mit bloßen Händen eingenommen werden. Wir hatten einen betrunkenen Jelzin, Dollars in der Hand, unsere Armee war durch den Tschetschenienkrieg geschwächt. Sie hätten uns einfach nehmen und aufteilen können. Aber kein Westen griff an und teilte das Land. Es kam keine NATO."

Ebenso schlagend folgendes Argument: "Wenn das Ziel des Westens darin besteht, Russland zu eliminieren, warum haben sie dann den Gasfluss durch die Ukraine wieder erhöht?" Und auch nicht ganz abwegig: "Wenn wir so viel Angst haben, dass der Westen unseren sibirischen Reichtum klaut, warum geben wir diesen Reichtum dann jetzt für einen Cent an China, Indien und Afrika?"

Abgesehen von diesen konkreten Einwänden gibt es reichlich Verweise auf Putins Alter und Gesundheitszustand. "Gebt ihm seine Pillen", bittet jemand ironisch, ein anderer: "Demenz ist glücklicherweise nicht heilbar." Das alles sei nur "mit Nudeln auf den Ohren" erträglich, ist zu lesen, eine Anspielung darauf, dass kürzlich ein kommunistischer Abgeordneter der Duma Putins Rede zur Lage der Nation mit Spaghetti über den Ohrmuscheln angesehen hatte. Das Video der Szene hatte er ins Netz gestellt. "Wenn Großvater Räder hätte, dann wäre es kein Großvater, sondern eine Straßenbahn", textete jemand dadaistisch.

"Brutstätte der Unruhe"

Im ultra-patriotischen Lager geben sich einige frustrierte Rechtsextreme geradezu sadomasochistischen Untergangsfantasien hin: "Russland wird sich in einen gigantischen 'Balkan' verwandeln, in eine ewige Quelle von Kriegen, in eine große Brutstätte der Unruhe. Es wird eine Weltbühne, auf der der soziale und moralische Abschaum aller Länder Gastspiele geben wird, allesamt kriminelle, politische und konfessionelle Abenteurer des Universums. Das zerstückelte Russland wird zu einem unheilbaren Geschwür der Welt."

Russische Medien informieren ihre Leser schon seit Tagen darüber, wie eine Aufteilung des Landes aussehen könnte. So wie es aussieht, macht diese Vorstellung vielen Russen allerdings noch keine Angst, anders als es der Kreml wohl beabsichtigt. Und in der Tat waren zu Beginn des Krieges häufig Karten zu sehen, in denen die Ukraine "filetiert" wurde - davon ist jetzt kaum noch die Rede.

"Falsche Entscheidung, falsche Annahme"

Es fehlte auch nicht der aktuelle Hinweis, dass mobilisierte Soldaten aus Irkutsk "aus irgendeinem Grund nicht heldenhaft sterben" wollten. Tatsächlich hatten frisch Einberufene aus Sibirien einen "Notruf" an Putin geschickt, wonach sie von ihren Vorgesetzten an der Front nur als "Kanonenfutter" betrachtet und mit Maschinengewehren bedroht würden. Der zuständige Gouverneur Igor Kobzew meldete sich flugs per Telegram, er habe "zur Klärung Einzelgespräche geführt", die Betroffenen würden demnächst einer "neuen Einheit" zugeteilt.

Der prominente Blogger und frühere Sicherheitspolitiker Alexander Chodakowski warnte vor offenem Defätismus: "Unsere Lage, in der so viel Negativität über den Ablauf der Operation geäußert wird, ist das Ergebnis einer falschen Entscheidung, die auf einer falschen Annahme beruhte." Russland zeichne sich leider nicht "durch Stabilität" aus, deshalb müsse es sich "dringend" zum Besseren wandeln.

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